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02. Februar 2015

Die Angst vor leeren Betten

Schock für den Tourismus: Mit dem Entscheid der Nationalbank, den Euro-Mindestkurs aufzuheben, sind Ferien in der Schweiz für Gäste aus dem Euroraum auf einen Schlag um 20 Prozent teurer geworden. Die betroffenen Gebiete versuchen, mit Innovationen zu reagieren. Eine heisse Ovo am Skilift und vergünstigte Tageskarten sollen drohende leere Betten wieder füllen. Dazu rechts zwei «Swiss made»-Berichte zum Waadtland und besonders attraktiven Ski-Angeboten für Familien – und Schweiz-Tourismus-Direktor Jürg Schmid im Interview.

Weisshorn bei Arosa
Das Panorama hat seinen Preis: Skifahrer auf dem Weisshorn bei Arosa mit Blick auf Felsberger und Haldensteiner Calanda (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone).

Für Jürg Schmid, den Direktor von Schweiz Tourismus, war der Entscheid der Nationalbank (SNB) «ein Schock», wie er im Interview mit dem Migros-Magazin sagt. Nicht nur beim obersten Tourismuswerber macht sich Ernüchterung breit; der gesamte Schweizer Tourismus wurde auf dem falschen Fuss erwischt. So sagt Pascal Jenny, Kurdirektor von Arosa Tourismus: «Wir haben deutlich weniger Anfragen aus dem Euroraum.» Gieri Spescha, Mitglied der Geschäftsleitung von Graubünden Ferien, ergänzt: «In mehreren Regionen ist es zu vereinzelten Stornierungen gekommen. Das Buchungsvolumen ist da und dort eingeknickt.»

Gemäss Matthias Summermatter von Wallis Promotion sieht es in der Westschweiz ähnlich aus: «Seit dem SNB-Entscheid registrieren wir vereinzelte kurzfristige Annullierungen. Sorgen bereitet uns die zweite Winter­hälfte, da wir mitten im Buchungsprozess stehen.» Mit einem Kundenanteil von 30 Prozent aus dem Euroraum sei das Wallis stark betroffen.

Allerdings wagt noch kein Touristiker eine Prognose zur laufenden Saison. Jürg Schmid rechnet vor, dass der Schweizer Tourismus 0,5 bis 1 Prozent der Gäste aus dem Euroraum verliert, wenn der Franken nur schon ein Prozent stärker wird. Basierend auf dieser Gleichung muss für diesen Winter im schlimmsten Fall mit einem Kundenrückgang von gegen 20 Prozent aus dem Euroland gerechnet werden. Pascal Jenny verweist auf 1978, als die D-Mark von 1.21 auf 0.78 fiel und Arosa in jenem Winter 25 Prozent aller Logiernächte verlor.

Neu ist der kontinuierliche Verlust von Gästen aus dem Euroraum nicht: Die Schweizer Hotellerie hatte im Frühling 1994 die Wintersaison mit gut 3,5 Mil­lionen Logiernächten deutscher Gäste abgeschlossen, 20 Jahre später waren es noch etwas mehr als 2 Millionen – ein Minus von über 40 Prozent.

Eine bedenkliche Entwicklung für die viertwichtigste Industrie in unserem Land: Immerhin stehen 165 000 Vollzeitarbeitsstellen und ein Gesamtumsatz von 36 Milliarden Franken, davon gut 16 Milliarden Franken durch ausländische Gäste, auf dem Spiel. «Wir wollen mit Mehrwert­angeboten und Specials die Schweizer Gäste halten und Gäste aus dem Euroland nicht verlieren», sagt Gieri Spescha von Graubünden Ferien. Diese Mehrwertangebote kennt Arosa beispielsweise seit 2012 mit dem Produkt Skischule inklusive. Zusammen mit Saas-Fee hat nun der Ferienort zusätzlich die Website www.wir-bieten-mehrwert.ch lanciert, um die eingeschlossenen Leistungen gebündelt darzustellen.

Einzigartig: Das Humor-Festival mitten im Skigebiet zieht viele Gäste nach Arosa (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone).

Arosas Kurdirektor Jenny betont, Einzigartigkeit überlebe jede Krise, und zählt auf: «Eine Skitour mit dem Hotelier durch Gebiete, die ich als Gast sonst nie erlebe. Eine Mondscheinfahrt mit der Gondel aufs Weisshorn oder ein ­Arosa Humor-Festival im Zirkuszelt mitten im Skigebiet.» Solche Angebote, so Jenny, müsse man im Schweizer Tourismus ausbauen.

Ein weiteres Beispiel: Das Luxushotel Badrutt’s Palace in St. Moritz offeriert ab zwei Nächten einen Ski- und Wanderpass sowie kostenlosen Internetzugang, Erfrischungen an der Bar, Filme, Tageszeitungen, das «Palace Wellness» und die Benützung der Eisbahn.

Kaum ein Thema ist jedoch, an der Preisschraube zu drehen, wie Gieri Spescha stellvertretend sagt: «Unsere Ta­rife sind ja keine Fantasiepreise. Reduk­tionen könnten kurzfristig Leid lindern, langfristig aber Existenzen gefährden.» Laut Matthias Summermatter kämpfe das Wallis schon jetzt mit ungünstigen Rahmenbedingungen, da die Kosten bis zu 30 Prozent höher seien als bei der Konkurrenz im Ausland. Entsprechend begrenzt sei der Spielraum beim Preis.
Begrenzt heisst nicht unmöglich: Die Bergbahnen Morgins haben die Tarife für eine Tageskarte um 15 Prozent gesenkt.

Wie weitere Tourismusorte auf den Euro-Schock reagieren:

Engadin: Die Tourismusregion Engadin‒Scuol‒Samnaun lanciert einen Skipass ab 45 Euro und gewährt in den Hotels 10 Prozent Rabatt. Ein Liter Benzin kostet ab 0.98 Euro pro Liter (15 Prozent Rabatt). Für Hotelübernachtungen und Ausgaben vor Ort gilt ein Euro-Fixpreis von 1.10.

Arosa Lenzerheide/Saas-Fee: Die beiden Tourismusziele lancieren die Website
www.wir-bieten-mehrwert.ch, auf der sie inbegriffene Zusatzleistungen sichtbar machen. Dazu gehören kostenlose Ortsbusse, Integration des ÖV im Skipass, geführte Schneeschuhtouren mit Hoteldirektoren oder eine warme Ovomaltine am Skilift.

Portes du Soleil VS/F: Die Bergbahnen ­Morgins haben am 19. Januar den Preis für eine ­Tageskarte in Portes du Soleil um
15 Prozent auf 52 Franken gesenkt. Dieser Tarif gilt auf der ganzen Schweizer Seite.

Obersaxen GR: Die Bergbahnen Obersaxen verkaufen bis Ende Saison die Tageskarte zum Euro-Fixkurs von 1.20 für 47 Euro.

Toggenburg SG: Die Gäste profitieren ­freitags von einer Ermässigung auf der ­Tageskarte: 44 statt 57 Franken.

Grächen VS: Der Walliser Ort hat den «Grächner-­Euro-Mindestkurs» eingeführt. Wer in Euro bar bezahlt, erhält als Gegenwert 1.35 Franken. Gültig ist das
Angebot vom 7. 3.–12. 4. 15. An der Aktion beteiligen sich Ferienwohnungen, Hotels, Bergbahnen und Läden.

Locarno TI: Das Hotel Belvedere spendiert den Gästen, die im Februar übernachten oder speisen, den Espresso. Und Preise ­gelten dieselben wie vor 100 Jahren, allerdings mit einer verschobenen Dezimalstelle: 5 Nächte kosten im Superior-Doppelzimmer 1020 Franken (damals 102 Franken).

Schweizweit: Tipps für den budgetbewussten, einheimischen Gast unter www.myswitzerland.com/de-ch/preiswerte-schweiz.html

Autor: Reto Wild