Archiv
16. Januar 2012

Am Strand der Freiheit

Die Tunesier sind stolz, endlich eine demokratisch gewählte Regierung zu haben. Im Badeort Hammamet und auf der Insel Djerba erlebten Schweizerinnen den Sturz der Diktatur hautnah mit – und schwärmen heute von einem neuen Lebensgefühl.

Am Strand der Freiheit
In Tunesien gibt es neben den touristischen Zentren auch viele einsame und wilde Strände.

«Der Wahltag war ein Freudenfest», erzählt Johanna Hofer. Die Leute haben sich herausgeputzt und ihre schönsten Kleider angezogen, um vor den Wahllokalen geduldig anzustehen und zu stimmen. «Das war fantastisch.» Es waren die ersten freien Wahlen in Tunesien, das über ein halbes Jahrhundert autokratisch regiert wurde, zuletzt von Diktator Ben Ali, der im Januar 2011 fluchtartig das Land verliess.

Die 49-jährige Bernerin sitzt im Café Sidi Bou Hdid am Meerufer von Hammamet. Man blickt aufs Wasser und auf den unendlich langen Sandstrand, der sich irgendwo am Horizont in Kumuluswolken und gelbrosaroter Dämmerung verliert. Neben ihr sitzt Tochter Nourhène (11). Das quirlige Mädchen mit den haselnussbraunen Augen und dem gelockten Haar hört neugierig zu und trinkt seinen Thé aux pins — Pfefferminztee mit Pinienkernen, eine tunesische Spezialität. Auch Johanna Hofer konnte am 23. Oktober wählen; sie besitzt den tunesischen Pass. Ihr Favorit: die Demokratische Fortschrittspartei (PDP). Dass die islamische Partei Ennahda gewonnen hat, erstaunt Johanna nicht: «Die Ennahda war von Anfang an super aufgestellt und hat gute Propaganda betrieben. Alle anderen Parteien mussten sich erst formieren.»

Die schweizerisch-tunesische Doppelbürgerin Johanna Hofer mit ihrer Tochter Nourhène am Strand von Hammamet: «Der Wahltag war für die Tunesier ein Freudenfest.» Hofer erstaunt es nicht, dass die islamische Partei Ennahda die ersten freien Wahlen Tunesiens gewonnen hat.

Die Flaute im Tourismus ist eine Katastrophe für das Land

Seit 15 Jahren wohnt die diplomierte Krankenschwester in Tunesien. Ihren Ehemann Chokri (48) hatte sie in der Schweiz kennengelernt; vor 15 Jahren zogen sie in seine Heimat. Zu Beginn arbeitete sie in einer Reiseagentur, heute ist sie Pflegeleiterin in einer Privatklinik in Hammamet. Ihre Patienten: Touristen. Denn der Badeort am Mittelmeer beherbergt im Sommer dreimal mehr Ausländer als Einheimische. Doch 2011 blieb der grosse Rummel aus, zu unsicher war den Europäern die politische Lage nach den Unruhen. Nur wenige Sonnenhungrige verirrten sich an Hammamets kilometerlangen Sandstrand, in die Altstadt, die Medina mit den weiss getünchten Häusern, den geschmückten Toren und Fensterumrahmungen. Besucher im alten Fort waren rar, die Händler des Souks blieben auf ihren Ledertaschen, Kleidern, Ledersandalen und Babouches (Lederfinken) sitzen. Statt der Touristen kamen wohlhabende Libyer, auf der Flucht vor den Unruhen in ihrer Heimat.

Von der Medina aus präsentiert sich Hammamet im besten Licht.
Von der Medina aus präsentiert sich Hammamet im besten Licht.

Die Flaute im Tourismus ist eine Katastrophe für ein Land, in dem über ein Drittel der gut zehn Millionen Einwohner vom Fremdenverkehr lebt. Die Stimmung habe sich dennoch positiv verändert: «Man spürt Erleichterung und Zufriedenheit, dass die Wahlen friedlich abgelaufen sind», sagt Johanna. «Die Tunesier sind sehr stolz auf ihre Demokratie. Es sind neue Wörter aufgetaucht wie ‹Freiheit› oder ‹Unabhängigkeit›. Auf Arabisch habe ich die vorher nie gehört.»

Den Umgang mit der Freiheit müssen die Tunesier allerdings noch lernen: «Am Anfang bedeutete Freiheit vor allem eins: Streik.» Belustigt erzählen Johanna und Nourhène, wie nach dem Umsturz reihum jeder gestreikt hat: Gemeindearbeiter, Pöstler, Taxi- und Busfahrer, Hotelangestellte und vereinzelt auch Schüler: Sie weigerten sich, ihre Aufgaben zu machen.

«Stress kennen wir nicht – eine unglaubliche Lebensqualität»

Johanna nahm dies mit tunesischer Gelassenheit. «Hier lebt man von Tag zu Tag, hat keinen Terminkalender und improvisiert viel», schwärmt sie. «Stress kennen wir nicht — eine unglaubliche Lebensqualität.» Als sie aus Liebe und Abenteuerlust hierherzog, hat sie ein perfektes Ferienland entdeckt. «Tunesien ist unglaublich vielfältig: im Norden Pinienwälder, Korkeichen und Häuser mit Giebeldächern, im Süden die Wüste mit ihren traumhaft schönen Oasen und Beduinendörfern. Am Meer gibt es neben den touristischen Zentren auch viele einsame und wilde Strände.»

Buntes Treiben in den Gassen von Djerba
Buntes Treiben in den Gassen von Djerba: Letzten Sommer besuchten nur wenige Touristen die Insel. Nun hoffen die Tunesier, dass wieder mehr Europäer ins Land kommen.

Wie lebt es sich aber als Frau in einem islamischen Land? «Rechtlich sind die Frauen gleichgestellt, die religiösen Traditionen sind aber stark in der Kultur verankert», erzählt Johanna. Allzu sehr anpassen musste sie sich dennoch nicht. Sie werde auch als Christin von Chokris Familie voll akzeptiert — Hauptsache, er bleibt Muslim. In einem touristischen Ort wie Hammamet, wo viele Europäer wohnen, geniesse sie eine gewisse Narrenfreiheit, sagt sie. Wird Töchterchen Nourhène in der Schule von zu viel Gottesfürchtigkeit überschüttet, «muss ich zu Hause das Ganze etwas neutralisieren», sagt sie und lächelt schelmisch.

Auch die Schweizerinnen Stephanie Hugentobler (40) und Nadine Aroua-Amrein (29) liessen sich nie von der muslimischen Kultur abschrecken. Beide wohnen auf Djerba, der Mittelmeerinsel im Süden, die etwa gleich gross ist wie der Kanton Baselland.

«Das Gefühl von Sicherheit ist zurück – man schaut voraus»

«Auf Djerba lebt ein Gemisch unterschiedlichster Menschen. Man ist tolerant und lässt einander leben», sagt Nadine. Es werde zu viel Rummel um diesen ach so fremden islamischen Alltag gemacht. So viel anders als in unserer Heimat sei es gar nicht, findet Stephanie. «Ich habe in einem kleinen Schweizer Dorf gelebt, da war ich optimal auf das ländliche Djerba vorbereitet.»

Sie sitzen im Chez Chouchou, einem tunesischen Beizli mit kleiner Terrasse. Mit dabei ist Ines (34), Tunesierin und Nadines Schwägerin. Zu dritt führen sie eine Wohnungsvermittlungsagentur, organisieren Treffen für Djerbaliebhaber und geben auf ihrer Facebook-Seite die besten Tipps für das Inselleben.

Fans der Insel gibt es viele. Das Eiland wird von weissen Sandstränden gesäumt. Es gibt eine weitläufige «Zone Touristique» mit Thalassoangeboten, im Landesinnern finden sich viele altertümliche Weiler und eine Vegetation von wilden Dattelpalmen und Olivenbäumen. Die Häuser sind allesamt weiss getüncht, keines ist höher als eine Palme: Mehr als zwei Stöcke sind nicht erlaubt. Djerbas Hauptstadt Houmt Souk besitzt einen Hafen voller stilisierter, touristischer Piratenschiffe, eine Flanierpromenade, haufenweise Beizli, einen Fischmarkt und einen farbigen Souk. In ganz Djerba ist die Entspannung nach den Wahlen spürbar. «Es war wie ein grosses Aufatmen. Man spürte richtiggehend die Erleichterung», erinnert sich Nadine. «Das Gefühl von Sicherheit ist zurück. Man macht wieder Termine ab, schaut voraus.»

Fisch ist in Tunesien eine Delikatesse.
Fisch ist in Tunesien eine Delikatesse. Auf den Märkten von Djerba wird er versteigert.

Während Patron Chouchou Briks (Teigtaschen mit Ei und Fleisch) und Couscous serviert, erzählen Nadine, Stephanie und Ines, warum sie das Leben hier so lieben: Es ist das gemächliche Tempo im Alltag, das alles angenehmer und leichter macht. Dass die Lebenswelten von Frau und Mann in vielen Bereichen getrennt sind, damit können die Schweizerinnen gut leben. Bloss Ines findet, die Situation für die Frauen könnte sich verbessern. Sie ist sich aber sicher, dass die Demokratie für mehr Gleichberechtigung sorgt.

Nun hoffen sie auf einen Aufschwung im Tourismus, Djerba litt massiv unter den Unruhen. Angesichts der Gastfreundschaft und des angenehmen Klimas wird sich dieser Wunsch wohl schon nächsten Sommer erfüllen: Dann werden wieder mehr europäische Touristen die traumhaften Sandstrände der Mittelmeerinsel besuchen.

Journalistin und Fotograf reisten auf Einladung des tunesischen Fremdenverkehrsamts.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Jorma Müller