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18. Februar 2013

Antibiotika – der endlose Kampf gegen die Keime

Das erfolgreichste Arzneimittel in der Medizingeschichte verliert immer mehr an Wirkung: Immer öfter sind Bakterien resistent gegen Antibiotika – mit fatalen Folgen.

Hausarzt Hansueli Späth
Hausarzt Hansueli Späth nimmt einer 
Patientin Blut ab, um den Krankheits
erreger genau 
zu bestimmen.

Gezielt einsetzen: Wie und wann wirken Antibiotika, was sind die Unterschiede zwischen Breit- und Schmalspektrum-Einsatz? Und was vermögen sie gegen Viren auszurichten? Die häufigsten Missverständnisse und Infos auf einen Blick.

Eine Blasenentzündung zwang vor ein paar Wochen Natascha Gysin ihren Hausarzt aufzusuchen. Er verschrieb ihr ein Antibiotikum. Aber nach fünf Tagen verschwanden die Schmerzen nicht, wie sie sollten. Also konsultierte sie ihren Arzt noch einmal. Er gab ihr ein anderes Antibiotikum — zwei Tage später waren die Beschwerden weg. Der Befund des Labors: Der Erreger dieser Erkrankung war resistent gegenüber dem ersten Mittel.

So unspektakulär dieser Einzelfall anmuten mag, so besorgniserregend ist die starke Zunahme von Antibiotikaresistenzen in den letzten Jahren. Das europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten stellte jüngst eine allgemeine Zunahme von Antibiotikaresistenzen bei bestimmten Erregern fest, insbesondere von solchen, die Harnwegsinfekte oder auch Lungenentzündungen verursachen. Zugenommen haben ebenfalls die Bakterien, die gegenüber mehreren Antibiotika gleichzeitig resistent sind. Besonders gefürchtet sind die sogenannten MRSA-Keime in den Spitälern.

Die Resistenz hat zur Folge, dass bei Patienten mit lebensbedrohlichen Infektionen, zum Beispiel Blutvergiftungen, nur wenige Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen. Besonders gefährlich ist dies für geschwächte Menschen wie Ältere oder Frühgeborene.

Lange wurden Antibiotika allzu sorglos eingesetzt

Wie kam es zu dieser Situation? Antibiotikaresistente Erreger kommen vermehrt dort vor, wo ständig Antibiotika verwendet werden. So wurden Antibiotika früher in der Humanmedizin, aber auch in der Tiermedizin, teilweise bedenkenlos eingesetzt.

Antibiotika töten in der Regel fast alle Erreger ab. Jedoch können einige wenige überleben, wenn sie aufgrund einer Mutation gegenüber dem angewendeten Antibiotikum resistent sind. Diese resistenten Individuen vermehren sich umso mehr, je mehr Antibiotika verschrieben werden. Die ursprünglichen Antibiotika sind dann gegenüber diesen Keimen wirkungslos.

«Antibiotika sollen nur dann eingesetzt werden, wenn sie wirklich notwendig sind», sagt Hansueli Späth, Hausarzt in Langnau am Albis ZH. Selbstkritisch fügt er hinzu: «Wir Ärzte waren in den vergangenen Jahren oft etwas sorglos und haben es lieber einmal zu oft als zu wenig verwendet.» Heute sei dies anders, und neue Abklärungsmethoden würden helfen, die Erreger genau zu identifizieren. Virale Infekte bräuchten primär kein Antibiotikum, und auch nicht jede Angina oder Nebenhöhlenentzündung müsse unbedingt antibiotisch angegangen werden, betont der Hausarzt. Um die Mediziner in dieser Frage weiter zu sensibilisieren, setzt Späth auf die ständigen Fortbildungen und Schulungen der Ärzte. Umgekehrt erwartet er auch seitens der Patienten ein wachsendes Bewusstsein. So würde gerade bei der aktuellen Grippewelle öfters der Wunsch des Patienten nach einem Antibiotikum laut, obwohl dieses gegen die Grippeviren gar nicht wirke. «Zurückhaltung, Geduld wäre das Gebot, dazu gehört aber eine gute Aufklärung der Patienten», sagt Späth.

Neu entwickelte Antibiotika werden als «Reserve» benötigt

Gefordert ist auch die Pharmaindustrie: «Um Erfolg auf diesem Geschäftsfeld zu haben, müssen in ständig kürzeren Abständen neue Wirkstoffe entwickelt werden», sagt Roland Schlumpf vom Branchenverband Interpharma. Hinzu komme, dass die neuen Produkte von Swissmedic, der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde, zunächst nur als «Reservetherapie» zugelassen würden. Ziel ist, wo immer möglich die alten Antibiotika einzusetzen, damit die neuen Medikamente nicht «flächendeckend», sondern nur gezielt dort verwendet werden, wo die alten nicht wirken. Damit will man vermeiden, mit den neuen Antibiotika zu rasch wieder ein Resistenzproblem zu erzeugen. Ärzten und Krankenkassen wiederum ist es dadurch möglich, Nach­ahmerprodukten (Generika) den Vorzug zu geben. Insgesamt wird so das Geschäft mit neuen Antibiotika für die Pharmaindustrie weniger lukrativ.

Um der lebenswichtigen Antibiotika-forschung wieder neue Impulse zu geben, wurde eine europäische Partnerschaft zwischen der Pharmaindustrie und öffentlichen Institutionen wie Universitäten, Spitälern, Zulassungsbehörden oder Patientenorganisationen gegründet. Unterstützt wird die Initiative von einem Fonds der EU.

WAS SIND ANTIBIOTIKA?
Antibiotika sind Arzneimittel zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten wie Keuchhusten, Tetanus oder Hirnhautentzündung.
Der Wirkstoff wird aus den Stoffwechselprodukten von Mikroorganismen gewonnen. Die Bedeutung der Antibiotika als Heilmittel wurde Anfang der 40er-Jahre erkannt.

Autor: Stefan Müller

Fotograf: Vera Hartmann