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29. Juli 2013

Ameisen überall

Der Camper der «Mamma Mia»-Familie
Der Camper der «Mamma Mia»-Familie mit Vordach.

Als ich noch ein Kind war, gab es bei uns daheim nur eine Sorte Ferien: Camping. Wir fuhren jedes gottverdammte Jahr auf diesen blöden jugoslawischen Campingplatz. Dort harrten wir dann drei bis vier Wochen gemeinsam mit Ameisen und Riesenspinnen in einem wasserdurchlässigen Hauszelt aus. Der «Autocamp Jazina» hatte damals nur ein winziges Waschhaus zu bieten. Dort gab es sage und schreibe drei Plumpsklos. Wenn man sein Geschäft verrichtet hatte, musste man an der Schnur ziehen, die am Wasserkasten hing, und parallel dazu nach draussen sprinten. Sonst drohte einem eine kostenlose Fusswäsche. Apropos Waschen: Duschen war – wenn überhaupt – nur zwischen drei und vier Uhr mittags möglich. Früher war das Wasser entweder zu kalt oder gar nicht erst in der Leitung. Und später war es schon wieder kalt oder immer noch nicht in der Leitung.

In dem kleinen Campingplatz-Lädeli, das damals nach allen Regeln der Planwirtschaft geführt wurde, lag nur eine Sorte Brot: gummiartige, weisse Laibe, mit denen man nach einem Tag Lagerung problemlos Zelthäringe in den Boden klopfen konnte. Ausserdem gab es nur eine Sorte Konfi (Hagebutte), nur eine Sorte Joghurt (Erdbeere) und nur eine Sorte Käse (Schaf). Joghurt und Käse kauften wir aber nie, da wir ja keinen Kühlschrank hatten. Tagsüber ernährten wir uns von Weissbrot mit Konfi, Pfirsichen und Tomaten. Abends assen wir in einer der vielen kleinen Beizen Cevapcici mit rohen Zwiebeln.

Bis zu meiner Teenagerzeit liebte ich dieses Ferienprogramm. Dann begann ich es zu hassen. Ich verfluchte die Luftmatratze und träumte von einem Hotelbett. Ich spuckte in das kristallblaue Meer und wünschte mir einen gechlorten Swimmingpool herbei. Ich trampelte auf den Ameisen herum und sehnte mich nach echten Küchenschaben. Und wenn dann – wie jedes Jahr – einer dieser gefürchteten Stürme über die Küste fegte, und wir stundenlang an den Zeltstangen hingen, da wünschte ich mir insgeheim, das Hauszelt möge auf Nimmerwiedersehen ins Meer fliegen und dort versinken.

Die ersten Reisen ohne Eltern führten mich dann – wie sollte es anders sein – ins Hotel. Das war in vielerlei Hinsicht heilsam. Ich stellte fest, dass es Schlimmeres gab als Ameisenarmeen, die durch ein Vorzelt marschierten. Zum Beispiel Bettenburgen. Und Touris, die sich am Pool um einen Liegestuhl balgten. Nicht zu vergessen die All-inclusive-Plastikbändchen, das Buffet-Essen und die grässliche Animation.

Deswegen ist es kaum verwunderlich, dass ich mit meiner Familie zum Campen fahre. Mit einem Mietreisemobil ist das zwar deutlich bequemer als in meiner Kindheit, aber immer noch mit ganz vielen Ameisen. Bisher finden meine Mädchen das Klappstuhlleben noch cool. Doch irgendwann wird sie kommen, die Meuterei. Alles andere würde mich enttäuschen. Bis dahin bleibt aber noch etwas Zeit. Schätzungsweise sieben oder acht Jahre …
Hier eine Auswahl kinderkompatibler Campingplätze, die wir diesen Sommer bereist haben:

Camping Morteratsch, Pontresina GR

VORTEILE
- weitläufiges, naturbelassenes Gelände, das von vielen kleinen Bachläufen durchquert wird
- idealer Abenteuerspielplatz für etwas ältere Kinder
- himmlische Ruhe (hoher Erholungsgrad für die Eltern) und eine Wahnsinnsaussicht
- modernes, designorientiertes Waschhaus mit allen Annehmlichkeiten

NACHTEILE
- Das Spielen an den Bachläufen kann für kleinere Kinder gefährlich sein.
- Wegen der Höhenlage (1800 Meter ü. M.) kann es nachts und morgens empfindlich kalt werden, schnelle Wetterwechsel sind ebenfalls typisch für die Gegend

www.camping-morteratsch.ch

Camping Bellariva, Gordevio im Maggiatal TI

VORTEILE
- sehr ruhiger, wunderschön gelegener Platz in unmittelbarer Nähe zur Maggia
- hübscher Pool mit Kleinkind-bereich (die Maggia ist für Babys oft noch zu kalt)
- prima Pizzeria vor Ort

NACHTEILE
- Campingplatz und Fluss sind durch einen Hochwasserdamm getrennt, Kinder brauchen mitunter Hilfe beim Überwinden der steilen Treppen
- in der Maggia gibt es starke Strömungen, die man nicht unterschätzen sollte

TCS-Webinfos zum Gordevio-Camping

Camping Vela Blu, Cavallino-Treporti (Lido di Jesolo), Italien

VORTEILE
- flach abfallender Sandstrand und hohe Wassertemperaturen sorgen für Badewannen-Feeling
- kleiner, überschaubarer Platz, der sich dadurch wohltuend von vielen anderen Campingplätzen in der Gegend abhebt
- Kleinkinder schaffen es innerhalb kurzer Zeit, sich einigermassen zu orientieren
- gutes Restaurant, in dem nach Möglichkeit regionale Produkte zum Einsatz kommen

NACHTEILE
- hoher Anteil an Miet-Caravans und Miet-Zelten, die ursprüngliche Campingplatz-Atmosphäre leidet ein wenig
- alle Gäste müssen ein Plastikband am Handgelenk tragen
- in der Nähe des Restaurants abends eher laut. Wer ruheliebend ist, sollte auf eine Parzelle an der gegenüberliegenden Platzseite ausweichen

www.velablu.it

Camping Valkanela, Vrsar, Istrien, Kroatien

VORTEILE
- landschaftlich sehr schön gelegener Platz, der sich über zwei Halbinseln erstreckt, und trotz seiner Grösse familiär wirkt
- unzählige Wassersportmöglichkeiten für Gross und Klein, von der Babybadebucht mit Kiesstrand bis hin zur gigantischen Wasserhüpfburg für Schwimmer
- familienfreundliche Waschhäuser mit Kinderabteilen (Mini-WCs, Mini-Duschen usw.)

NACHTEILE
- ohne Velo sind die Wege weit
- Abendunterhaltung bis um 24 Uhr, gelegentlich Lärm durch eine Open-air-Disco im Nachbarort Vrsar

www.campingrovinjvrsar.com

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach