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30. November 2015

«Wir wollen dort sparen, wo es die Kunden nicht spüren»

SBB-Chef Andreas Meyer kämpft derzeit an zahlreichen Fronten: Er lässt die Bahnhöfe gegen Katastrophen versichern, muss 550 Millionen Franken einsparen und dann ist da auch noch der neue Fahrplan. Für Detailfragen zu Kundenanliegen hat er keine Zeit, die beantwortet dafür sein Pressesprecher Stephan Wehrle im Video.

SBB-Chef Andreas Meyer
«Um die Pünktlichkeit kümmere ich mich nicht wegen des Bonus, sondern wegen der Kunden»: Andreas Meyer.

Andreas Meyer, fühlen Sie sich noch sicher im Zug?

Absolut sicher. Warum?

Nach den Anschlägen in Paris fragen sich wohl einige Reisende, ob nicht auch die SBB ins Visier von Terroristen geraten könnten.

Die Ereignisse in Paris sind schrecklich, aber wir sind in der Schweiz in einer recht komfortablen Lage: Wir haben eine Bahnpolizei, ein Korps von über 260 Polizistinnen und Polizisten. Zudem arbeiten wir eng mit den Kantonspolizeien und dem Bundesnachrichtendienst zusammen. Und natürlich sind wir jetzt besonders wachsam.

Wie gehen Sie mit solchen Tragödien um?

Es gibt eine persönliche und eine professionelle Seite. Aus professioneller Sicht interessierte mich zuerst: Hat dies Auswirkungen auf unsere Kunden? Wie geht es unserem Personal in Paris? In solchen Situationen bin ich extrem froh, dass ich mich auf meine Leute verlassen kann. Der Leiter des Sicherheitsdienstes informierte mich von sich aus innerhalb kürzester Zeit über die Lage und konnte mir berichten, dass keine SBB-Mitarbeitenden betroffen waren.

SBB-Chef Andreas Meyer kontrolliert die Bläschenbildung.
SBB-Chef Andreas Meyer kontrolliert (die) Bläschenbildung.

Und welche Fragen stellten Sie sich persönlich?

Ich fragte mich: Habe ich genug gemacht? Ist gut vorgesorgt? Ich bin froh, dass ich die Gründung der Transportpolizei forcierte und mich stark für ihre Bewaffnung einsetzte. In diesen Tagen kam die Meldung, dass sich Kunden vermehrt bei der Transportpolizei für ihre Präsenz bedanken. Zudem ist erwiesen, dass das Sicherheitsempfinden viel höher ist, wenn unsere Leute die Züge begleiten oder am Bahnhof patrouillieren.

Kürzlich war zu hören, dass Sie beim Sicherheitspersonal sparen wollen. Ist das das richtige Signal in diesen Zeiten?

Das ist Unsinn. Tatsache ist: Vor einigen Jahren führten wir Zweierpatrouillen in kritischen Zügen ein. Weil wir zu wenig Zugbegleiter hatten, war die zweite Person oft ein Securitas-Mitarbeiter. Inzwischen haben wir genug Zugbegleiter, darum brauchen wir die Securitas nicht mehr.

Mediensprecher Stephan Wehrle stellt sich den Kundenreklamationen.

Neu wollen Sie die Bahnhöfe versichern. Rechnen Sie also doch mit dem Schlimmsten?

Die Bahnhöfe sind schon lange versichert. Aber wir haben seit einiger Zeit geplant, den Versicherungsschutz anzupassen. Vor Kurzem wurde diese Sache spruchreif, aber es gibt keinen direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Paris. Es ist heute völlig normal, dass man den Versicherungsschutz bei Immobilien periodisch überprüft.

Gleichzeitig müssen Sie bis 2020 rund 550 Millionen Franken sparen. Wo setzen Sie den Rotstift an?

