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03. September 2012

Angriff mit Viren, Eiweiss oder Immunsystem

Neben ergänzenden alternativen Therapien lässt derzeit die Krebsforschung in der klassischen Medizin aufhorchen, gerade in der Schweiz. Die Todesursache Nummer 1 ist noch längst nicht gebannt, die Hoffnung auf neue Behandlungsmethoden jedoch gross.

Krebs gilt gemeinhin als nicht heilbar und bleibt weiterhin die Krankheit mit den meisten Todesopfern – in der Schweiz und den meisten umliegenden Ländern. Dennoch arbeiten viele Forscher an neuen Ansätzen, den Krebs zu bekämpfen oder ihn vielmehr gar nicht erst ausbrechen zu lassen. Sie wollen etwa die Immunabwehr zusätzlich verstärken, Krebszellen angreifende Viren herauskristallisieren oder bei der für die Entstehung von Tumoren förderlichen Umgebung ansetzen.
Insgesamt unterstützte die Krebsforschung Schweiz laut ihrem Jahresbericht für 2011 mit knapp 12,8 Millionen Franken (mehrheitlich Spendengelder) allein in besagtem Jahr 64 Forschungsvorhaben, die für die Onkologie von Bedeutung werden können. Diese verteilen sich auf 48 Projekte. Es dürften aber noch weitere Projekte in Forschungsabteilungen grosser Pharmabetriebe oder anderswo auf dem Programm stehen, ohne um die Unterstützung der Krebsforschung Schweiz oder der öffentlichen Hand nachgesucht zu haben.
Zu 46% galt die Aufmerksamkeit der Grundlagenforschung, zu gut 27% der klinischen Forschung im engeren Sinn, weiter zu je rund 6% der Epidemologie und den psychosozialen Begleitumständen.
Ohne Eiweiss-Molekül kein Ableger
Ein Forschungsteam um Professor Joerg Huelsken an der ETH Lausanne untersucht eingehend, wie sich nach einer Krebs-Infektion Metastasen bilden. Ableger können grundsätzlich nur Krebsstammzellen bilden, und nur in einer für sie vorteilhaften Umgebung. Mediziner sprechen dabei von Körpernischen. Weiter hängen Metastasen gemäss bisherigen Resultaten des Schweizerischen Instituts für experimentelle Krebsforschung auch davon ab, ob im Umfeld das Eiweiss Periostin vorhanden ist. Dieses Eiweiss-Molekül soll übrigens auch bei Embryos für die schnelle Zellentwicklung und –teilung mitverantwortlich sein.
Huelsken und seine Kollegen haben nun ein anderes Molekül entwickelt, das sich ans Periostin heftet und es dessen Wirkung beraubt. Dieser Schritt wurde zur letzten Jahreswende bereits erfolgreich getestet, allerdings erst bei Mäusen. Gelänge das Prozedere auch beim Menschen, könnte die Ausdehnung der Krebszellen verhindert werden, womit höhere Chancen und mehr Zeit bestünde, den Krebsherd zu lokalisieren und wenn nötig zu entfernen. Denn bei Nagetieren verschwand der Tumor oder wurde zumindest inaktiv, und dies gar ohne feststellbare Nebenwirkungen. Letzteres lässt sich aber gemäss Huelsken nicht automatisch auf den Menschen übertragen.
Eine verbesserte Immunabwehr
Ganz anders der Ansatz eines Teams um Stéphanie Hugues (Uni Genf) und Melody Swartz (ebenfalls ETH Lausanne). Sie erforschten Details der weitgehend ausbleibenden menschlichen Immunabwehr auf die Krebszellen. Denn eigentlich weisen Tumorzellen an der Oberfläche verräterische Moleküle auf, die sie für das natürliche Immunsystem kenntlich machen. Gleichwohl zeitigten herkömmliche klinische Versuche einer Krebsimpfung (nichts anderes als das künstliche Ankicken der Immunabwehr) bislang keinerlei Erfolg. Die Tumorzellen kennen nämlich raffinierte Methoden, wie sie den Immunzellen entkommen können. Swartz und Hugues konnten nun laut Presseberichten im Frühjahr 2012 erstmals nachweisen, wie ein zentraler Mechanismus funktioniert:
