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20. April 2015

Die Anzeichen einer Depression

Oft fragen sich Verwandte oder Freunde, ob jemand an einer Depression leidet, bevor die/der Betroffene es selbst äussert. Patentrezepte fehlen, Ferndiagnosen helfen kaum, Sensibilisierung aber schon. Warnhinweise und erste Schritte.

Gespräch bei der Psychologin
Das Gespräch bei der Psychologin. (Bild: Getty Images)

Ihre Partnerin oder ein naher Freund scheint weniger motiviert, trübseliger und auch sonst verändert zu sein? Das muss nicht unbedingt mit einer Depression zu tun haben. Gleich davon auszugehen oder gar selbst das Problem an die Hand zu nehmen, ist in der Regel verfrüht oder gar schädlich. Ohnehin sollte man aus grosser Zuneigung und Verantwortungsgefühl die eigenen therapeutischen Fähigkeiten nicht überschätzen. Häufig ist man zwar objektiv gesehen nicht Teil des Problems, gehört aber für Betroffene zum nahen Umfeld und damit schlicht auch zur Situation, in der sie/er steckt ...

Also bei Verdacht sich nichts anmerken lassen, die Anzeichen ignorieren? Genauso wenig. Die Aufmerksamkeit und Sensibilität der Nächsten kann für das spätere Meistern einer Depression mitentscheidend sein. Indem man selbst in drastischen Momenten wie einem geäusserten Suizidwunsch (unten) möglichst ruhig bleibt, zuhört, danach aber einen möglichen Ausweg in den Raum stellt. Oft schlicht darum bittet, sie/er möge einen Therapeuten aufsuchen.
Wichtig ist, dass man nicht mit zusätzlichen Druckversuchen auf die schwierige Situation reagiert, in der jemand steckt. Gar nicht so leicht, denn mit der Zeit führt die Depressionserkrankung oft dazu, dass Betroffene ihren Rollen und Aufgaben in Familie, Beruf oder Beziehung nicht mehr vollumfänglich nachkommen können.

DIE MERKMALE DER WHO-ÄRZTE
Welches sind die wichtigsten Züge der Depression? Die Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehen in ihrer meist hinzugezogenen Definition aus dem Klassifizierungssystem ICD-10 von einer Störung des Gemütszustands (affektive Störung) aus. Um diesen Befund zu erfüllen, müssten Verwandte oder Freunde für die Experten über mehr als zwei Wochen zwei der folgenden drei Hauptmerkmale feststellen:

1. Die Person legt eine stark gedrückte Stimmung an den Tag
2. Sie zeigt Interesse- bzw. Freudlosigkeit (nicht nur bei bestimmten Themen)
3. Sie wirkt müde bis träge, kann sich zu kaum etwas aufraffen (Antriebslosigkeit)

Zusätzlich müssten Ihnen über dieselbe Dauer im Minimum zwei Zusatzsymptome (oder Nebensymptome) auffallen:

a) Sie geht nicht, stark verlangsamt oder unzutreffend auf Inputs ein (Konzentrations-, Aufmerksamkeitsschwäche)

b) Übernimmt automatisch Verantwortung für missglückte Unternehmungen, Pläne (vermindertes Selbstwertgefühl / Selbstvertrauen)

c) Bezieht Beziehungsprobleme und Streitgründe vorschnell allein auf sich (Schuldgefühle)

d) Sie malt dauernd schwarz und lässt Chancen aus (gehemmtes Verhalten / Pessimismus)

e) Sie hat bereits Selbsttötungsgedanken geäussert oder (mehrfach) darauf angespielt (Suizidabsicht)

f) Hat grosse Mühe beim Ein- und/oder Durchschlafen (Schlafstörungen)

g) Sie äussert kaum mehr Hunger, scheint das Essen zu vergessen (Appetitlosigkeit)

WEITERE ANZEICHEN
Über die Festlegung nach ICD-10 hinaus können neben psychischen auch etliche körperliche Begleiterscheinungen als Anzeichen von Depression gedeutet werden. Bloss ist ihr Auftreten noch weniger eindeutig an die Krankheit der Depression gebunden, sondern kann auch mit etlichen anderen Phänomenen zusammenhängen.