Wir müssen nicht sparen, sondern wir wollen sparen. Für 2017 stehen zwar Tariferhöhungen im Raum. Aber wir müssen umdenken. Wenn man die Preise ständig erhöht, leidet die Attraktivität der Bahn. Wir wollen dort sparen, wo es die Kunden nicht spüren. Wir setzen unter anderem auf Effizienz im Einkauf, und auch in der Verwaltung können wir Doppelspurigkeiten abbauen.

SBB-Chef Andreas Meyer mit dem Swiss Pass.
SBB-Chef Andreas Meyer mit dem Swiss Pass.

Seit Ihrem Antritt haben sich die Stellen in der Verwaltung beinahe verdoppelt. Korrigieren Sie da Fehlentscheide?

Von wegen. Vor meinem Antritt wusste man nicht genau, wie viele Personen etwa im Personal- oder Finanzbereich arbeiten. Ich schuf Transparenz. Natürlich haben wir auch Funktionen aufgebaut und professionalisiert, die vorher im Konzern verstreut waren – wie etwa die Personalbetreuung oder die Buchhaltung. Zudem sind es die Leute in der Verwaltung, die die Mobilität der Zukunft gestalten und die Fahrpläne machen.

Der anstehende Fahrplanwechsel ist der planerisch anspruchsvollste seit 2004. Gibt es ein Worst-Case-Szenario?

Mit einem schlimmsten Fall rechnen wir nicht. Es kann sein, dass nicht alle Anschlüsse auf Anhieb klappen. Darum werden wir zusätzliches Personal aufbieten, um Kunden bei allfälligen Schwierigkeiten zu unterstützen.

Künftig werden die Schnellzüge im Dreieck Basel–Bern–Zürich die Anschlüsse nicht mehr abwarten. Damit werden Sie Kunden verärgern.

Ich habe diese Schlagzeilen auch gelesen, sie sind irreführend. Richtig ist: Wir werden den Betrieb so organisieren, dass weniger Leute ihren Anschluss verpassen – indem die Züge pünktlich losfahren. Sollte diese Massnahme dazu führen, dass sich die Situation verschlechtert, wird der Versuch abgebrochen.

Pünktlichkeit ist für Sie bonusrelevant.

Die Pünktlichkeit steht in meiner Zielvereinbarung mit dem Bund, das stimmt. Ich kümmere mich aber nicht wegen des Bonus darum, sondern wegen der Kunden.

Pünklichkeit rückt bei den SBB noch mehr in den Blickpunkt
Die Pünklichkeit rückt bei den SBB noch mehr in den Blickpunkt.

Sie sind mit einem Lohn von einer Million Franken pro Jahr zum bestbezahlten CEO in bundesnahen Betrieben aufgestiegen. Wie erklären Sie Ihrem Personal die künftigen Sparmassnahmen?

Ich entscheide nicht über meinen Lohn. Bei den SBB zahlen wir auf allen Ebenen marktgerechte Löhne.

Kürzlich sah man Sie beim Abfallaufräumen auf den Geleisen. Können es sich die SBB leisten, ihren teuersten Mitarbeiter in den Putzdienst abzuberufen?

Wir geben jährlich 160 Millionen Franken für die Sauberkeit aus. Wenn Sie den Kunden sagen, sie sollen weniger Abfall liegen lassen, können auch sie einen Beitrag zu einer günstigen und sauberen Bahn leisten. Dank meines Einsatzes konnten wir die Botschaft breit streuen. Zudem ist es eine Wertschätzung gegenüber den 3200 Angestellten im Reinigungsdienst, die zum Teil äusserst unappetitliche Dinge wegräumen müssen. Auch das gehört zu meinem Job – wie es zu meinem Job gehört, mit Ihnen dieses Gespräch zu führen.

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen: Wie sieht die Bahn im Jahr 2030 aus?

Die SBB werden für Sie die Mobilität im Hintergrund organisieren. So reisen Sie automatisch mit dem jeweils besten Verkehrsmittel und via die beste Verbindung von Tür zu Tür.

Das könnte dann also auch mit dem Privatauto sein?

Über kurze Strecken durchaus. Wobei das dann eben auch ein selbstfahrendes Mobility-Auto sein kann. An den Bahnhöfen der Zukunft werden diese verschiedenen Verkehrsträger optimal miteinander verknüpft.