Die Krebszellen fördern vor allem durch Abgabe bestimmter Moleküle die Bildung von sie umgebenden Lymphgefässen. Diese galten bisher schon als Anzeichen für fortgeschrittene Krebsstadien und gebildete Ableger. Allerdings verstand man sie in der Funktion bislang eher als ein Ausbreitungskanal des Tumors, während das Westschweizer Team nun detailliert eine ganz andere Aufgabe entdeckte: Die Lymphgefässe schützen die Krebszellen «wie Soldaten eine Festung», so schildert das Fachmagazin «Cell Reports» das Fazit der Forschung. Als nächsten Schritt testeten sie bereits ein Impfprogramm, dass bei einem als aggressiv geltenden Krebs die Freisetzung von eben jenem Molekül blockierte, welches für den Schutzring der Lymphgefässe rund um den Tumor unabdingbar ist. Mit Erfolg: Bei dieser Krebsart wuchs das Krebsgeschwür in der Folge immerhin viermal langsamer. Bleibt herauszufinden, ob auch andere Molekülarten durch Impfungen geblockt werden können, und ob dann die Immunabwehr die Tumorzellen wirklich effizienter anzugreifen vermag.
Die Suche nach den «Killerviren»
In der Schweiz und weltweit sind aber noch viele weitere Studien kürzlich abgeschlossen worden oder noch am Laufen, die für den künftigen Kampf gegen die Todesursache Nummer eins von Bedeutung werden können. Am breitesten wird derzeit nach Viren gesucht, welche bestimmte Krebszellen angreifen sollen. Dafür müssen aber vorab viele Aspekte der Molekularbiologie von Tumorzellen erforscht werden. Denn die Behandlung von Erkrankten (speziell bei Leukämie wurde schon vor Jahrzehnten auf diesem Gebiet mit Tests begonnen) weist zwar ein erfreulich kleines Nebenrisiko auf, das von den Viren selbst ausgeht. Hingegen sind Fälle, bei denen Viren Tumore wirklich effektiv bekämpfen und letztlich auflösen konnten, noch selten und eher zufällig. Hauptproblem ist häufig, dass die Viren schon abgenutzt respektive zu spät bei den kanzerogenen Zonen eintreffen. Der ‚Transport‘ zu den Krebszellen müsste also durch bestimmte Träger oder Variationen der Viren verbessert werden. Oder aber die Viren durch Einsatz mutierter Genabschnitte spezifischer auf gewisse Krebszellen ausgerichtet. Dabei befindet man sich derzeit noch ein grosses Stück weit von einsatzfähigen Therapien entfernt. Was ebenfalls getestet wird, ist die vielversprechende Kombination von Chemotherapie mit einem Vireneinsatz. Der Hintergedanke: Sind Krebszellen durch die Bestrahlung bereits geschwächt, verspricht der Virenangriff grössere Chancen.
Allein in der Schweiz wurde seit 2011 noch auf vielen weiteren Pfaden geforscht, wie die Krebsliga anhand ihrer gesprochenen Spendengelder nachweist. So findet man auf der Website Berichte über bei bestimmten Patienten nicht wirksame Lungenkrebsmedikamente oder über gegen Chemotherapie resistente Tumore. Auf vergleichbarer Ebene wird derzeit auch erforscht, weshalb bei einigen Kindern die klassische Leukämie-Behandlung keinerlei Erfolge zeigt. Oder ob Krebsfälle bei Kindern im näheren Umfeld von Kernkraftwerken wirklich vermehrt auftreten. Über letzteres wird seit Jahren eine scheinbar noch auf zu wenig verlässliche Daten gestützte politische Debatte geführt.
Forschung verbessert die heutige Behandlung
Anzahl und Qualität von Forschungsprojekten in der Onkologie verhelfen im Übrigen nicht nur bestenfalls zu neuen Behandlungsmethoden gegen Krebs, sie fördern schon aktuell den Erfolg von Therapien und Eingriffen. Eine breite Studie bei Brustkrebspatientinnen in der Schweiz von 2010 (veröffentlicht im «Cancer Epidemiology») ergab, dass die Qualität der Behandlung in den Kantonen und einzelnen Spitälern – zum Beispiel gemessen an nötig gewordenen Amputationen – hauptsächlich von zwei Faktoren abhing:
1. Die Zahl der (vergleichbaren) Fälle: Je mehr Patientinnen innert eines Jahres registriert wurden, desto besser die Ergebnisse. Dieser Zusammenhang gilt länger schon als erwiesen.
2. Die Anbindung an Forschungsprojekte: Je häufiger und näher ein Brustzentrum (etwa an einem Kantons- oder Universitätsspital) an laufenden Forschungen beteiligt war, desto genauer die Wahl der Eingriffe und Therapien und umso besser der Zustand danach.
Die Forschung hilft also auch entschieden mit, die Krebsbekämpfung im medizinischen Alltag möglichst erfolgreich zu gestalten.
MEHR ZUM THEMA www.krebsforschung.ch www.krebsliga.ch

Autor: Reto Meisser