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16. Juni 2014

«Am saubersten ist nicht konsumierte Energie»

Suzanne Thoma ist überzeugt, dass sich die Schweizer Energiebranche im grössten Umbruch seit der Elektrifizierung befindet. Die BKW-Chefin über die Kosten der Energiewende, Mieter als Milchkühe sowie Frauen in der Chefetage.

Suzanne Thoma am Hauptsitz der BKW in Bern: «Der Atomausstieg kostet usn insgesamt 20 Milliarden Franken. Die Zahl ist tragbar.»
Suzanne Thoma am Hauptsitz der BKW in Bern: «Der Atomausstieg kostet usn insgesamt 20 Milliarden Franken. Die Zahl ist tragbar.»

Suzanne Thoma, welche Art von Strom ist Ihnen am genehmsten?

Am liebsten wäre mir, wenn wir als Gesellschaft einen Weg fänden, weniger Energie zu verbrauchen. Das Schlagwort «Die nicht konsumierte Energie ist die sauberste» trifft zu, denn jede Produktionsform weist Nachteile auf – auch die viel gelobte Fotovoltaik. Die Sonnenkollektoren werden mit energie- und rohstoffintensiven Prozessen hergestellt.

Jeder Einzelne muss den Energiekonsum reduzieren. Was tun Sie persönlich dafür?

Ich esse seit langer Zeit kein Fleisch mehr. Das reduziert zwar nicht den Strom-, aber den Energiekonsum erheblich. Ich fahre wenig Auto und wenn, dann meistens mit einem Hybridfahrzeug. Beruflich reise ich deutlich weniger und weniger weit als früher, aber das hat mehr mit meiner Aufgabe bei der BKW zu tun. In den Ferien bin ich gerne in der Schweiz oder im europäischen Ausland.

Und Sie haben einen kurzen Arbeitsweg.

Das macht sehr viel aus. Ich pendle mit dem Tram innerhalb von Bern und benütze mein kleines Auto relativ selten. Wenn ich mir das so überlege, erreiche ich Energieeffizienz AAA (lacht).

Mieter befürchten, dass die Mehrkosten der Energiewende 2050 auf sie abgewälzt werden. Verstehen Sie deren Sorgen?

Ja, teilweise schon. Als Hauseigentümer können Sie sich dafür entscheiden, mit Solarenergie einen Teil Ihres Bedarfs selber zu produzieren. Mit den neuen Regelungen zahlen Sie weniger für Ihren Netzanschluss, obwohl sie gleich viel Netzkosten wie vorher verursachen. Diese Kosten zahlt jemand anderer, beispielsweise jemand ohne Eigenproduktion. Das Gleiche gilt für die Steuern und Gebühren, die Sie mit der Stromrechnung bezahlen. Für die energieintensive Industrie ist es zudem ebenfalls sehr wichtig, steigende Energiekosten zu vermeiden. Das bedeutet, dass jemand anderer zahlen muss. Preisüberwacher Stefan Meierhans kommt zum Schluss, dass dieser Jemand vor allem Mieter sein werden.

Weiter wird kritisiert, dass der Strom dank Subventionen so billig ist wie noch nie.

Das stimmt für jene, die im freien Markt Strom einkaufen können. Nur gilt das für Private nicht, weil sich das Schweizer Stimmvolk im Herbst 2002 gegen eine Marktliberalisierung ausgesprochen hat. Die Auswirkungen dieser Situation muss man allerdings relativieren: Eine Durchschnittsfamilie, die nicht mit einer Wärmepumpe heizt, hat schätzungsweise eine Stromrechnung von 800 Franken pro Jahr. Die Stromkosten machen weniger als 300 Franken aus. Der Rest betrifft Gebühren und die Netznutzung.

Preisüberwacher Stefan Meierhans fordert eine Lenkungsabgabe auf Atom-, Gas- und Kohlestrom sowie alle anderen fossilen Energieträger. Ist das der richtige Weg?

Er ist zumindest prüfenswert. Statt direkt zu fördern, würde man vermehrt über den Preis lenken und damit das Energiesparen attraktiver machen. Klar ist: Für die Natur und die Umwelt ist es am besten, wenn wir den Konsum von Energie umfassend reduzieren.

Wie weit kann die Schweiz die Energiewende selbständig angehen?

Ich bin mit Bundesrätin Leuthard einig, dass eine vollständige Unabhängigkeit vom Ausland nicht sinnvoll ist. Eine Energiepolitik, die eine weitgehende Abhängigkeit zumindest in Kauf nimmt, halte ich für gefährlich. Wenn es zu einer Stromverknappung kommen sollte, dann muss man sich im Klaren sein, dass in den jeweiligen Ländern die nationalen Versorgungsinteressen erste Priorität haben und der Stromexport eingestellt wird.

Wie gross ist die Gefahr, dass uns der Strom ausgeht?

In den nächsten zehn Jahren ist sie klein. Aber als Energieunternehmen denken wir in Jahrzehnten. Wenn man sich allzu stark vom Ausland abhängig macht, dann wird der Netzausbau zum Thema. Dieser ist teuer, und niemand will ihn. Ein System, in dem man in kleinen Netzregionen und mit neuen Batterietechnologien arbeitet, ist für mich sympathischer und stabiler als Stromlieferungen aus der Nordsee.

Ende 2019 beginnt die BKW mit dem Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg – eine Schweizer Premiere. Wie plant man so etwas?

Bis zur Stilllegung sind es noch rund fünf Jahre. Ungefähr die Hälfte dieser Zeit benötigen wir, um einen detaillierten Stilllegungsplan zu erarbeiten. Danach legen wir diesen dem Bundesamt für Energie und dem nuklearen Sicherheitsinspektorat vor. Erst dann werden wir die sogenannte Stilllegungsverfügung erhalten und können mit der Stilllegung beginnen. Drei bis fünf Jahre später werden wir die Kernbrennelemente von Mühleberg in ein Zwischenlager transportieren. Dann kann der Rückbau starten. Das ganze Projekt dauert rund 15 Jahre.

Was kostet der Atomausstieg letztlich?

Die drei Betreiber von Kernkraftwerken in der Schweiz rechnen mit insgesamt 20 Milliarden Franken. Die Zahl ist zwar beeindruckend, aber letztlich tragbar. Wir rechnen in Zeiträumen von 50 Jahren.

Suzanne Thoma: «Der Ausstieg aus der Kernenergie alleine löst keine Probleme.»
Suzanne Thoma: «Der Ausstieg aus der Kernenergie alleine löst keine Probleme.»

Es stellt sich die Frage, woher künftig der Strom kommt, den «Mühleberg» produziert.

Ja, das ist eine grosse Frage. Solange wir wie aktuell eine europäische Stromschwemme haben, wird das die Konsumenten nicht tangieren. Aber irgendeinmal stellt sich tatsächlich die Frage, ob wir Strom in der Schweiz produzieren oder ihn importieren wollen.

Die BKW betreibt 300 Windturbinen in Deutschland und Italien, aber nur 16 in der Schweiz.

Ja, die Projekte werden hier politisch bekämpft, was die Kosten schon in der Anfangsphase erhöht. Auch die administrative Abwicklung ist in der Schweiz anspruchsvoll. Zudem gibt es in der Schweiz nicht so viele geeignete Standorte für Windkraftwerke. Aber ich möchte betonen, dass immerhin die Hälfte aller Windturbinen, die es in der Schweiz überhaupt gibt, zur BKW gehören.

Sie sind Mutter zweier erwachsener Töchter. Reden Sie mit ihnen über die Energiewende?

Ja, da werde ich herausgefordert. Es ist nicht immer populär, darauf hinzuweisen, dass auch die erneuerbaren Energien ökologische Nachteile haben und dass der Ausstieg aus der Kernenergie allein keine Probleme lösen wird. Eine Energiewende ohne einen Bewusstseinswandel der Konsumenten wird vermutlich scheitern. Wir werden wirklich etwas verändert haben, wenn wir weniger Treibstoff und weniger Ressourcen verbrauchen. Dabei sollten wir nicht nur auf die Schweiz achten, sondern auch auf das, was im Ausland passiert. Beispielsweise: Wie viele Ressourcen werden im Ausland für Produkte verbraucht, die in die Schweiz importiert werden?

Sie haben während zweier Jahre in Taiwan gearbeitet. Wie stark können Sie von den dort gesammelten Erfahrungen profitieren?

Sehr stark. Es hilft, sich immer bewusst zu machen, dass die Schweiz nur ein kleiner Flecken auf diesem Globus ist und die Welt weder an der Schweizer Grenze noch in Europa aufhört. Der Aufenthalt hat mir auch gezeigt, wie unglaublich privilegiert wir in der Schweiz sind. Es ist keine Selbstverständlichkeit, am Morgen eine warme Dusche mit sauberem Wasser nehmen zu können.

