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13. Oktober 2014

An der Melkmaschine

Wie eine Milchkuh
«Ob ich mit der Nummer auf der Olma auftreten könnte?» (Bild Getty Images)

Neulich fiel mir beim Ausmisten meine elektrische Milchpumpe in die Hände. Das kleine Ding – es sieht immer noch total harmlos aus – lag nun schon jahrelang ungenutzt im Kellerabteil. Eigentlich schade, oder? Sofort wurden Erinnerungen wach: Ja, ja, damals, als ich mit Ida im Wochenbett lag, machte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer Milchpumpe. Die Stillberaterin wollte das so. (Vermutlich fürchtete sie, meine Brüste würden sonst explodieren.) Da sass ich also, oben herum nackt, mit zwei Trichtern in der Hand, die ich über meine Brüste gestülpt hatte. Ich fühlte mich ziemlich verwegen. Die Milchpumpe erwachte zum Leben, es machte tsch, dann pfff, tsch und pfff, tsch-pfff. Mein Busen wurde erst etwas in die Länge gezogen, dann schnurrte er wieder in seine Ursprungsform zurück. Alles sehr schräg, aber vollkommen schmerzfrei.
In dem Moment ging die Zimmertür auf. Herein kamen drei total aufgeregte Verwandte, die dem Baby der Bettnachbarin einen Besuch abstatten wollten. Normalerweise wäre der Trupp an mir vorbeigezogen und hätte sich auf das fremde Neugeborene gestürzt. Jöööh, wie herzig und so, man kennt das ja. Als sie die Melkmaschine erblickten, war das Baby plötzlich nur noch halb so interessant. Die Fremden starrten wie gebannt, hin und her gerissen zwischen Faszination und Grauen. «Soll ich mit meinem Besuch vielleicht ein wenig in den Park?», fragte die Bettnachbarin. Ach was, bleibt ruhig alle hier, angeblich kommt gleich der tollste Teil, wollte ich sagen. Aber die Gäste hatten schon den Rückzug angetreten, das Grauen hatte gesiegt. Tsch-pfff-tsch-pfff-tsch-pffff. War das ein Tropfen Milch an der linken Brustwarze? Nein, warte, das war sogar ein dünner Milchstrahl. Woohooo! Es funktionierte.

Die Milchpumpe und ich, wir wurden schnell ein gutes Team. Nach dem Spitalaustritt sah ich mich nach einem Gerät für den Hausgebrauch um. «Wenn Sie das hochpreisige Modell nehmen, dann dauert das Abpumpen zwar etwas länger, dafür ist es aber … äh … sanfter», hatte mir damals eine Verkäuferin erklärt. «Dann gibt es noch ein günstiges, handliches Modell für berufstätige Mütter. Damit geht das Abpumpen sehr fix, aber …» Ich hörte nicht mehr zu und lief zur Kasse.

Daheim probierte ich meine neue beste Freundin sofort aus. Der Unterdruck baute sich schneller auf, als ich Aua sagen konnte. Ich fühlte mich wie ein Schaumstoffball, der vor den Staubsaugerrüssel geraten war. Ploppfffffffff – meine Brust klemmte tief im Trichter, Sturzbäche aus Milch ergossen sich in das Fläschchen. Und das nach wenigen Sekunden. Mir schwante, was die Verkäuferin hatte sagen wollen. Dieses Gerät war gnadenlos: eine Turbo-Melkmaschine für Mamis, die es eilig haben. Die Milch spritzte nur so aus mir heraus. Ich überlegte schon, ob ich mit der Nummer auf der Olma auftreten könnte (was ich nicht gemacht habe!). Das Ende vom Lied war: Ich kaufte zusätzlich eine Handpumpe, die ich zu Hause benützte. Und das Teufelsding, das nahm ich monatelang auf die Redaktion mit, wo das Abpumpen schnell gehen musste.

Jedenfalls kam mir das alles wieder in den Sinn, als ich die Milchpumpe für berufstätige Mütter in den Händen hielt. Nein, ich gebe dich nicht weg, sagte ich ihr. Vielleicht können wir dich doch noch für etwas anderes gebrauchen, wenn es eilt: Zum Orangen-Pressen?

Autor: Bettina Leinenbach