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27. Februar 2012

Ein Arbeitgeber als Unternehmer, Coach und RAV

Hans-Ulrich Müller beschäftigte über 250 Angestellte der Kartonfabrik in Deisswil weiter. Dank seinem auf drei Säulen basierenden Vorgehen haben heute weit über 90% davon einen neuen Job mit Zukunft.

Die ursprüngliche Karton- und Papierfabrik in Deisswil wurde bereits 1876 gegründet und 1992 an die ausländische Mayr-Melnhof-Gruppe verkauft. Diese legte das Werk 2010 still, womit neben der Unternehmenstradition auch die Beschäftigung von 253 Menschen ein Ende fand. Der CS-Banker Hans-Ulrich Müller, der bereits im einen oder anderen früheren Fall neben seinem Hauptjob als eine Art alternativer Unternehmer grosse soziale Verantwortung an den Tag legte, übernahm das Werk und beschäftigte vorerst alle Angestellten weiter.
Sein Ziel war es nicht, das bisherige Werk weiterzuführen. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, verbot doch das Konkurrenzverbot durch den Verkäufer Mayr-Melnhof eine Aktivität auf demselben Gebiet wie zuvor (Karton-Herstellung).

Beat Wanzenried (63) arbeitet im Profitcenter im Bernapark weiter.
Werkstattchef Beat Wanzenried (63) arbeitet im Profitcenter im Bernapark weiter.

Mit einer auf drei Pfeilern basierenden Strategie schaffte es Müller, den von Arbeitslosigkeit bedrohten Leuten des früheren Werks nicht nur für einige Monate Arbeitsplatzsicherheit zu verschaffen, sondern bei einer überwiegenden Mehrheit auch, dass sie bis heute eine neue Perspektive gefunden haben. Ende Februar 2012 haben über 230 einen Job, teilweise am alten, in etwa jedem fünften Fall aber auch an einem neuen Standort.
Wie erreichte Müller dies?

Drei Säulen des sozialen Arbeitgebers

1. Unternehmerische Aktivität: Auch wenn Müller primär das Schicksal und die Möglichkeiten der Angestellten im Blick hatte, brauchte es als ersten Pfeiler ein Unternehmen. Mit der Bernapark schuf Müller ein Gefäss für viele kleinere Nachfolgefirmen des alten Industriestandortes. Ziel ist, bis ca. 2020 auf dem Areal des Bernaparks konstant 250 oder bestenfalls 300 Personen zu beschäftigen. Derzeit bieten schon 63 Kleinunternehmen rund 200 Arbeitsplätze an, davon handelt es sich bei 160 um ehemalige Arbeiter der Kartonfabrik.
Zudem beschäftigt noch ein Profit- und Costcenter 30 ehemalige Angestellte der Kartonfabrik an selber Stätte. Die erbrachten Leistungen werden auch extern Kunden angeboten, hauptsächlich ging es aber darum, die Fähigkeiten und Interessen der Mitarbeiter weiterhin optimal zu nutzen. Bald dürften einige dieser Stellen wegfallen, im Einzelfall befürchtet Müller hier auch die eine oder andere Kündigung.

2. Persönliches Training: Müller und seine Leute berieten und coachten die Angestellten unterwegs zur Abschätzung Ihres Potentials und künftiger Job-Möglichkeiten. Dies in der Absicht, zuerst gründlich die Interessen und Chancen auszuloten, die später fast wie eine Art 'Personal Trainer' weiter abgeklärt und verfolgt wurden. Hintergrund: Mayr Melnhof beschäftigte überdurchschnittlich spezialisierte und qualifizierte Arbeitnehmer, die jedoch oft Jahre oder Jahrzehnte ausschliesslich in der Kartonfabrik berufliche Erfahrung aufwiesen und ohne weiteres in dieser Branche kaum mehrheitlich einen Job finden konnten.

3. «RAV»: Müller fungierte für viele mit seinen Kontakten als eine Art Jobbörse mit wertvollen Kontakten in der Unternehmenswelt. Die Arbeitsvermittlung half 160 Personen bei der Stellensuche und allfälligen Umschulungen. Sie verschaffte bisher aber auch allein schon 35 eine Stelle in kleinen und mittelgrossen Unternehmen (KMU) der Region, andere kamen bei bekannten Betrieben wie Meyer Burger in Thun oder Lowa in Interlaken unter.

Autor: Reto Meisser