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17. Mai 2016

Andere Familien, andere Sitten

Fischpaste mit Ei auf Knäckebrot
Nicht die einzige schwedische Spezialität: Fischpaste mit Ei auf Knäckebrot. (Bild: Getty Images)

Wussten Sie, dass die Schweden sich morgens gerne Fisch aus der Tube aufs Knäckebrot drücken? Im Prinzip war mir das bekannt, aber ich hatte es voll verdrängt. Bis wir neulich mal wieder bei unseren schwedischen Freunden zu Besuch waren. Da war sie wieder, die blaue Tube mit dem gewöhnungsbedürftigen Inhalt. Andere Länder, andere Sitten.

Noch treffender wäre: Andere Familien, andere Sitten. Unsere Stockholmer Kollegen sind beide im Management tätig und machen sich an Werktagen beispielsweise beide auf den Weg zur Arbeit. Die drei Kinder gehen ganztags in die Kita, die Vorschule und die Schule. Erst abends treffen sich alle wieder im grossen Familienzuhause. In dem Land, in dem 99 Prozent der Papis monatelang Vaterschaftsurlaub beziehen, zeigt niemand mit dem Finger auf Mamis, die trotz der Kinder voll im Job bleiben. Alles ganz normal im hohen Norden. Die Familienmanagerin, die sich ausschliesslich auf die Aufzucht der Kinder konzentriert, ist dort eine eher exotische, vom Aussterben bedrohte Spezies.

Ich musste unwillkürlich an unsere amerikanischen Freunde denken, die wir ebenfalls regelmässig sehen. Die führen ein komplett anderes Leben als die Schweden. Wenn sich unser US-Kollege frühmorgens auf den Weg in seine Arztpraxis macht, bleibt Mom mit den vier Kindern zurück. Sie macht den Nachwuchs parat und fährt die drei Älteren in eine entfernt liegende Privatschule. Anschliessend tätigt sie Erledigungen und schaut mit dem Kleinsten gerne noch in der Lesestunde der örtlichen Bibliothek vorbei. Dann noch im Bio-Supermarkt einkaufen, heimfahren, Essen kochen, Haus auf Vordermann bringen, mit den Hunden raus. Und schon geht es wieder zurück in den Familienvan. Die Schule ist bald aus. Daddy kommt heim, wenn die Kinder im Pyjama stecken.

Dann wären da noch wir. Herr Leinenbach arbeitet 100 Prozent, ich bin als Freiberuflerin irgendwo zwischen 40 und 60 Prozent angesiedelt. Ein typisch Schweizerisches Modell, könnte man sagen. Wir haben «nur» zwei Kinder, «nur» eine Wohnung – und trotzdem ständig das Gefühl, es vielleicht nicht richtig zu machen.

Interessanterweise haben wir Eltern alle ähnliche Biografien. Wir haben Universitätsabschlüsse und gehören der Mittelschicht an. Wir leben jeweils schon seit Ewigkeiten mit unseren Gegenübern zusammen, sind finanziell abgesichert und haben uns bewusst für ein Leben mit Kindern entschieden.
Und obwohl wir in der Familienphase unseres Lebens ganz unterschiedliche Entscheidungen getroffen haben und treffen, eint uns eine weiterer Umstand: Unsere Kinder werden sehr geliebt und sind durch die Bande gut geraten. Hjalmar, Harald, Esther, Liam, Eliza, Lily, Jude, Ida und Eva zeigen uns jeden Tag, dass es gar nicht so wichtig, ist, welches berufliche Modell die Eltern ausgewählt haben. Ich finde das sehr ermutigend.

Autor: Bettina Leinenbach