Warum soll ich in Zukunft mit Bus und Zug von Zürich nach Zeiningen AG fahren, wenn ich das auch gemütlich im selbstfahrenden Auto tun kann?

Weil Sie mit der Bahn viel schneller sein werden. Die Zürcher Letzigrabenbrücke etwa passieren wir schon bald mit bis zu 120 Kilometer pro Stunde. Die Züge, die ab 2017 durch die Durchmesserlinie fahren, haben 1200 Sitzplätze und sind 400 Meter lang. So viele Personen auf so engem Raum mit einem so hohen Tempo in die Zentren zu transportieren, schaffen Sie nur mit dem Zug. Wobei nach Zeiningen dereinst auch ein selbstfahrender Bus fahren könnte.

Vorlage: Hohes Tempo mit vielen Gästen auf engem Raum sind das Ziel
Mit Vorlage: Hohes Tempo mit vielen Gästen auf engem Raum sind das Ziel.

Immer wieder ist von flexiblen Preismodellen die Rede. Werden die Tarife künftig je nach Strecke oder Uhrzeit variieren?

Eines der höchsten Güter ist das Vertrauen der Kunden. Damit verbunden ist auch das Vertrauen in einen kalkulierbaren und fairen Preis. Darum sind wir sehr vorsichtig mit flexiblen Preismodellen.

Heute wären die Pendler schon froh, wenn sie sich nicht in vollen Zügen drängeln müssten. Zum Teil ist veraltetes Rollmaterial unterwegs, und die Doppelstockwagen sind unbequem: Sogar im 1.-Klasse-Abteil hat man das Gefühl, man sässe in der 2. Klasse. Haben Sie ein Qualitätsproblem?

Ich frage Sie: Wofür ist ein Zug da? Um viele Menschen zu transportieren! Heute aber fühlen sich viele schon unwohl, wenn zwei weitere Personen im gleichen Abteil sitzen. Wir könnten jedem sein eigenes Abteil geben – nur wäre das nicht finanzierbar. Zum Rollmaterial: Hier investieren wir jedes Jahr rund eine Milliarde Franken. Wir haben 59 neue Doppelstockzüge für den Fernverkehr auf der Ost-West-Achse bestellt, die Ende 2017 im Einsatz stehen sollten.

Mehr Kapazität wäre zu den Pendlerzeiten, also morgens zwischen 7 und 9 Uhr oder abends zwischen 17 und 18 Uhr, gefordert. Warum bauen Sie hier nicht aus?

Im Schnitt haben wir bloss eine Auslastung von 30 Prozent. Viel sinnvoller wäre es, die Spitzen während der Rushhour zu dämpfen. Das ginge, wenn etwa die Schulen ihre Stundenpläne anpassen oder mehr Arbeitgeber flexible Arbeitszeiten erlauben würden.

Das können Sie nicht beeinflussen.

Nein, aber wir können Anstösse geben. Laut einer Studie wäre ein Sparbetrag von 100 Millionen möglich. Und die Kunden hätten erst noch mehr Komfort und Lebensqualität.

Ihr Vater war Bähnler. Sprechen Sie mit ihm über Ihre Zukunftspläne?

Wo ich hinkomme, sind die SBB immer ein Thema. In der Familie ist das nicht anders.

Gibt er Ihnen auch Ratschläge?

Selbstverständlich! Er macht mich auf Anschlüsse aufmerksam, die besser sein könnten. Oder er kritisiert die Medienberichterstattung. Früher hiess es manchmal am Mittagstisch: «Denen in Bern sollte man es mal sagen!» Heute hat mein Vater einen direkten Draht – und er nutzt diesen auch (lacht).

Und Ihre drei Teenager. Die sparen sicher auch nicht mit Kritik.

Nein – aber sie glauben auch nicht alles, was in der Zeitung steht.

Autor: Andrea Freiermuth, Remo Leupin

Fotograf: Christian Schnur