- Psychologen gehen davon aus, dass weit über die Hälfte der Depressiven zugleich an ernst zu nehmenden Angstgefühlen leidet; einer Angststörung, die behandelt werden müsste.
Seltener sind sich festsetzende Wahnideen (bei der sogenannten psychotischen Depression).

- Neben den ICD-Merkmalen wie niedergeschlagene Stimmung, Schuldgefühle und mangelndes Selbstvertrauen trifft man in Beschreibungen auch oft auf eine (markant) erhöhte Reizbarkeit.

- Bei den physischen Begleiterscheinungen wird am häufigsten ein stetiger (manchmal wachsender) Druck auf der Brust (hinter dem Brustbein) genannt.

- Im Weiteren gehören auch wiederkehrende Kopf- oder Rückenschmerzen, Kiefer- und Zahnprobleme sowie schlecht funktionierende Verdauung (etwa Verstopfung) zu den körperlichen Anzeichen.

- Im Extremfall kommt es zu stark verlangsamten Reaktionen sowie starrer («eingefrorener») Mimik beziehungsweise Gestik bei Bewegungen, insbesondere beim Sprechen.

- Neben dem Zusatzsymptom der Appetitlosigkeit wird auch der Verlust an Libido häufig erwähnt.

EIGENE BETROFFENHEIT ZURÜCKSTELLEN
Was tun, wenn bei jemandem über einige Wochen oder Monate mehrere der oben genannten Merkmale, allenfalls begleitet von gehäuften weiteren Anzeichen, auftreten?

Versuchen Sie vor allem ...

... aufmerksam zuzuhören, wenn die/der Partner(in) oder die nahestehende Person mit Ihnen sprechen will.

... sich zuerst mit Rekapitulieren des zuletzt gezeigten Verhaltens und vorsichtigen Rückfragen ein Bild zu machen.

... bei sich verdichtenden Anzeichen für eine Depression nicht selbst Therapiegespräche zu führen, sondern zum Aufsuchen eines Psychologen zu ermutigen.

... sich vorsichtig mit anderen Nächsten abzusprechen, wie sie die Situation wahrnehmen, und zu versuchen, möglichst oft für die Person da, zumindest erreichbar zu sein.

Besonders schwierig wird es für Partner(innen) und Verwandte, wenn die oder der Betroffene bereits Suizidabsichten geäussert oder einen Suizidversuch unternommen hat.
Dann besteht verständlicherweise die Gefahr, dass man diesen Willen auf eigene Fehler oder Probleme zurückführt und mit viel Liebe, Ablenkung und Überzeugungsversuchen für ein Weiterleben (zusammen) ungewollt noch mehr Druck ausübt. Vielleicht versteht man persönlich den Todeswunsch als Erpressungsversuch am Umfeld und thematisiert dies. Vielleicht entspricht man auch verzweifelt dem geäusserten Wunsch des Betroffenen, niemanden sonst zu informieren oder sich nach professioneller Hilfe umzusehen.

Sich selbst und die eigene Verletztheit – so sehr auch sie ihre Berechtigung hat – für eine Weile hintanzustellen, fällt schwer. Gleichwohl kann es mitentscheidend sein, mit mehreren der in der Fachliteratur empfohlenen Verhaltensweisen zu reagieren:

1. Hören Sie zuerst zu, ohne ihr/ihm die Gedanken ausreden zu wollen.
2. Gehen Sie auf die Äusserungen, auch Anspielungen mit Suizidcharakter ein. Sie signalisieren, dass Sie sie/ihn ernst nehmen und seine Lage für wichtig erachten. Spricht sie/er mit Ihnen darüber, besteht in den meisten Fällen noch Hoffnung.
3. Nehmen Sie den Wunsch der betreffenden Person nicht persönlich, führen Sie ihn nicht sogleich auf Ihre Beziehung zurück (selbst wenn sie problembehaftet sein sollte).
4. Holen Sie (nicht zuletzt aus Eigeninteresse!) Hilfe bei anderen Nahestehenden, gegebenenfalls beim Hausarzt, einer Beratungsstelle oder einem Psychologen.
5. Bitten Sie die Person, aus eigenem Antrieb psychotherapeutische Hilfe zu holen.

Mehr Infos: www.depression.ch

Autor: Reto Meisser