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Anonyme Geburten

Spitäler richten sich auf vertrauliche Geburten ein: Sie sollen die Identität von Müttern in Notlagen schützen.

Vertrauliche Geburt: Babys erhalten die gewohnte Spitalbetreuung, die Mütter zudem ein Pseudonym für die Dauer ihres Aufenthalts. (Bild: Anne Ackermann/Getty Images)

Eine Schwangerschaft kann für eine Frau eine ausser­ordentliche Not­lage ­bedeuten – etwa dann, wenn keiner aus ihrem Umfeld erfahren soll, dass sie ein Kind erwartet. Für solche Notlagen stehen in der Schweiz insgesamt acht Babyfenster bereit. Seit Februar 2016 bietet das Spital Sitten VS die erste Babyklappe der Westschweiz an. Gleichzeitig hat das Spital bekannt gegeben, dass künftig die vertrauliche Geburt möglich ist: «Dabei gebärt die Mutter ganz normal im Spital», erklärt Dominik Müggler (58), Präsident der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), «während des Spitalaufenthalts erhält sie aber ein Pseudonym.»

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Die vertrauliche Geburt gibt es auch in anderen Schweizer Spitälern, eine besondere Bewilligung ist dafür nicht erforderlich. Dennoch hat der Kanton Thurgau sie in seinem Gesundheitsgesetz verankert, und auch der Kanton Bern ist dabei, sie gesetzlich zu regeln. «Juristisch ist das nicht notwendig, den Betroffenen gibt es aber eine gewisse emotionale Sicherheit», erklärt Müggler.

Daten passieren etliche Hände

Eine echte Alternative zum Babyfenster ist die vertrauliche Geburt aber nicht, «eher eine wünschenswerte Ergänzung», wie Dominik Müggler sagt. Denn während das Babyfenster Anonymität gewährleistet, muss die Mutter bei der vertraulichen Geburt ihre Personalien angeben. Sie werden dem Zivilstandsamt und der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) gemeldet, die sich dann um die Adoption des Neugeborenen kümmert.

Das Spital, Behörden und Krankenkasse müssen die Daten zwar vertraulich behandeln, sie gehen jedoch durch die Hände etlicher Personen. «Dabei besteht die Gefahr, dass das Geheimnis der vertraulichen Geburt doch noch nach aussen dringt», räumt Dominik Müggler ein. Das kann zum Beispiel dann passieren, wenn ein Verwandter der Frau beim Zivilstandsamt im Geburtsort arbeitet.

Komplett anonyme Geburten sind in Spitälern nicht erlaubt. Und dennoch kommen sie vor: Die Mutter gibt bei der Anmeldung einen falschen Namen an und verschwindet nach der Geburt. «Das hat schätzungsweise jedes zweite Spital schon mal erlebt», sagt Müggler. Strafbar machen sich solche Mütter nicht: Das Baby ist an einem sicheren Ort, wird betreut und versorgt. Sie verstösst damit gegen die Meldepflicht – was lediglich eine Ordnungsbusse nach sich ziehen könnte.

Autor: Claudia Langenegger