Sie führen 3000 Mitarbeitende. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Verantwortungsbewusstsein, Pragmatismus und eine hohe Motivation. Das erwarte ich auch von den Mitarbeitern.

Sie gelten als Macherin, ehrgeizig und konsequent. Stimmen Sie diesem Bild zu?

Ja, das bin ich wohl alles. Aber ich bin nicht nur das: Ich bin ein fröhlicher Mensch und lache oft. Es fällt mir leicht, Menschen wirklich zu mögen, auch ganz unterschiedliche Menschen. Und ich habe eine sehr empfindsame Seite.

«In meiner Karriere habe ich mich als Frau nicht behindern lassen.»

Frauen als oberste Führungskräfte sind immer noch selten. Was ist Ihr Rezept?

Ich habe mich vor allem nicht behindern lassen. Ich bin gar nie auf die Idee gekommen, dass es unmöglich sein soll, Familie und berufliche Laufbahn gut kombinieren zu können. Es war zwar anstrengend, und es war auch nicht immer einfach. Aber es war machbar, und es hat sich gelohnt. Meine Kinder waren und sind mir immer sehr wichtig, der Beruf ist es auch, obwohl man beides nicht wirklich miteinander vergleichen kann. Ich bin sehr dankbar, dass alles so gekommen ist. Vielleicht hat mich das Ausland geprägt.

Sie hatten eine grosse Doppelbelastung: Die eine Tochter kam zwei Wochen nach Ihrem Doktortitel auf die Welt, die andere während einer Inbetriebnahme eines Kraftwerks in Taiwan. Wie haben Sie Beruf und Familie unter einen Hut gebracht?

Die ersten Bewerbungsgespräche zwei Wochen nach der Geburt der älteren Tochter mit Blazer und Hose, die natürlich nicht gepasst haben, waren schon aussergewöhnlich (lacht). Aber wissen Sie, man macht einfach, was man machen muss, Schritt für Schritt, und fast immer gibt es einen guten Weg.

Frauen gibt es in Ihrer eigenen Konzernleitung kaum.

Wir haben immerhin zwei Frauen und eine Leiterin des Konzernstabs. Auf der Stufe darunter, in den jeweiligen Geschäftseinheiten, sind in der Tat nur 2 von rund 20 Personen Frauen.

Warum?

Es gibt viele Faktoren. Das Bewusstsein, dass Frauen in Führungspositionen auch in der Energiewirtschaft wichtig sind, hält erst langsam Einzug. Immerhin: Vor drei Jahren gab es neben mir und der Kollegin, die das Windgeschäft leitet, noch keine Frauen in hohen Positionen. In den letzten zwölf Monaten ist es der BKW gelungen, zwei Topfrauen - übrigens beide Mütter – für die Konzernleitung der BKW respektive als Leiterin des Konzernstabs zu gewinnen.

Sind Frauen nicht gut genug im Arbeitsprozess integriert?

Iris Bohnet, Professorin in Harvard und Verwaltungsrätin der Credit Suisse, hat nachgewiesen, dass Frauen viel strenger beurteilt werden – übrigens nicht nur durch Männer, sondern auch durch Frauen. Die Bilder, die wir im Kopf haben, unsere Denkmuster, sind immer noch männlich geprägt. Wenn Sie an einen Chefarzt denken, haben sie zuerst einen Mann vor Augen. Frauen in hohen Führungspositionen weichen in ihrer Erscheinung und in ihrer Art von den männlichen Bildern ab. Und ohne dass wir es uns bewusst sind, schätzen wir das oft als Mangel ein. Hinzu kommen die Familienpflichten, von denen sich Frauen nach wie vor in ihrer beruflichen Entfaltung behindern lassen.

Trotzdem sind Sie gegen eine Frauenquote.

Ja. Aber mir ist bewusst, dass Frauen in Unternehmen ohne Quote und ohne Bewusstsein und Taten der obersten Führung nur kleine Chancen haben. Ich bin jedoch nach wie vor optimistisch, dass die Wirtschaft langsam erkennt, dass es in ihrem ureigenen Interesse ist, gemischte Führungsteams zu haben.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Ruben Wyttenbach