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29. März 2016

Am 1. April blüht der Spaghettibaum

Jedes Jahr fallen wir auf sie herein: Aprilscherze. Wahre Meister darin sind die Briten. Ihre Spaghettibaum-Ente bleibt unerreicht. Weshalb das Scherzen im Frühling und auch sonst eine gute Sache ist, sagt Humorforscher Willibald Ruch im Interview.

Am 1. April blüht der Spaghettibaum
Jedes Jahr fallen wir auf sie herein: Aprilscherze. Wahre Meister darin sind die Briten. Ihre Spaghettibaum-Ente bleibt unerreicht.

Achtung Spoiler: Am Freitag ist der 1. April. Falls Ihnen an diesem Tag etwas seltsam vorkommen sollte, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen plötzlich jemand fröhlich zuruft: «April, April!».

Das «Hereinlegen» oder «in den April schicken» hat in den meisten europäischen Ländern und in den USA Tradition. Besonders beliebt ist der Aprilscherz bei Kindern und Journalisten. Jahr für Jahr überbieten sich auch hiesige Medien mit zuweilen irrwitzigen Einfällen. Einige der Falschmeldungen haben inzwischen Kultstatus erreicht. Unvergessen ist etwa der TV-Beitrag der britischen BBC aus dem Jahr 1957, worin von Spaghettibäumen und gefrässigen Spaghettirüsselkäfern im Tessin die Rede war. Hunderte von Zusehern riefen damals bei der BBC an und wollten wissen, was es mit der exotischen Pflanze auf sich habe und wo man sich einen solchen Teigwarenbaum beschaffen könne.

1962 lieferte ein schwedischer TV-Sender eine Anleitung, wie man aus dem Schwarz-Weiss-Fernseher einen Farbfernseher bastelt: einfach einen Nylonstrumpf drüberstülpen, das verändere die Wellenlänge des Lichts. Tausende probierten den Trick. 1998 kündigte Burger King in einem Inserat einen Whopper für Linkshänder an.

Der Ursprung des Aprilscherzes ist unbekannt. Eine mögliche Erklärung ist das Wetter. Dieses macht im April ja bekanntlich, was es will. Und meist fallen wir darauf herein: am Morgen bei schönstem Sonnenschein im Pulli hinaus, nur um am Abend bei Schneefall zu frieren. Seien Sie also auf der Hut, wir haben Sie gewarnt!

«Humor ist eine Charakterstärke und sollte gefördert werden»

Willibald Ruch

Willibald Ruch (59) ist Humorforscher an der Universität Zürich.

Professor Willibald Ruch, in Taiwan werden Schweine gezüchtet, die im Dunkeln grün leuchten. Wofür soll das gut sein?

Wenn es auch welche gibt, die gelb und rot leuchten, könnte man sie als Ampel verwenden. Schweine sind aber nicht mein Forschungsthema …

Finden Sie das lustig?

Mässig. Aprilscherze können aber durchaus lustig sein. Als die englische BBC im Jahr 1957 berichtet hatte, dass die Spaghettiernte im Tessin wegen des milden Winters reich ausfallen werde, war das schon grossartig.

Weshalb erheitert es uns, wenn wir jemanden «in den April schicken»?

Der Aprilscherz enthält alle Elemente der Komik: Er ist ein generell harmloses Spiel mit einem Spannungsaufbau und einer Pointe.

Ein im Kalender festgelegter Scherztag ist doch per se ein Spasskiller!

Nicht unbedingt. Natürlich wäre es grausam, wenn Humor nur an diesem Tag möglich wäre. Humor ist eine Charakterstärke und muss gefördert werden. Ein Ritual wie der 1. April kann da wertvolle Dienste leisten.

Jüngst machte sich die ganze Welt lustig über eine holprige Ansprache unseres Bundespräsidenten. Ist Humor auf Kosten anderer nicht verwerflich?

So sind wir halt. Amüsiert hat uns der Kontrast: Da spricht einer mit ernster Miene übers Lachen. Mir als Humorforscher gehts manchmal ebenso. Die Leute erwarten von mir, dass ich witzig bin – sonst irritiert sie das. Ein Ornithologe hat es besser. Von ihm wird nicht erwartet, dass er den Lockruf der Eule nachahmen kann.

«Rire, c’est bon pour la santé», sagte Johann Schneider-Ammann, ­Lachen sei gesund. Hat er recht?

Es hilft, Stresssituationen zu meistern. Menschen, die in Kriegsgefangenschaft ihren Humor nicht verlieren, tragen weniger Schäden davon. Sicher ist: Lachen hebt die Lebensqualität und fördert das Miteinander.

Erzählt man sich deswegen an Beerdigungen auch muntere Episoden aus dem Leben eines Verstorbenen?

Genau. In Rumänien gibt es einen Friedhof, wo lustige Sprüche auf den Grabplatten stehen. Wenn man die Gratwanderung schafft, einem geliebten Verstorbenen mit humorvollen Geschichten nahezukommen, ohne dabei ins Frivole zu kippen, kann das Erleichterung verschaffen.

Wird man als humorvoller Mensch geboren?

Zwillingsstudien bestätigen das: Wenn zwei Brüder beide über Mantafahrerwitze lachen können etwa. Humor ist ein Spiel. Und jeder Mensch trägt das Spielerische seit der Geburt in sich. Erst verschiedene Formen der Kultivierung beeinflussen unsere Humorfähigkeit.

Demnach ist Humor lernbar?

Die Fähigkeit zu lachen ist angeboren. Wie etwa das Niesen. Humor lässt sich aber schon trainieren. Wir haben das gemacht: Als wir Erwachsene an lustige Episoden aus ihrer Kindheit erinnerten, mussten sie lächeln. Die Dinge sind noch da, auch wenn wid­rige Lebensumstände sie vielleicht verschüttet haben.

Inwiefern verändern Soziale Medien wie Facebook unseren Humor?

Ich beobachte eine gewisse Abstumpfung. Wenn früher jemand auf der ­berühmten Bananenschale ausgerutscht ist, hat man das den Kollegen vielleicht mit hochrotem Kopf erzählt. Heute hält man die Szene mit dem Handy fest. Es findet ein Wettkampf um Aufmerksamkeit statt. Die Herausforderung dabei ist, dass wir unsere Werte nicht verlieren.

Autor: Peter Aeschlimann