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14. November 2016

Ampeln gegen Stau am Bahnhof

Die SBB testen im Bahnhof Bern ein Ampelsystem, das die Treppen zum Perron zur Einbahn macht. Ernst Bosina, Experte für Fussgängerverkehr, findet das Projekt interessant, warnt aber vor zu vielen optischen Reizen.

Testbetrieb mit dem neuen Ampelsystem am Bahnhof Bern.
Testbetrieb mit dem neuen Ampelsystem am Bahnhof Bern.

Egal, ob in Bern, Basel oder Genf: In den Stosszeiten platzen viele Schweizer Bahnhöfe aus allen Nähten. Um die Platzprobleme zu entschärfen, testen die SBB derzeit in Bern, die Pendlerströme mit verschiedenen Signalen so zu lenken, dass es weniger Staus gibt. Sobald sich die Türen eines einfahrenden Zuges öffnen, wird den Reisenden in der Unterführung mittels roter Ampel und rotem Torbogen signalisiert, die Treppe vorübergehend nicht zu benutzen. So sollen die aussteigenden Passagiere ohne Gegenverkehr schneller in die Unterführung gelangen. Zusätzlich fordern gelbe Markierungen mit der Aussage «Keine Wartezone» Reisende dazu auf, das Perron in Treppennähe freizugeben. Bereits seit Juni läuft der Versuch, die Menschenmasse in der Unterführung mittels Pfeilen am Boden und an der Decke zu trennen.

In Zukunft 40 Prozent mehr Pendler

«Für eine Bilanz ist es noch zu früh», sagt SBB-Mediensprecher Oli Dischoe. «Der Versuch läuft bis Ende November. Im Anschluss entscheiden wir aufgrund von Messdaten und gezielt eingeholten Kundenrückmeldungen, ob und in welcher Form wir die Richtungstrennung definitiv einführen.»

Der Bahnhof Bern wurde letztmals zu Beginn der 1970er-Jahre umgebaut. Für wie viele Personen er damals konzipiert wurde, ist nicht dokumentiert. Fest steht: Alleine in den vergangenen sieben Jahren ist das Pendlervolumen um beinahe 10 Prozent gewachsen. Bis ins Jahr 2030 soll es gegenüber heute nochmals 40 Prozent höher sein. Zwar ist eine Erweiterung in Planung, vor 2025 wird der Umbau aber nicht vollendet sein.

EXPERTENINTERVIEW

«Sicherheitstechnisch sind grosse Menschenmengen auf kleinem Raum ein Problem.»

Ernst Bosina (30), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich
Ernst Bosina (30), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich

Ernst Bosina (30), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich.

Ernst Bosina, Sie sind Experte für Fussgängerverkehr. Was halten Sie von den Ampeln im Bahnhof Bern?

Grundsätzlich ist es richtig und wichtig, dass sich die SBB mit dem Thema Personenflüsse beschäftigen. Der Pendlerstrom wächst, viele Bahnhöfe sind an der Grenze ihrer Kapazität. Kommt es zu Staus, kann dies das Ein- und Aussteigen behindern, es kommt zu Verspätungen. Auch sicherheitstechnisch sind grosse Menschenmengen auf kleinem Raum ein Problem.

Wie beurteilen Sie die konkreten Massnahmen?

Das Ampelsystem ist bekannt und breit akzeptiert. Daher ist es eigentlich nicht schlecht, mal mit diesem Versuch zu starten. Ein Nachteil ist, dass es in der Unterführung und auf dem Perron bereits viele optische Reize gibt, da können zusätzliche Signale leicht untergehen.

Wären Sie die Herausforderung anders angegangen?

Nein, ich nehme an, dass die Verantwortlichen die Situation genau analysiert haben. Jetzt testen sie mögliche Massnahmen. Musterlösungen gibt es in einem solchen Fall nicht. Aber die Idee mit der Ampel ist sicher eine spannende Option.

Auf Social Media regen sich die Leute über die «Regelwut» und die «Bevormundung» auf.

Neue Regeln werden immer hinterfragt. Zudem haben Pendler ihre Gewohnheiten. Diese zu ändern, ist schwierig. Darum ist es wichtig, den Fahrgästen aufzuzeigen, dass diese Regeln zu ihrem Vorteil sind und sie damit schneller zum Ziel kommen. Das Einfachste wäre natürlich umzubauen und mehr Platz zu schaffen. Das ist aber nicht immer möglich – und wenn doch, dann sicher teuer.

Kann man die Akzeptanz dank guten Designs erhöhen?

Die Gestaltung spielt eine sehr wichtige Rolle. Die Alternative, durch die man die Leute lotsen will, sollte möglichst attraktiv sein. Durch eine Unterführung mit Shops etwa gehen die Leute gerne, auch wenn dieser Weg vielleicht nicht der kürzeste ist. In Zukunft ist es durchaus vorstellbar, dass man ein Pokémon oder etwas Ähnliches strategisch platziert.

Asiatische Grossstädte haben viel grössere Menschenmassen zu bewältigen: Wie lösen die Chinesen oder die Japaner das Problem?

Da wird oft auf mobile Absperrungen gesetzt. Die Ströme sind dann zu Stosszeiten komplett getrennt, und man kann sich nur in eine Richtung bewegen. Das verbessert den Fluss, ist aber natürlich ein grosser Eingriff.

Funktioniert das, weil die Asiaten sich eher dem Kollektiv unterordnen, während die Schweizer als Individualisten aufschreien würden?

Die Mentalität spielt sicher eine grosse Rolle: Disziplin und Geduld gelten im asiatischen Raum als Tugenden. Zudem sind Staus in Asien normal. Man hat sich daran gewöhnt und weiss, dass es funktioniert, wenn sich alle an die Regeln halten.

Warum braucht die Masse Regeln und macht nicht intuitiv das Richtige? Funktioniert hier die Schwarmintelligenz nicht?

Wie sich die Masse bewegt, ist stark von den einzelnen Personen abhängig. Aber wenn man es schafft, eine kritische Anzahl in die richtige Richtung zu schicken, werden weitere folgen. Dabei können Regeln helfen – oder eben eine attraktive Gestaltung.

Wie kamen Sie eigentlich zu Ihrem Forschungsschwerpunkt?

Ich habe mich bei meiner Masterarbeit schon mit Fussgängern beschäftigt. Das Spannende daran ist, dass es nicht nur um Stahl und Beton geht, sondern sehr viel mit Psychologie zu tun hat. Zudem ist das Fach relativ jung und das Entwicklungspotenzial gross.

Autor: Andrea Freiermuth