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17. Mai 2016

Ein Dorf kämpft gegen den Abstieg

Der Eishockeyclub Ambrì-Piotta ist die Lebensader der Oberen Leventina, die mit der Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels noch mehr isoliert wird. Kriselt der Verein, dann stehts auch schlecht um die Zukunft des Bergdorfs.

Fans des Eishockeyclubs Ambrì-Piotta
Gäbe es den Eishockeyclub nicht, würde Ambrì-Piotta in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Die Frage teilt Innerschweizer Eishockeyfans in zwei Lager: EV Zug oder HC Ambrì-Piotta? Im Norden fühlt man sich eher den Zugern verbunden, im Süden den Tessinern.

Niemand weiss, wo genau die Grenze verläuft, wo die Sympathien für den reichen Eissportverein aufhören und wo das Feuer für die Underdogs aus dem Bergdorf ennet dem Tunnel zu brennen beginnt. Vielleicht ist es der Gruonbach, der im Urner Talboden eingangs Flüelen in den Vierwaldstättersee mündet. Im kleinen Ort an der Axenstrasse befindet sich der einzige Fanshop des HC Ambrì-Piotta in der Deutschschweiz.

An diesem Samstag im Februar hängen die Wolken tief über dem Reusstal, dichter Nebel verdeckt die Sicht aufs gegenüberliegende Ufer und das Schartihöreli, es ist kalt und schneit seit dem frühen Morgen ohne Unterbruch. Ein Wetter, fast so trüb wie Ambrìs Aussichten auf eine Teilnahme an den Play-offs. Der Verein dümpelt seit Wochen am Strich, ein Sieg heute Abend gegen den Abstiegskandidaten aus Biel ist Pflicht. «Wenn wir absteigen, ist fertig», sagt Benjamin Tresch (25), der Präsident des Ambrì-Fanclubs Uri aus Schattdorf UR.

Benjamin Tresch, Präsident des Ambrì-Fanclubs Uri
Wenn der HC Ambrì-Piotta spielt, ist Benjamin Tresch immer dabei. Er ist zudem Präsident des Ambrì-Fanclubs Uri und unterstützt die Eishockeyaner finanziell.

Neben ihm haben zwei weitere Fans den Weg in den Fanshop gefunden. Sie sind nervös, auch wenn sie das nicht zugeben. Vom Verbleib Ambrìs in der höchsten Liga hängt wirtschaftlich die ganze Obere Leventina ab. Die Pista la Valascia, das 1959 in eine Lawinenzone gebaute Stadion des Hockeyclubs, ist das Herz der Gemeinde Quinto. Hört es auf zu schlagen, davon ist der Urner Fanclubpräsident überzeugt, hört auch der Ort auf zu existieren. «Das wird nicht passieren», sagt Tresch und klopft mit den Knöcheln auf den Holztisch, bislang habe es immer gereicht. (Und er sollte auch heuer recht bekommen: Mitte März endete die Saison für Ambrì-Piotta mit dem Klassenerhalt.)

100 Franken, wenn der HC gut spielt

Seit über 30 Jahren mischt Ambrì in der höchsten Spielklasse mit. Den grössten Erfolg feierte das Team 1999 mit dem Sieg im europäischen Super Cup gegen HK Metallurg Magnitogorsk aus Russland. Im selben Jahr hatte man auch letztmals Chancen auf den Titel in der Schweizer Meisterschaft – scheiterte aber im Final an Lugano. Seither kämpft man sportlich und finanziell immer wieder gegen den Abstieg. Als 2002 gar der Lizenzentzug drohte, musste der hochverschuldete Club auf die Schnelle 2,5 Millionen Franken auftreiben. Selbst die Fans griffen in die Tasche und retteten schliesslich ihr Ambrì mit Tausenden von kleinen Spenden.

