Archiv
16. März 2015

Die Angst vor Alzheimer

In der Schweiz leiden 116 000 Menschen an Alzheimer – eine enorme Belastung für Betroffene und deren Angehörige. Künftig werden noch mehr Menschen erkranken. Gleichzeitig wird fieberhaft an der Zivilisationskrankheit geforscht.

Soziale Isolation
Jeder vierte 85- bis 89-Jährige ist von Alzheimer betroffen. Die Krankheit führt zu sozialer Isolation. (Bild: Getty Images)

Mit den Kinofilmen «Still Alice» und «Honig im Kopf» ist Alzheimer wieder ein Thema in der Öffentlichkeit. Auch in der Literatur gibt es aktuelle Werke zum Thema: Im Roman «Wir sind nicht wir» schildert Matthew Thomas auf 900 Seiten den Kampf seines Vaters gegen die Demenz.

Fakt ist: Alzheimer ist bis heute unheilbar. Bei der 1901 entdeckten Krankheit sterben Hirnzellen ab, als Folge verändert sich das Wesen ­eines Menschen. Im fortgeschrit­tenen Stadium erkennen Betroffene sich selbst wie auch ihr Umfeld nicht mehr. Alzheimer kann bereits ab 30 Jahren auftreten, die Häufigkeit steigt mit dem Alter stark an. Bei den 85- bis 89-Jährigen leidet jeder ­vierte Mensch an Demenz. Die Orientierungslosigkeit führt oft zu Vereinsamung, dem Verlust der Autonomie und zu sozialer Isolation.

Die Krankheit gilt als Schreckgespenst – auch weil sie äusserlich nicht sichtbar und somit nicht greifbar ist. Für die Betroffenen und ihr Umfeld ist Alzheimer eine soziale und finanzielle Belastung. Gleichzeitig gibt es aber auch grosse wissenschaftliche Bestrebungen, um die Krankheit zu verstehen. Massgeblich an der Forschung beteiligt ist die technisch-naturwissenschaftliche Hochschule in Lausanne (EPFL).

Die Zürcher Stiftung Synapsis unterstützt 2015 Forschungsprojekte an Schweizer Universitäten mit Spendengeldern von 1,4 Millionen Franken. Finanzielle Mittel sind in Zeiten der zunehmenden Alterung der Gesellschaft entscheidend: In der Schweiz leiden derzeit 116 000 Personen an Demenz; jährlich kommen 25 000 hinzu. Bis 2050 rechnet man mit einer Verdreifachung.

Ich bin überzeugt, dass es eines Tages eine Möglichkeit gibt, Alzheimer zu heilen

Adriano Aguzzi
Adriano Aguzzi (54) ist Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich und einer der führenden Alzheimerforscher Europas.

Adriano Aguzzi, was bedeutet die Diagnose Alzheimer?

Die Alzheimer-Erkrankung zerstört das Kurzzeitgedächtnis. Die Patienten vergessen oder können gar nicht mehr aufnehmen, was in ihrer Umwelt passiert. Alltägliche Funktionen werden erheblich beeinträchtigt, und oft verirren sich Betroffene.

Die Bevölkerung wird immer älter. Werden die durch Alzheimer verursachten Kosten aus dem Ruder laufen?

Das wird eine grosse Belastung. Aber mich stört es, dass man die ökonomische Diskussion in den Vordergrund stellt und nicht den Menschen. Alzheimer ist das Schlimmste, wasman sich vorstellen kann.

Inwiefern?

Im Anfangsstadium realisieren die Leute, dass sie Familienangehörige nicht mehr erkennen. Das führt oft zu Depressionen und Aggressionen. Das Gedächtnis ist schliesslich das, was uns zu Menschen macht.

In das «Human Brain Project» der Hochschule Lausanne hat die EU eine Milliarde Euro investiert. Profitiert davon auch die Alzheimerforschung?

Beim «Human Brain Project» versucht man herauszufinden, wie das Hirn funktioniert. Falls man das schafft, kann man Alzheimer vielleicht besser verstehen. Eine Milliarde Euro ist ein enormer Betrag. Das Gehirn ist aber auch sehr komplex. Das heisst nicht, dass man es nicht versuchen sollte, denn bei solchen Megaprojekten kommt immer etwas heraus. In den 70er-Jahren wollte man Krebs besiegen – das ist nicht gelungen. In der Zwischenzeit hat die Forschung aber einige sehr erfolgreiche Therapien entwickelt. Ich sehe das beim «Human Brain Project» ähnlich. Und ich begrüsse, dass die Politik Geld in die Wissenschaft investiert.

Sind wirkungsvolle Medikamente gegen Alzheimer in Sicht?

Es gibt noch kein Medikament, das funktioniert, sondern nur solche, welche die Symptome hinauszögern. Behandelte Patienten fühlen sich bestenfalls über kurze Zeit besser, danach beschleunigt sich die Erkrankung.

Sind Tests zur erblichen Vorbelastung sinnvoll?

In der Regel rate ich den Leuten eher davon ab. Da es keine Therapie gibt, bringt es auch nichts, Alzheimer diagnostiziert zu kriegen. Unter Umständen kommt man mit der Diagnosenicht zurecht. Im Rahmen der Familienplanung ist das ein anderes Thema. Dort kann man dafür sorgen, dass Kinder das kranke Gen nicht erhalten. Wenn einem die Genetik nur noch eine Lebenserwartung von 10 bis 20 Jahren prophezeit, ist es sogar ratsam, die Familienplanung anzupassen. Generell sollten solche Tests auf jeden Fall mit professioneller Begleitung durchge­führt werden – und nicht über dubiose Internetanbieter.

Ist Alzheimer nicht einfach eine normale Alterserscheinung, mit der wir leben lernen müssen?

Wenn man das behauptet, nimmt man den Betroffenen das Anrecht auf Diagnose und Unterstützung. Es wäre zynisch. Alzheimer ist definitiv eine Krankheit. Ich bin überzeugt, dass es eines Tages eine Möglichkeit geben wird, sie zu heilen. Wir haben den Weg dahin nur noch nicht entdeckt.

Ist es heute schlimmer, an Alzheimer zu erkranken, weil wir uns weniger um andere kümmern und es keine Mehrfamilienhaushalte mehr gibt?

Früher sind die Leute meistens gar nicht so alt geworden, dass sie an Alzheimer erkranken konnten. Man kann also sagen, dass Alzheimer eine Zivilisationserkrankung ist. Schlimm war sie schon immer. Ich denke nicht, dass sich das geändert hat.

Was halten Sie vom Film «Still Alice»?

Ich habe den Film nicht gesehen. Aber ich finde es gut, dass es kulturelle Beiträge gibt, die Alzheimer thematisieren – solange das wissenschaftliche Fundament und die Fakten stimmen.

Autor: Anne-Sophie Keller