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20. Februar 2012

An der letzten Grenze des Kalten Krieges

Divisionär Urs Gerber übernimmt diese Woche einen aussergewöhnlichen Job: Er wird Leiter der Schweizer Delegation in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea.

Urs Gerber
Bis vor Kurzem verbrachte Divisionär Urs Gerber sein Arbeitsleben und seine Freizeit in der malerischen und sicheren Altstadt von Bern.

Der hohe Militär der Schweizer Armee lädt ins Berner Kornhauscafé zum Gespräch. «Das ist quasi unser Stammlokal», sagt Urs Geber. Er trifft sich hier mit seiner Familie regelmässig am Wochenende zum Kaffee. Damit ist nun allerdings Schluss. Am 21. Februar fängt für den 59-jährigen Berner Historiker und Milizoffizier ein neues Leben an: Er übernimmt die Leitung der Schweizer Delegation in der neutralen Überwachungskommission zwischen Nord- und Südkorea. Damit wechselt er von der gemütlichen Berner Altstadt an die letzte Grenze des Kalten Kriegs, mitten in die demilitarisierte Zone (DMZ).

Die DMZ ist ein vier Kilometer breiter und 241 Kilometer langer Streifen, der die koreanische Halbinsel in der Mitte durchschneidet, ein hoch gesichertes Sperrgebiet, vermint, menschenleer, ein Naturparadies. In diesem Niemandsland waltet die fünfköpfige Schweizer Delegation ihres Amtes. «Unter anderem kontrollieren wir, dass Zahl und Art der Waffensysteme im Süden dem Waffenstillstandsabkommen entsprechen und es bei Manövern der Amerikaner und Südkoreaner keine Regelübertretungen gibt», sagt Gerber. Vieles sind Routinearbeiten, etwa eine wöchentliche Zertifizierung, dass auf der Südseite alles korrekt verläuft. Die Berichte landen beim Uno-Sicherheitsrat.

Während Soldaten der Vereinten Nationen verhindern sollen, dass aus dem Kalten wieder ein heisser Krieg wird, stehen sich an der Grenze in der DMZ süd- und nordkoreanische Militärs unversöhnlich gegenüber. Die Zone wurde 1953 nach dem Ende des Koreakriegs eingerichtet — formell herrscht zwischen dem kommunistisch-diktatorischen Norden und dem kapitalistisch-demokratischen Süden kein Frieden, nur ein Waffenstillstand. Und dieses Akommen wird von einer Kommission neutraler Länder überwacht, heute sind das nur noch die Schweiz und Schweden.

Urs Gerber ist als junger Historiker über die Armee zum Nachrichtendienst gekommen und leitete zuletzt den Bereich euroatlantische Sicherheitskooperation. Als stellvertretender Chef bei den Internationalen Beziehungen Verteidigung hatte er regelmässig mit Nato, OSZE und Uno zu tun. Unter anderem ging es um friedensfördernde Massnahmen und Rüstungskontrolle. Zudem war Gerber im Verteidigungsdepartement der Ansprechpartner für den bisherigen Delegationschef in Korea, Jean-Jacques Joss, dessen Nachfolge er nun übernimmt. Er kennt daher die Situation vor Ort recht gut — «zumindest in der Theorie», wie er lachend betont.

Der plötzliche Tod des Diktators Kim Jong-il löste Nervosität aus

Gerber freut sich darauf, nun auch die praktische Seite kennenzulernen. «Im Konflikt steckt ein recht hoher Grad an Irrationalität, das macht die Situation unberechenbar, aber auch sehr interessant.» Der plötzliche Tod des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il im Dezember 2011 löste einige Nervosität aus, ein grösserer Wandel zeichnet sich laut Gerber bisher jedoch nicht ab. Er macht sich keine Illusionen, dass er vor Ort etwas verändern könnte, erachtet den Schweizer Einsatz jedoch als sinnvoll. Und auch gewissermassen als Krönung seiner Karriere bei der Schweizer Armee. «Für einen Historiker ist das alles enorm spannend.»

Strasse nicht verlassen, Stäbchen niemals in den Reis stecken

Die Nordkoreaner anerkennen die Arbeit der neutralen Überwachungskommission seit Mitte der 90er-Jahre nicht mehr. «Dennoch ist unsere Präsenz eine gewisse Garantie, dass es nicht zu einer plötzlichen einseitigen Eskalation der Situation kommt», sagt Urs Gerber. Der Norden selbst wird, anders als früher, nicht mehr durch Neutrale kontrolliert. Diplomatisch seien die Kontakte zwischen der Schweiz und Nordkorea im Übrigen recht gut. Gerber spricht von «informeller Wertschätzung». Nordkorea verfüge in Bern immerhin über eine der grössten Botschaften in Europa.

Der Grenzort Panmunjeom mitten in der demilitarisierten Zone ist Gerbers neues Wirkungsfeld. Hier stehen sich südkoreanische und amerikanische Truppen (vorne) und nordkoreanische Soldaten gegenüber.
Der Grenzort Panmunjeom mitten in der demilitarisierten Zone ist Gerbers neues Wirkungsfeld. Hier stehen sich südkoreanische und amerikanische Truppen (vorne) und nordkoreanische Soldaten gegenüber.

Dass Urs Gerber vom Bundesrat den Zuschlag für den Job erhalten hat, dürfte mit seiner Erfahrung zu tun haben, aber auch mit seinem Alter. «Koreaner haben eine besondere Wertschätzung für lebenserfahrene Menschen, es wäre für die Position des Delegationschefs schwierig, wenn er jünger wäre als einer seiner Untergebenen.»

Sein Umfeld hat positiv reagiert. «Aus der Familie werden mich alle mal besuchen kommen.» Gerber ist geschieden und hat drei erwachsene Kinder. Die Kollegen aus den Sportvereinen werden ihn allerdings vermissen. Die nächsten drei bis vier Jahre wird er unter der Woche im Niemandsland in der DMZ leben, den Rest der Zeit auf einer grossen US-Militärbasis mitten in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. In den letzten Monaten hat Gerber begonnen, sich mit Koreanisch zu beschäftigen: «Nicht ganz einfach». Auch die Tipps seines Vorgängers Jean-Jacques Joss sind nicht ohne. Erstens: In der DMZ niemals die Strasse verlassen. Lebensgefahr wegen Minen! Zweitens: Bei der Begrüssung wichtiger Persönlichkeiten verneigt man sich leicht und gibt erst dann die Hand. Drittens: Immer Visitenkarten zur Hand haben. Viertens: Tischsitten einhalten. Nie die Stäbchen in den Reis stecken, das gehört sich nicht. Nie sein eigenes Glas einschenken. Beim Zuprosten das Glas gegenüber höher gestellten Persönlichkeiten tiefer halten.

Jede Woche gibts Besuch von Staatschefs oder Ministern

Jean-Jacques Joss hat die Delegation vier Jahre lang geleitet.
Jean-Jacques Joss hat die Delegation vier Jahre lang geleitet.

Wenn Jean-Jacques Joss (58) Ende Februar nach vier Jahren aus Seoul zurück in die Schweiz kommt, bringt er Nachwuchs made in Korea mit. Eher unerwartet wurde die Gattin des bisherigen Leiters der Schweizer Delegation in der demilitarisierten Zone (DMZ) vor zwei Jahren schwanger. Die Familie wird sich im bernischen Muri niederlassen. «Einerseits freuen wir uns auf zu Hause, andererseits tut es uns leid, Korea zu verlassen», sagt Joss, der nun noch im internationalen Militärsport aktiv sein wird, bevor es langsam Richtung Ruhestand geht. Divisionär Joss war vor seinem Einsatz in Korea schon auf mehreren Auslandsmissionen. In der DMZ war er der erste Militär, nachdem jahrzehntelang Diplomaten für die Delegationsleitung im Einsatz standen. «Die Aufgabe war sehr lehrreich», zieht Joss Bilanz. «Während meiner Zeit gab es einige Zwischenfälle, etwa die Raketen- und Nukleartests des Nordens, das Versenken der südkoreanischen Fregatte ‹Cheonan› oder der Artilleriebeschuss einer kleinen Insel im Westmeer 2010.» Und dann starb letzten Dezember plötzlich Diktator Kim Jong-il. «Die südkoreanischen und US-Truppen waren in erhöhter Bereitschaft, da Nordkorea einen Tag nach Bekanntgabe des Todes Raketentests durchgeführt hat», sagt Joss. Ansonsten sei die Arbeit in der DMZ jedoch wie immer gewesen. Sorgen hat er sich wegen der Spannungen nie wirklich gemacht, auch wenn die nordkoreanische Rhetorik oft reichlich kriegerisch klingt. So hiess es zum Beispiel mehrmals, man werde Seoul «in ein Flammenmeer» verwandeln. «Aber ich hatte Respekt vor der Situation.» Spannend fand Joss die vielen prominenten Besuche. «Im Schnitt kommt einmal pro Woche ein Staatschef oder Verteidigungsminister vorbei, um sich die Lage anzusehen. Wo sonst hat man die Chance, mit solchen Leuten diskutieren zu können?» Familie Joss hat trotz der grossen kulturellen Differenzen viele Freundschaften mit Koreanern geschlossen, Menschen, die sie künftig vermissen werden. «Aber es gibt ja Mail und Skype, das macht es etwas leichter.» Nur mit der Sprache ist Jean-Jacques Joss nicht so richtig warm geworden. Zwar versteht er einiges, aber das Reden hat er aufgegeben. «Ich habe am Anfang versucht, Koreanisch zu lernen, und meine Sprachlehrerin sagte immer, es klinge gut, wenn ich etwas sage. Als ich allerdings während einer Rede einmal ein paar Sätze Koreanisch sprach, verstand es niemand. Das war ziemlich peinlich.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Marco Zanoni