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29. April 2013

«Arbeit, die sich gar nicht wie Arbeit anfühlt»

Über 40 Jahre lang freudlos chrampfen, dabei ein Burn-out riskieren und doch nie wirklich Karriere machen? Es gibt einen besseren Weg durchs Arbeitsleben, sind die beiden Unternehmensberater Anja Förster und Peter Kreuz überzeugt. Sie empfehlen, aus dem Job eine «bedeutsame Tätigkeit» zu machen, die man mit Freude anpackt. Als Vorbild nennen sie Rockmusiker Bruce Springsteen und dessen mitreissende Energie auf der Bühne.

Unternehmensberater Peter Kreuz und Anja Förster
Unternehmensberater mit aussergewöhnlichen Ansätzen: Peter Kreuz und Anja Förster.

MUSTERKNABE GOOGLE?
Die Wohlfühloase: Google gilt als Traumarbeitgeber. Wie der Konzern bei seinen Mitarbeitern für leuchtende Augen sorgt und warum das nicht nur positiv ist.

Anja Förster, Peter Kreuz: Menschen, bei denen während der Arbeit die Augen funkeln, sind Ihre Idealvorstellung. Warum?

Förster: Augen funkeln nur dann, wenn Arbeit mehr ist, als bloss Geld zu verdienen. Die Frage, die wir in unserem Buch stellen, lautet daher: Wie können wir wieder mehr das tun, was uns inspiriert und uns das Gefühl gibt, in unserem Element zu sein?

Wann haben Sie in Ihrem Supermarkt das letzte Mal eine Verkäuferin mit funkelnden Augen angetroffen?

Förster: Das ist nicht die Regel, aber es gibt sie sehr wohl. Das sind die Menschen, bei denen Hände, Hirn und Herz eine Einheit bilden. Sie arbeiten, weil das Arbeiten selbst etwas Befriedigendes ist und weil das, was dabei herauskommt, für sie sinnvoll ist.

Ist das nicht eher dick aufgetragenes, aber letzten Endes oberflächliches Getue, wie es in den Vereinigten Staaten bis zum Erbrechen zelebriert wird?

Kreuz: Nein, seine Augen haben gefunkelt; und daran sieht man, ob es ernst gemeint ist oder nicht. Augen können nicht lügen.

Aber muss es überhaupt so sein, dass Augen stets funkeln? Gehören Routine und Langeweile nicht ebenso zum Leben, speziell zum Arbeitsleben?

Förster: Klar gehört das auch zum Arbeitsalltag. Schlimm finde ich es, wenn Routine und Langeweile den Grossteil der Arbeit ausmachen. Dann läuft etwas falsch. Denn in einem solchen Klima können weder Kreativität noch Engagement entstehen.

Viele Unternehmen sind heute strukturell noch Fabriken. – Peter Kreuz

Dem wollen Sie mit einer radikalen Forderung zuleibe rücken: «Hört auf zu arbeiten!» heisst Ihr Buch. Reine Provokation – oder steckt da mehr dahinter?

Förster: Da steckt mehr dahinter. Wir wollen die Menschen dazu motivieren, mehr das zu tun, was für sie wirklich zählt.

Aber das ist in der bürgerlichen Gesellschaft doch explizit die Arbeit. Oder nicht?

Förster: Nicht in dem Sinne, dass man einfach ein simples Tauschgeschäft macht: Arbeit gegen Geld und das 40 Jahre lang bis zur Pensionierung.

Sie lehnen das ab, was Sie in Ihrem Buch als «gute Arbeit» bezeichnen. Warum?

Kreuz: Unter guter Arbeit verstehen wir die vertraute, nützliche und produktive Arbeit, mit der wir den Grossteil unserer Zeit verbringen. Sie macht uns erfolgreich im Sinne einer guten Karriere. Sie ist wichtig für Unternehmen und sie ist der Schmierstoff für unsere Wirtschaft, damit die Gewinne auch im nächsten Quartal noch fliessen. Und sie ist sozial anerkannt und liefert das Signal: Alles läuft gut, ich komme voran und mache das, was alle empfehlen: Arbeite dich hoch, verdiene mehr Geld, konsumiere mehr.

Am meisten fürchten sich die Menschen davor, keine Arbeit zu haben. In Europa hat die Arbeitslosigkeit Rekordwerte erreicht. Ist es da nicht zynisch zu fordern, mit dem Arbeiten aufzuhören?

