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09. Februar 2017

Angst vor dem eigenen Kind

Barbara und Adrian K. fühlten sich durch ihren 15-jährigen Sohn Tim bedroht. In ihrer Verzweiflung wandten sie sich an den Elternnotruf. Dank professioneller Unterstützung gelang es ihnen, eine Eskalation der familiären Beziehungskrise zu verhindern.

Pubertierende Jugendliche
Pubertierende Jugendliche legen oft ein Verhalten an den Tag, das ihre Eltern verzweifeln lässt. (Bild: iStockPhoto)

Als Tim wieder mal spurlos verschwunden ist, greift seine Mutter Barbara (45) zum Telefon. Sie wählt die Nummer des Elternnotrufs. Es ist kurz vor 23 Uhr. Sie ist aufgelöst, fühlt sich schwach nach all den schlaflosen Nächten, die ihr 15-jähriger pubertierender Sohn ihr schon bereitet hat, und weiss nicht mehr weiter. Auch ihr Mann Adrian (51) macht sich Sorgen. Allerdings hat er nach zig Anrufen in der Schule, bei der Polizei und anderen Stellen nicht mehr viel Hoffnung auf Unterstützung.

Tim hat sich in den vergangenen Monaten stark verändert. Er hat Freunde, die ihm nicht guttun. Seine Eltern wissen, dass er kifft und auch schon synthetische Rauschmittel konsumiert hat. Um sich die Drogen zu beschaffen, hat er den Eltern Geld gestohlen. Vater Adrian pflegt einen eher autoritären Erziehungsstil und hat seinem Sohn klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er das nicht toleriert. Mutter Barbara hat es auf die sanfte Tour probiert und das Gespräch gesucht. Gescheitert sind beide: Tim reagierte aufbrausend, schmiss bei Konfrontationen Gegenstände durch die Wohnung und blieb oft nächtelang fort.

In jener Nacht am Telefon mit dem Elternnotruf ist Barbara dankbar, dass sie anonym bleiben und jemandem ihre Sorgen mitteilen kann, ohne befürchten zu müssen, als unfähige Mutter abgestempelt zu werden. Am anderen Ende der Leitung sitzt eine Psychologin, die auf den Umgang mit schwierigen Kindern und Teenagern spezialisiert ist.

Barbara vereinbart mit ihr ­einen Aktionsplan: Sollte Tim am nächsten Morgen um 8 Uhr noch immer nicht zu Hause sein, wird sie sich bei den Eltern seiner Freunde nach ihm erkundigen. Nach dem Gespräch mit der Expertin ist sich Barbara ­sicher, dass sie das darf – selbst wenn sich ihr Sohn über seine peinliche Mutter ­aufregen wird. In ­jener Nacht kehrt Tim heim. Natürlich ist das Problem damit noch nicht gelöst.

Sechs Monate später sitzen Barbara und Adrian im Beratungszimmer des Vereins Elternnotruf in Zürich. Sie wollen anonym bleiben und haben fiktive Namen gewählt. Sie erzählen ihre Geschichte, weil sie anderen betroffenen Eltern einen Ausweg aus einer scheinbar hoffnungslosen Situation aufzeigen möchten.
«Wir mussten zuschauen, wie sich unser Sohn in einer Abwärts­spirale bewegte», sagt Adrian. Er habe sich bei allen mög­lichen Stellen um Unterstützung bemüht. Oft sei er ­vertröstet worden – mit dem Kommentar, das sei halt so in der Pubertät. Auch allgemeine Ratschläge habe man ihm erteilt, die letztlich nur dazu führten, «dass wir uns noch hilfloser fühlten».

Wie eine tickende Zeitbombe

Zur Drogenproblematik gesellt sich das aggressive Verhalten. Wenngleich Tim gegenüber seinen Eltern bis jetzt noch nie handgreiflich geworden ist, macht er seiner Mutter mit seinem provokanten Auftreten Angst. Weil Barbara spürt, wie es zuweilen in ihm brodelt und kocht, befürchtet sie, dass Tim eines Tages mehr als bloss Geschirr zerbricht und in der Folge sich und andere gefährden könnte – zumal er auch schon Suizidabsichten geäussert hat.

Nachdem Barbara und Adrian wiederholt die kostenlose Unterstützung durch den Elternnotruf via Hotline in Anspruch genommen haben, beschliessen sie, das spezielle Beratungsangebot «Dranbleiben» zu nutzen. Es richtet sich an Eltern, die von ihren Kindern beschimpft, bedroht oder gar körperlich angegriffen werden.

Das kommt in der Schweiz gemäss Schätzungen in einer von zehn Familien vor. Und keine Bevölkerungsgruppe ist davor gefeit, auch wenn die Allgemeinheit denken mag, gewalttätiger Nachwuchs sei in erster Linie ein Problem der bildungsfernen Unterschicht. Adrian und Barbara etwa haben beide eine solide Ausbildung, arbeiten Teilzeit im Büro und sind damit klassische Vertreter der Mittelschicht.

Im Rahmen von «Dranbleiben» lernen Adrian und Barbara die Psychologin Marielle Donzé kennen. Sie führt die Beratungsgespräche.
Im Rahmen von «Dranbleiben» lernen Adrian und Barbara die Psychologin Marielle Donzé kennen. Sie führt die Beratungsgespräche, die die Eltern befähigen sollen, aus der familiären Gewaltspirale auszusteigen, wieder handlungsfähig zu werden und dem renitenten Nachwuchs gewaltfrei entgegenzutreten. (Bild: Daniel auf der Mauer)

Im Rahmen von «Dranbleiben» lernen Adrian und Barbara die Psychologin Marielle Donzé kennen. Sie führt die Beratungsgespräche.

Neues Verhalten eingeübt

Das klingt gut, doch funktioniert es auch? «Natürlich wird es nicht von einem Tag auf den anderen besser. Aber wir haben Techniken erlernt, mit denen sich Konfliktsituationen entschärfen lassen», erzählt Barbara. Heute könne sie sich behaupten, ohne sich gleich auf einen Machtkampf einlassen zu müssen. Adrian ergänzt: «Wir haben mit Frau Donzé neues Verhalten eingeübt.» Zum Teil mit Rollenspielen, denen er zu Beginn eher kritisch gegenübergestanden sei. Heute weiss er: «Die Übungen waren wichtig, um bei Konflikten nicht in alte Muster zurückzufallen.»

Gut sei auch gewesen, «dass wir uns durch das Programm gestärkt fühlten und uns nicht länger gegenseitig mit Vorwürfen zermürbt haben». Denn zunächst ging es weiter bergab mit Tim. Sein Drogenkonsum nahm zu. Es kam so weit, dass er die Lehrstelle nicht antreten konnte, um die er sich bemüht hatte. Zudem wurde er beim Dealen erwischt. Die Jugendanwaltschaft verfügte eine Massnahme, die zur Einweisung in ein Jugendheim führte. «Es ist tragisch, dass es so weit kommen musste. Aber vielleicht war es auch unumgänglich, damit er wieder auf die richtige Bahn kam», erklärt Adrian. «Jetzt ist er clean und wieder klar im Kopf.»

Derzeit darf Tim nur am Wochenende nach Hause. Aber bald soll er ­entlassen ­werden. Er hat sich neue ­Ziele gesteckt und bereitet sich – zum Erstaunen seiner erleichterten Eltern – sogar auf die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium vor. Auch will er sich regelmässig mit einem Psychotherapeuten treffen, um zu lernen, seine inneren Konflikte konstruktiv zu lösen. Die Vermutung liegt nahe, dass diese positive Entwicklung vor allem eine Folge der juristischen Massnahme ist. Barbara und Adrian sind jedoch ­davon überzeugt, dass auch ihr verändertes Auftreten Wirkung zeigte. Sie wissen, dass noch viel Arbeit vor ihnen liegt, der sie nun aber mit Zuversicht entgegenblicken. 

Autor: Andrea Freiermuth