Auch Benjamin Tresch überweist dem Verein ab und zu einen Geldbetrag: «Meistens sind es um die 100 Franken, wenn sie gut spielen, vielleicht auch mal 200.» Alle machen das so, sagt er. Der 25-Jährige trägt einen blauen Kapuzenpulli mit dem Logo des Fanclubs, zwei gekreuzte Eishockeyschläger und ein mürrisch dreinblickender Stier. Um den Bauch hat er sich einen blauweissen Schal gebunden, und auf dem Kopf trägt er eine von Zeit und Bier geformte Kappe der Annaheim Ducks, seines Lieblingshockeyteams aus den USA. «Meine Uniform an allen Spieltagen – seit Ewigkeiten», sagt er und lacht. Drei Jahre lang hat er kein einziges Heim- oder Auswärtsspiel der Biancoblu verpasst. Erst als die Schwester an einem Samstag heiratete, riss die Serie.

Seit ihn der Vater mit neun Jahren das erste Mal an einen Match von Ambrì mitgenommen hatte – ausgerechnet zum Tessinerderby gegen die Erzrivalen aus Lugano –, ist der Metallbauer rund 600 Mal durch den Gotthardtunnel gefahren. Weshalb tut er sich das an, Wochenende für Wochenende diese zweimal 17 Kilometer durch den Berg? «Wegen der familiären Stimmung», sagt Benjamin Tresch, der auch seine Freundin in der Fankurve kennengelernt hat, «so was gibt es in der Schweiz kein zweites Mal.»

Blau-weisse Patchworkkissen im Ambrì-Piotta-Fanshop
Alles in Blau-Weiss gibt es im Fanshop in Uri.

Das garstige Wetter hält ihn auch heute nicht davon ab, ins Auto zu steigen. Er sagt: «Wenns schneit und kalt ist, fühlt man das Eishockey doch erst so richtig.» Und Margrith Herger, die den Fanshop in Flüelen betreut und in ihrer Freizeit blau-weisse Patchworkkissen herstellt und verkauft, pflichtet bei: «Ich würde vermutlich sterben, wenn ich ein Spiel verpassen würde.»

Im Schritttempo geht es Richtung Gotthardtunnel. Grund sind zwei Räumungsfahrzeuge, die sich durch den Matsch auf der Strasse pflügen, die zum Nordportal führt. Graubraune Fontänen ergiessen sich in die Reuss, die vor Göschenen parallel zur Autobahn verläuft. Kurz vor dem Loch wenden sie ab, die Kolonne nimmt wieder Fahrt auf.

Eishockey machte das Dorf bekannt

Auf der anderen Seite das gleiche Bild: Emsiges Schneetreiben verwandelt die Sonnenstube in ein Wintermärchenland. Benjamin Tresch lassen die prekären Sichtverhältnisse kalt. Er kennt den Weg, nimmt die Ausfahrt Quinto, fährt über das stillgelegte Flugfeld, wo der TCS seine Schleudertrainings durchführt, und parkiert seinen Kombi beim kleinen Bahnhof von Ambrì. Die Männer in den orangen Westen, die den Verkehr regeln, begrüssen den Urner mit Handschlag.

Bahnhof Ambrì-Piotta
Spielt Ambrì-Piotta zu Hause, wird das ansonst beschauliche Dorf von Hockeyfans geflutet.

Zwei Stunden vor dem Spiel herrscht im Ort viel Betrieb. Cars laden Supporter des Gegners und des Heimteams ab, von überallher stapfen Fangruppen Richtung Valascia, alle Dialekte sind zu hören: Es kommen ­Berner, Ostschweizer, Romands. Sie sind Studenten, Anwälte, Bauern, Ärzte – ihr ­gemeinsamer Nenner ist der HC Ambrì-Piotta. Ist das Stadion ausverkauft, verzehnfacht sich die Bevölkerung von Ambrì: Aus einem verschlafenen Kaff mit ein paar hundert Einwohnern wird eine alpine Hockeyfestung mit bis zu 7000 Fans.

