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30. September 2013

Ansichten eines Esels

Bänz Friedli begibt sich ins Tierreich.

Ehrlich gesagt, bin ich ein Streber und freue mich, wenn bei «Stadt, Land, Fluss» schwierige Buchstaben kommen wie das Y. Während die Kinder noch «Ou, neei, Mann!» jammern, fülle ich mein Blatt schon eifrig aus. Stadt: Yaoundé. Land: Yucatán. Fluss: Yukon. Lied: «Yesterday». Freizeitbeschäftigung: Youtube. Speise: Ypsilonsuppe. Tier: Yak. Und schreie: «Fertig!» Die Familie im Chor: «Spinnsch?»

Sogar Bundespräsidenten reden so
«Sogar Bundespräsidenten reden so.»

Beim Land gab ich noch erfolgreich den Blöffsack und behauptete, mo-moll, das sei ein Kleinstaat irgendwo in Südamerika. Glücklicherweise hatten weder meine Liebste noch die Kinder ein Smartphone zur Hand, sie hätten den Schwindel via Wikipedia rasch aufgedeckt. Die Halbinsel Yucatán ist kein eigenständiger Staat. Dann aber konnte ich noch so täubeln, wenn es eine Buchstabensuppe gebe, gebe es dänk auch eine Ypsilonsuppe — die liessen sie mir nicht durch. Gopf, ich hätte Yam schreiben sollen. Ist doch so eine Wurzel? Tamisiech. Halt, nicht fluchen! Irgendwo da draussen liest unsere liebe Frau Gamber mit, die sich bei mir mal beschwerte, ich möchte solch gruusige Wörter wie Schnäbi doch bitte nicht in den «Brüggli-Puur» schreiben. Daraus ergab sich ein Briefwechsel, ich versuchte zu erklären, das eine oder andere grobe Wort gehöre doch zum Alltag, und zuletzt wollte die alte Dame unsere Kinder sogar zu sich ins Welschland einladen, um ihnen wüste Ausdrücke auf Französisch beizubringen. Wenn Sie, liebe Frau Gamber, also erlauben, begeben wir uns kurz unter die Gürtellinie.

Sogar Bundespräsidenten reden so.

Zeigen Sie mir einen Haushalt, in dem nicht geflucht wird! Das müsste eine langweilige Familie sein. Ich hab den Kindern zwar verboten, daheim «Behindi» und «Hirnamputiertä» zu sagen, muss aber heimlich zugeben, dass die Schimpfwörter meiner Jugend nicht besser waren: Tschumpu, Möngu, Vollidiot. Über manche meiner antiquierten Ausdrücke lachen Anna Luna und Hans freilich: Schlufi, Galööri, Sürmel Möff und Süchel verstehen sie noch knapp, Gumsle, Gritte und Rääf muss ich erläutern.
Interessant ist ja, dass man Männer meist als Geschlechtsteile beschimpft. Allein für das Wort, das Frau Gamber hier einst ungern las, hält unser Berndeutsch zahlreiche Synonyme bereit, lautmalerisch durchaus anheimelnd, inhaltlich eher derb: Gigu, Pigger, Secku, Püntu … Würde man nie zu einer Frau sagen! Frauen werden als Esswaren betitelt, als Güezi, Beeri, Zwätschge. Als Tiere: Huhn, Geiss, Kuh, allenfalls Schnepfe, im ärgsten Fall als Saumoore. Uns Typen bleiben Affe, Esel, Ochs, und schnell landen wir auch im Tierreich bei den Genitalien, allen voran beim Schafseckel. (Sie! Sogar Bundespräsidenten reden so.) Überhaupt fallen mir zehnmal mehr männliche Schimpfwörter ein, vom niedlichen Pralaaggi über den Laferi bis zum Schnurrisiech, vom, pardon, Arschloch bis zum Zirpegigu. Das Ungleichgewicht ist sogar wissenschaftlich erhoben. Längst haben die Professoren der Malediktologie, der Schimpfwörterkunde, das Fehlen weiblichen Schimpfs belegt. Für einmal handelt es sich indes um eine Ungleichbehandlung von Frau und Mann, gegen die sich kaum Widerstand regt, und mangels Wortschatz sage ich schon mal zu meiner Tochter, sie sei ein Löu.

Ist Ihnen aufgefallen, dass ich diesmal kein Wort zu Elvis verloren habe? Aber wenn wir grad dabei sind: «You ain’t nothin’ but a hound dog …»


Bänz Friedli live: 30. 9. bis 2. 10. Zürich, «Hechtplatz»; 4. 10. Opfikon Glattbrugg.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli