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15. Juni 2015

Animationsfilmerin Locher: Oh Wal!

Gleich ihr Abschlusswerk an der Hochschule Luzern hat Aufsehen erregt und ihr gar den Best Swiss Award eingebracht. Nun erntet Joana Locher mit ihrem Animationsfilm «Oh Wal» auch im Ausland grosse Sympathien.

Das Filigrane liegt Joana Locher ebenso wie das Grobe. Auf dem Bau hat die 25-Jährige «schon fast alles gemacht».
Das Filigrane liegt Joana Locher ebenso wie das Grobe. Auf dem Bau hat die 25-Jährige «schon fast alles gemacht».

Hauptfigur ihres preisgekrönten Films «Oh Wal» ist eine Katze. Auch in ihrem richtigen Leben mag Joana Locher (25) Tiere. «Ich bin mit Katzen aufgewachsen, fast mehr als mit Freunden», sagt die Berner Oberländerin, die in Visp VS geboren, in Brienz BE aufgewachsen ist und heute in Zürich ihr Atelier hat. Ihr Zuhause ist nach wie vor Brienz, wo ihre Mutter und ihre beiden Katzen wohnen, aber auch Leuk VS bei ihrem Vater und Zürich, wo ihr Freund und ihre Geschwister wohnen. Sie pendelt zwischen diesen drei Orten hin und her. «Ich reise gern, das inspiriert mich», sagt Joana Locher, während sie im italienischen Kännchen Kaffee macht, Alnatura-Hafermilch aus dem Kühlschrank nimmt und zwei Sorten braunen Fairtrade-Zucker auf den Tisch stellt.

Sie braucht das Grüne, die Natur, das Ländliche. Ist sie nur in der Stadt, fängt ihre Fantasie an zu stocken. Und sie will auch regelmässig bei ihren Katzen sein. Ihre Katze heisst «Carla Bruni», Joana Locher nennt sie aber Bruno, ihr rabenschwarzer Kater heisst «Leon der Profi».

Früher wollte sie Schauspielerin werden

Wenn Locher unterwegs ist, hat sie immer ihren Block dabei, skizziert, zeichnet, kritzelt. Mit Bleistift, Farbe, Kreide, Pinsel, was ihr gerade in die Hände kommt. Gezeichnet hat sie schon immer. «Mein Vater hat mir immer Dinge zum Zeichnen gegeben, wenn mir langweilig war.»

Was sie machen will, hat sie nie gross überlegt. «Das ist alles natürlich gekommen», sagt sie. Ursprünglich hatte sie Schauspielerin werden wollen und hat als Teenager mit ihrer Cousine in den Ferien Filme gedreht. Dass sie das Gymnasium in Hofwil BE mit der Talentfachklasse Zeichnen besuchte, war naheliegend. Dort absolvierte sie auch den Vorkurs für die Kunsthochschule.

Filmtrailer «Oh Wal», Quelle: zVg

Als sie auf den Ausbildungsgang Animationsfilm stiess, wusste sie: Das ist es. «Da konnte ich meine Liebe zum Film, der Schauspielerei und dem Zeichnen verbinden. Zudem wollte ich etwas Handwerkliches und Technisches lernen.»

Mit ihrem Abschlussfilm des Studiums an der Hochschule Luzern hat sie letzten Herbst die Jury des Animationsfilm-Festivals Fantoche in Baden AG überzeugt. «Oh Wal» gewann den Best Swiss Award. Der Film erzählt die verrückte Geschichte einer Katze, die nichts lieber tut, als Fische zu fressen. Als sie einen Wal tötet, überschlagen sich die Ereignisse: Denn der Wal wird von den Fischen als Gott verehrt.

«Der Preis war eine schöne Anerkennung und eine Bestätigung», sagt Joana Locher. Doch sie sieht sich selbst nicht gern auf einem Podest und mag Rummel um ihre Person nicht. Natürlich ist sie stolz, dass der Film mittlerweile auch an Festivals im Ausland gezeigt wurde. Neben Jena, Athen, Wien, Amsterdam, Cagliari und Ljubljana stand er auch im indischen Kolkata auf dem Programm. Im Juli wird er in Montreal am Fantasia Festival vorgeführt.

Derzeit hat sie viel Neues und Anderes im Kopf. Sie arbeitet an drei verschiedenen Musikvideos, schreibt am Drehbuch für ihren neuen Animationsfilm und zeichnet ein Kinderbilderbuch. Locher schreibt, zeichnet, skizziert, animiert und experimentiert fast pausenlos.

«Meistens kommen die Ideen beim Schreiben. Dazu tauchen Bilder auf, die sich damit vermischen.» Dabei vernachlässigt sie eine ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen komplett: das Faulenzen. «Das Nichtstun ist mir schon sehr wichtig», sagt sie, und ihr scheues Lächeln macht sich auf dem Gesicht breit. Also keine endlosen Kafipausen, kein langes WG-Geschwätz, keine gemütlichen Spaziergänge. Auch das geliebte Schwimmen kommt zu kurz. So oft es geht, springt sie nämlich in den Zürich- oder Brienzersee – je nachdem, wo sie gerade ist. Früher tat sie dies sogar ambitioniert: Als Neunjährige wurde sie bei einem Schwimmwettbewerb beste Oberländerin.

Als Arbeiterin auf dem Bau

Derzeit kann sie sogar von ihren Animationsfilmen leben, aber auch nur, weil sie anspruchslos ist und von wenig Geld leben kann. Wenn es mit dem Filmen nicht mehr klappen sollte? «Dann gehe ich auf den Bau arbeiten», sagt sie. Und man glaubt es kaum, wenn die junge Frau, die so gern in die Fantasiewelt abschwirrt und fantastische Geschichten erspinnt, sagt: «Ich habe auf dem Bau schon fast alles gemacht: Wände isoliert, Mäuerchen gemauert und so weiter.»

Die Liebe zum Handwerk hat sie von ihrem Vater geerbt, er führt eine Ofenbaufirma, Joana Locher hat schon oft bei ihm ausgeholfen. Nebst dem Handwerklichen hat sie in ihrer Familie wohl auch eine gute Portion Kreativität mitbekommen. Ihr Bruder Dominik dreht Spielfilme, ihre Schwester Laura ist Fashiondesignerin.

Auf die Frage, was ihr Lebenstraum sei, antwortete Joana: «Mein egoistischer Traum oder mein Traum für die Welt?» Ihr persönlicher Traum, den sie «egoistisch» nennt, sieht wie folgt aus: Sie lebt in einem selbst gebauten Baumhaus am Meer und zeichnet dort mit ihren 50 Kindern und Enkelkindern.

Ihr Traum für die Gesellschaft sieht etwas anders aus: eine Welt ohne Prostitution. Sie heckt zurzeit mit einer Freundin ein Projekt zum Thema Prostitution und Menschenhandel aus. «Ich möchte auch politisch etwas bewegen», sagt Locher.

Wovon ihr neuer Animationsfilm handelt, verrät sie nicht. Sie sagt nur, was darin vorkommt: «Tiere und Tod». Sicher ist: Irgendwo wird eine Katze durchs Bild huschen. Oder die Hauptrolle spielen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Mirko Ries