Wie wichtig das Profieishockey für die Obere Leventina ist, weiss auch der Bürgermeister von Ambrì, Valerio Jelmini: «Dank dem Sport kennt die Schweiz unser kleines Dorf.» Das ergebe Möglichkeiten für den Tourismus. Der Verein sei ausserdem der grösste Arbeitgeber in der Gemeinde Quinto, ein «Anker», der vielen Kleinbetrieben in der Region das Überleben sichere. Zu diesen Betrieben gehört auch das Hotel Monte Pettine mit dem dazugehörenden Restaurant. Geführt wird es seit drei Jahren von Reto Stirnimann (41) und seiner Familie. Der Davoser war 2007 als Eishockeyprofi nach Ambrì gekommen. Nach vier Saisons als Spieler und einer als Assistenzcoach kündigte ihm der Verein. Doch Stirnimann, der sich in die Gegend um Ambrì verliebt hatte, wollte bleiben und fand eine neue Aufgabe als Wirt in der kleinen Gaststätte nahe dem Stadion.

Eine Stunde vor dem Match gegen Biel zapft Stirnimann hinter der Bar Bier, ein Beamer projiziert SRF 2 auf die Wand. Im Speisesaal, der wie stets, wenn Ambrì spielt, rappelvoll ist, ist der Lärmpegel hoch. «Habt ihr reserviert?», fragt die Bedienung. Nein, aber Platz hats immer, man rückt zusammen. Es gibt Salat, Fleisch und Kartoffelstock – währschafte Kost. Die Fans prosten sich mit Rotwein und Bier zu, Benjamin Tresch trinkt ein Wasser. «Ein kleines Bier gönne ich mir nur, wenn Ambrì heute Abend gewinnt», sagt er.

Dann gehts in die Curva Sud, in die Fankurve. Der Boden ist feucht, der Wind pfeift durch die offene Struktur des alten Stadions. In der Valascia sind Fanschals keine Requisiten, sondern überlebenswichtig, weil man ja nicht erfrieren möchte. Obwohl ein Rauchverbot gilt, riecht es nach Tabak und Gras – die Nerven, vermutlich.

Bedingungslose Liebe zum Club

Ganz oben in der Kurve treffen sich die Urner, eine herzliche Umarmung hier, ein Highfive da. Weiter unten, wo die Hardcore-Fans von Ambrì-Piotta für Stimmung sorgen, wehen die blau-weissen Fahnen mit den Konterfeis von Che Guevara und dem Apachenhäuptling Geronimo. Helden der linken Subkultur, wie sie der Kern der Kurve, die Fangruppierung «Gioventù Bianco blu», die weiss-blaue Jugend, seit ihrem Gründungsjahr 1988 verehrt. Die antifaschistische Gioventù gibt in der Kurve den Takt an, mit ihren Pauken und Megafonen. Die anderen knapp 30 Fanclubs wissen um die Verdienste der Ultras und respektieren den Führungsanspruch, auch wenn nicht alle die politischen Ansichten teilen. Was alle in der Curva Sud vereint: die bedingungslose Liebe zum HC Ambrì-Piotta.

An diesem Abend läuft es gut für die Blau-Weissen. In der zehnten Minute schiesst Alexandre Giroux das 1:0. Nach dem ersten Drittel führen die Tessiner bereits mit drei Toren Vorsprung. Das Stadion tobt. Benjamin Tresch stimmt endlich ein in die Fangesänge. Auch das zweite Drittel geht an Ambrì, der Ehrentreffer gelingt den Bielern erst im Schlussdrittel. Am Ende steht auf der Anzeigetafel 5:1 für die Gastgeber. In der Pista la Valascia stimmen sie «La Montanara» an, die Hymne der Biancoblu.

Nach dem Spiel geht die Feier in der Bar vor dem Stadion weiter. Benjamin Tresch macht sich auf den Heimweg. In seiner Wohnung in Schattdorf UR legt er den blauen Pulli, den Schal und die Kappe in den Schrank. «Jetzt ist gut», sagt er und holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank.

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Laurent Burst