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17. Februar 2014

An der Nadel

Für die Stoffe braucht es Stoff
Für die Stoffe braucht es ... viel Stoff!

Letzte Woche habe ich mal wieder einen auf Supermutter gemacht. Zumindest glaube ich, dass bei Ihnen dieser Eindruck entstanden sein könnte. Bettina Leinenbach, nicht nur strahlend schön und super erfolgreich. Nein, die Topjournalistin rettet jetzt auch noch die Welt. Sie näht nämlich sämtliche Kinderklamotten selbst und stemmt sich so gegen die Ausbeutung armer Näherinnen in Bangladeschs Kleiderfabriken.

Na ja, ganz so ist es nun auch wieder nicht. Ähem, ja, also in Wahrheit nähe ich, weil es mich total entspannt. Ähnlich gut relaxe ich sonst nur beim Essen. Und beim Sie-wissen-schon-was. Da ich aber bereits jetzt zu klein für mein Gewicht bin und das Familienleben sich nicht mit einem Zweitjob als Sexbombe verträgt, bleibt nur das Nähen. Das macht nicht dick, und man kann dabei die ausgeleierten Wohlfühlhosen anlassen.

Ich rattere immer dann los, wenn ein besonders nervtötender Tag zu Ende geht, wenn ich mich vom Essen ablenken will oder wenn im Fernsehen mal wieder nur Käse (oder wahlweise Dschungel-Käse) kommt. Dann verkrieche ich mich in mein Arbeitszimmer und zickzacke, bis die Nähmaschine glüht. Selbstverständlich könnte man mit meiner Ausrüstung eine eigene Fabrik auf dem indischen Subkontinent eröffnen. Ich habe alles. Vom Luxus-Nahtauftrenner (im Dauergebrauch) über den Schneiderkreide-Spitzer (den Ida liebt) bis hin zum (noch nie benutzten) Schlaufenwender. Selbstverständlich nenne ich auch das eine oder andere Stückchen Stoff mein eigen.

Es müssten so fünf, sechs Meter sein. Okay, habe mal gerade überschlagen: Es sind so zehn bis fünfzig, sechzig Meter. Also, der Jerseystoff jetzt. Baumwoll-Webware habe ich nicht so viel. Vielleicht 49 Meter? Ich finde das übrigens doof, dass Sie gerade Ihren Kopf schütteln. Hallo? So ist das halt mit den Süchten. Wenn man an der Nadel hängt, dann braucht man Stoff. Viel Stoff.

Und natürlich das entsprechende Zubehör. Ich besitze von allen RAL-Farben im Minimum zwei Rollen Garn, natürlich mehrere Kilometer Schrägband, Maschinennadeln in 27 Grössen und so weiter und so fort.

Blick in die Nähschublade
Das entsprechende Zubehör: ein Blick in die Nähschublade.

Mein Mann findet ja, dass wir bald einen Laden eröffnen könnten – ach was, einen kompletten Supermarkt-Megastore. Aber was weiss der schon? In den Stoffgeschäften meines Vertrauens zahle ich übrigens am liebsten in bar. Anschliessend schmuggle ich die Ware in einer Migros-Papiertragtasche in unser Arbeitszimmer. (Oder hätten Sie Lust, jedes Mal einen Vortrag über Sinn und Unsinn von ausufernder Lagerhaltung zu hören? Also ich nicht.) Er fragt dann jeweils mit hochgezogenen Augenbrauen: «Warst du einkaufen?»
«Äh, nei, wieso?»
«Die Migros-Tasche.»
«Ach, dieeeee. Altpapier. Alles voll Altpapier.»

Wenn Sie jetzt finden, mein Verhalten passe nicht zu meiner Rolle als treusorgende Ehefrau und Mutter, dann kann ich argumentieren, dass ich ja auch Geld verdiene. Ich haue also nicht nur seine Kohle auf den Kopf. Ungefähr jeder zehnte Meter wird aus meiner Schatulle bezahlt. Mein textiler Vorrat ist ausserdem so eine Art private Altersvorsorge. Sie haben vielleicht schon davon gehört, dass die Schweizerische Nationalbank gerade ihre Goldreserven gegen Bio-Jerseys eintauscht.

Mein Mann findet mein Hobby also eher bizarr. Ja nun, damit kann ich leben. Leider haben meine Töchter ebenfalls wenig Verständnis für meine Leidenschaft. Neulich machte ich mit den Kindern einen ganz wunderbaren Ausflug. Wir waren beim Zahnarzt. Und dann noch im Baumarkt. Ganz am Schluss hielt ich dann ganz zufällig bei einem herzigen, kleinen Stofflädeli an. Ida weigerte sich doch tatsächlich, auszusteigen. Verräterin!

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach