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31. März 2014

Schmidt-Salomon: Die Flucht in die Religion hilft nicht

Auch Gläubige fürchten sich vor dem Tod. Der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon über die Flucht in die Religion sowie Menschheitsprobleme, die dringend angegangen werden müssen.

Michael Schmidt-Salomon
Michael Schmidt-Salomon blickt zuversichtlich in die Zukunft.


Viele flüchten in die Religion, um das Leben auszuhalten. Die kommt aber nicht gut weg in Ihrem Buch. Viele der kulturellen Fortschritte seien nur gegen sie möglich gewesen.

Denken Sie nur daran, wie die frühen Christen, die «Taliban der Antike», gegen die griechische und römische Hochkultur gewütet haben. Zum Glück blieben zumindest Teile dieses Weltkulturerbes in muslimischen Regionen erhalten, von wo aus sie später wieder nach Europa kamen. Ohne diesen Rückimport wäre die Renaissance kaum möglich gewesen.

Der Bibel und dem Koran zufolge müssen die allermeisten mit ewiger Höllenpein rechnen.

Aber werden Gläubige nicht besser fertig mit den Widrigkeiten des Lebens?

Könnte man meinen, aber haben Sie schon einmal gehört, dass sich Gläubige bei einer Beerdigung wirklich darüber freuten, dass der «liebe Gott» ein an Leukämie erkranktes Kind zu sich gerufen hat? Religion kann nur dann Trost spenden, wenn die Menschen ernsthaft glauben können, ihre Verstorbenen wiederzusehen. Bloss so zu tun, als würde man glauben, reicht nicht aus. Ausserdem: Dort, wo der Glaube ungebrochen ist, ist die Angst vor dem Leben nach dem Tod meist grösser als die Freude darauf. Denn der Bibel und dem Koran zufolge müssen die allermeisten mit ewiger Höllenpein rechnen, was sicherlich kein gutes Rezept ist, um die Widrigkeiten des Lebens zu verarbeiten.

Aus Ihrer Sicht hat der religiöse Fundamentalismus die überwundenen politischen Ideologiekämpfe als neue Konfliktbasis abgelöst.

Richtig, allerdings ist das zentrale Problem nicht der Gottesglaube an sich, schliesslich gab es auch schreckliche atheistische Gräueltaten. Entscheidend ist, ob Menschen einen kritisch-rationalen oder einen dogmatischen Zugang zur Welt haben. Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen. Das ist ein Grundthema meiner Philosophie.

Auch bei Gläubigen ist die Angst vor dem Leben nach dem Tod meist grösser als die Freude darauf.

Im Buch haben Sie Lösungsansätze für zehn konkrete Probleme formuliert. Welche muss man am dringendsten angehen?

Die absolute Armut. Es ist eine unfassbare Schande, dass noch immer Millionen von Kindern zu einem Leben verurteilt sind, das ihnen nur Not, Krankheit, Hunger und einen frühzeitigen Tod bringen wird. Allerdings sind die grundlegenden ökologischen, ökonomischen, politischen und kulturellen Probleme der Menschheit hochgradig miteinander vernetzt, sodass wir sie nur gemeinsam angehen können.

Michael Schmidt-Salomon
Michael Schmidt-Salomon

Der Kampf gegen die soziale Ungleichheit ist ja eröffnet, US-Präsident Obama hat ihn zu einem zentralen Ziel seiner verbleibenden Amtsjahre erklärt. Ein Fortschritt?

Ja, das ist neu. Heute sagen selbst konservative Politiker Dinge, für die man in den 90er-Jahren noch als Kommunist beschimpft worden wäre. Ermöglicht und ausgelöst hat das die grosse Finanzkrise der letzten Jahre.

Erfolgreich kann man bei diesem Kampf aber nur sein, wenn es gelingt, die Superreichen und die Unternehmen zu zähmen. Gibt es einen friedlichen Weg dafür?

Ökonomisch gedacht liegt es im eigenen Interesse der Reichen, grössere Teile ihres Vermögens abzugeben. Denn was sie besitzen, beruht auf den Schulden der anderen. Und wenn diese die Schulden nicht mehr bedienen können, ist auch das Vermögen nichts mehr wert. Einige Superreiche haben das längst erkannt. Denken Sie nur an Bill Gates, der mit seiner Stiftung zu einem der grössten Wohltäter der Menschheit geworden ist. Zur Veränderung braucht es nicht notwendigerweise revolutionäre Umstürze, Einsicht reicht.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Basile Bornand