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18. Februar 2013

Antibiotika gezielt einsetzen

Wie und wann wirken die oft als Wunderheilmittel bemühten Wirkstoffe eigentlich, welche Unterschiede gibts etwa zwischen Breitband- und Schmalspektrum-Einsatz? Und vermögen sie nebst abgetöteten Bakterien und bei deren Vermehrungsstopp auch etwas gegen aggressive Viren?

Bei vielen Patienten herrscht noch immer der Gedanke vor, bei schwerwiegenden Infekten helfe Antibiotika doch immer. Wie es bereits der Name nahelegt, töten die starken Medikamente mit Wirkstoffen aus speziellen Mikroorganismen ja angeblich alles Unerwünschte im Körper ab. Deshalb greifen viele zu daheim von früheren Krankheitsfällen noch lagernden Antibiotikareserven und kümmern sich davor weder um eine ärztliche Diagnose noch darum, welches Antibiotikapräparat sie gerade zur Hand haben und ob es gegen ihre starken Schmerzsymptome respektive ihren jeweiligen Krankheitstyp überhaupt hilfreich und angemessen sein kann.

Dieses Verhalten birgt aus zwei Gründen Gefahren in sich:

1. Der Einsatz der Antibiotika nützt in der jeweiligen Krankheitssituation schlicht nichts und schwächt den Patienten wegen den Nebenwirkungen wie Müdigkeit und weiteren (teils gravierenderen) Begleiterscheinungen zusätzlich.

2. Oftmaliger Einsatz von Antibiotika bei Krankheiten, in denen der Griff zu diesen starken Mitteln nicht notwendig wäre, lässt der Resistenz einiger Krankheitserreger im Körper (und mit der Zeit auch im Umfeld) gegen den Medikamenteneinsatz viele Chancen. Mit der Zeit trifft man mehrere (oft auseinander hervorgegangene) Erreger an, die auf verbreitete Antibiotika-Wirkstoff-Stämme gar nicht mehr ansprechen.
Das ist gefährlich, entfällt doch so bei späteren eventuell lebensgefährlichen Erkrankungen die oft letzte Möglichkeit, medikamentös überhaupt eingreifen zu können.

In der Folge klärt migrosmagazin.ch einige sich noch immer hartnäckig haltende Fehleinschätzungen von Antibiotika und Krankheiten auf:

DIE HÄUFIGSTEN MISSVERSTÄNDNISSE

A) Antibiotika hilft bei allen heftigen Infekten – auch bei solchen, die Viren verursacht haben.
Das ist ein kompletter, wenn auch weit verbreiteter Irrglaube: Gegen alle von Viren verursachten Krankheiten helfen Antibiotika letztlich gar nichts. Nur Bakterien als Erreger bieten den Antibiotika tatsächlich Angriffsfläche.
Dennoch wird allein bei stark geschwächten, oft älteren Personen auch nach Virusinfektionen vom Arzt bisweilen zum Antibiotikum gegriffen. Weshalb? Weil der Patient in seinem Zustand über keinerlei Abwehrkräfte gegen eine bakterielle (Zweit-)Infektion verfügt und bei einer schwereren bakteriellen Zusatzinfektion sein Leben riskieren könnte.

B) Antibiotikum ist doch gleich Antibiotikum. Nur in der Stärke respektive der Konzentration des Wirkstoffes unterscheiden sie sich.
Falsch. Tatsächlich gibt es unterschiedliche Arten im Bereich der Antibiotika. Insbesondere greifen nicht alle Medikamente der Antibiotika-Familie die feindlichen Bakterien auf dieselbe Weise an:
Die bakterizid aktiven Wirkstoffe versuchen die Bakterien unvermittelt abzutöten, die bakteriostatische Wirkung hingegen unterbindet erst die Vermehrung der Bakterien(zellen) und somit deren Verbreitung.

Ebenso grundsätzlich unterscheiden sich die Breitspektrum- von den Schmalspektrum-Antibiotika.
Letztlich greift nur eine spezifische Art von Antibiotikum-Wirkstoff eine Bakteriumsart gezielt an. Kennt man den Erreger genauer oder vermutet ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit, ist ein nur auf diesen Bakteriumsstamm ausgerichtetes Schmalspektrum-Antibiotikum am effizientesten. Sind die Bakterien unbekannt und reicht die Zeit nicht, um die Labor-Abklärung abzuwarten, wird klassischerweise zu einem breitspektralen Medikament gegriffen, das etliche Stämme anzugreifen vermag.
Zuletzt muss bei der Wahl des richtigen Medikaments auch darauf geachtet werden, dass Antibiotika unterschiedlich schnell in genug hoher Dosierung den Wirkungsort erreichen, an dem die Bakterien zu bekämpfen sind. Ist dieser Ort etwa im zentralen Nervensystem oder an einer anderen heiklen Stelle des Organismus, erreichen dies lange nicht alle Antibiotika.

C) Die Einnahme hat so lange zu erfolgen, wie die Symptome (stark) spürbar sind.
Dies ist eine gefährliche Annahme: In fast allen Fällen ist es (mit)entscheidend, dass nach der Diagnose und dem Verschreiben des Medikaments ein Therapiezyklus wirklich abgeschlossen wird!

D) Entweder ist ein Erreger von Beginn der Behandlung an resistent gegen das betreffende Antibiotikum oder nicht. Es wird einfach früher oder später festgestellt.
Das stimmt so ebenfalls nicht. Zwar ist die natürliche Resistenz häufiger, doch gibt es auch immer wieder Fälle von erworbener Resistenz, die sich erst während des Antibiotika-Einsatzes entwickelt. Öfters ist der Grund eine etwas zu niedrig angesetzte Dosierung des Medikaments oder eine unregelmässige respektive nicht zu Ende durchgeführte Einnahme (siehe auch C). Es sind aber auch andere Gründe möglich.

E) Zwangsläufig töten doch Antibiotika auch 'gutartige' menschliche Zellen ab.
Stimmt nicht: Antibiotika nützen prinzipielle Unterschiede im Aufbau und den Stoffwechselprozessen zwischen menschlichen und den bakteriellen fremden Zellen und greifen nur letztere an. Menschliche Zellen werden also nicht empfindlich geschädigt.

Ärztliche Abklärung ist bei Antibiotika unabdingbar
Ärztliche Abklärung ist bei Antibiotika unabdingbar: Blutentnahme beim Arzt (Bild Vera Hartmann)

WICHTIGE HINWEISE
Neben den Konsequenzen aus den oben beschriebenen Missverständnissen gilt es als Patient die drei folgenden Regeln einzuhalten:
1. Ohne ärztliche Diagnose und Begleitung ist vom Einsatz von Antibiotika (mit ganz wenigen Ausnahmen) abzusehen.
2. Machen Sie den Arzt unbedingt auf andere derzeit eingenommene Medikamente aufmerksam.
3. Unverträglichkeiten, zum Beispiel Allergie-bedingte, müssen dem Arzt ebenfalls genannt werden.

Autor: Reto Meisser