Kreuz: Es gibt keine Jobsicherheit, das ist ein Mythos. Das Verrückte ist, dass wir Angst um unsere Arbeitsplätze haben, die aber aus Effizienzgründen so oder so wegfallen, ob wir uns nun ducken oder nicht. Deshalb macht es keinen Sinn, sich kleinzumachen und zu hoffen, dass dadurch Jobsicherheit entstünde. Die einzige belastbare Sicherheit liegt in uns selbst und unserer Fähigkeit, mit Engagement, klugen Ideen und kreativen Problemlösungen einen Beitrag zu leisten, der nicht so schnell austauschbar ist.

Sie schildern eine Wirtschaftswelt, die ziemlich kaputt ist. Lehnen Sie das bestehende System ab?

Kreuz: Wir glauben, dass wir in unserer Arbeitswelt immer häufiger an Grenzen stossen. Wie zuvor erwähnt: Wir befinden uns in einem Hamsterrad. Wir kommen nirgendwo hin, aber wir müssen immer schneller werden, nur um unseren Platz zu halten. Das System produziert damit systematisch Schuldige. Es ist nicht zu schaffen, nie. Und wenn man glaubt, alles für den Job getan zu haben, dann fühlt man sich schuldig, weil man nicht genug meditiert oder für Fitness und Partnerschaft getan hat.

Schnell zu rennen ist nicht falsch. Pervers ist, wenn man nicht mehr weiss, wohin. - Anja Förster

Schon Alice im Wunderland wird von der roten Königin belehrt: Man muss sehr schnell rennen, nur um am gleichen Ort zu bleiben. Ist Schnellerlaufen nicht der Preis, den man in einer globalisierten Wirtschaft ganz einfach bezahlen muss?

Förster: Mit dem Resultat, dass wir heute eine riesige Burn-out-Debatte haben? Das ist doch irre.

Hunderte von Millionen Chinesen warten darauf, unseren Job zu übernehmen.

Förster: Schnell zu rennen ist an sich nicht falsch. Pervers ist es jedoch, wenn man nicht mehr weiss, wohin und warum man rennt. Natürlich müssen auch kreative Unternehmer sehr fit sein. Die Erfinder der Freitag-Taschen beispielsweise mussten zumindest in den ersten Jahren sehr viel rennen. Aber sie hatten ein grosses Ziel, ein Warum.

Die logische Konsequenz wäre auszusteigen. Davon haltet Ihr aber auch nichts.

Förster: Es gibt haufenweise Ratgeber mit der Aufforderung: Mach dein Ding. Leider klappt das meist nicht. Das Geld kommt nicht automatisch, nur weil man sich verwirklicht. Wer die Resonanz im Markt und die Bedürfnisse der Kunden vernachlässigt, der scheitert. In Berlin sind die Cafés voll mit Typen, die ihr Ding machen, mit ihrem Laptop rumsitzen und Kaffee trinken, aber keinen müden Euro verdienen.

Ihr nennt diese Typen relativ unfein «urbane Penner».

Kreuz: Die urbanen Penner glauben fälschlicherweise, dass alles gut wird, wenn alle sich selbständig machen. Doch es gibt gute Gründe für die Existenz von grossen Unternehmen. Die Flucht in das eigene Ding an sich kann nicht die Lösung sein. Es geht darum, die Dinge da zu verändern, wo du bist.

Eure Lösung lautet: Gute Arbeit muss in eine bedeutsame Tätigkeit umgewandelt werden. Ist das nicht einfach ein billiges Spiel mit Worten?

Förster: Mit bedeutsamen Tätigkeiten ist Arbeit gemeint, die sich gar nicht wie Arbeit anfühlt. Wir alle kennen solche Flow-Momente. Wenn wir bei einer Aufgabe das Gefühl haben, voll im Element zu sein. Wir fühlen uns mit positiver Energie aufgeladen, die tief von innen kommt und nach aussen hin spürbar ist.

Als Beispiel eines Flows führt Ihr Bruce Springsteen an. Ist das vom gewöhnlichen Arbeitnehmer nicht ein bisschen viel verlangt?

Kreuz: Wer Bruce Springsteen einmal bei der Arbeit auf der Bühne erlebt hat, weiss, wovon wir reden. Dieser Typ strahlt eine mitreissende Energie aus, gepaart mit einem fulminanten Arbeitsethos — keine Pause, keine Vorband, Zugaben ohne Ende. Ist es ein Naturgesetz, dass nur Künstler begeistert und begeisternd tun können, was sie täglich tun? Dass das für gewöhnliche Arbeitnehmer nicht gelten kann? Ich glaube nicht!

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: Bernd Hartung