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24. Februar 2014

«Am Anfang war ich in der Schweiz geschockt»

Gyamtsho Tshering ist einer von fünf Bhutanern, die in der Schweiz leben. Seit einem halben Jahr absolviert er beim Migros-Genossenschafts-Bund ein Praktikum. Der 23-jährige Student, Sohn des Premierministers Tobagay Tshering, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Ländern, die Schweizer und seinen Lieblingsort in Bhutan.

Gyamtsho Tshering (23)
Gyamtsho Tshering (23) macht derzeit ein Praktikum im Migros-Genossenschafts-Bund (MGB).

Gyamtsho Tshering, Sie wohnen seit September 2011 in der Schweiz. Wie lebt es sich in unserem Land?
Anfangs war ich geschockt, wie kalt die Schweizer sind. Als ich die ersten zwei Semester an der Hochschule für Wirtschaft (HWZ) in Zürich studierte, mochte ich deswegen das Leben überhaupt nicht, denn in Bhutan ist man mit den Mitmenschen sehr herzlich. Mir fehlten meine Freunde, und ich musste feststellen, dass es in der Schweiz sehr schwierig ist, in bestehende Freundeskreise aufgenommen zu werden. Diese Erkenntnis war eine harte Lektion für mich. Doch mit der Zeit stellte ich fest, dass die Schweizer offen sind, wenn man sich mit ihnen unterhält. Sie leben zielgerichtet, was wahrscheinlich sehr gut ist – aber halt anders als in Bhutan.

Nehmen Sie die Schweizer als rassistisch wahr?
Nein. Aber manchmal werden Witze gemacht. So erlebte ich schon eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher im Zug, die zu mir wegen meines asiatischen Aussehens «Ching Chong» sagten. Ich tat so, als ob ich es nicht hören würde. Und ich war ohnehin zu scheu, mich auf Deutsch zu wehren. Heute würde ich vielleicht spasseshalber entgegnen, sie sollten sich besser nicht mit mir anlegen, weil ich Kung-Fu praktiziere.

Was wussten Sie vor Ihrer Abreise über die Schweiz?
Meine Vorstellungen waren sehr vage. Ich kannte das Armeemesser, Käse und andere Produkte. Nun realisiere ich, dass Bhutan und die Schweiz sehr viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Beide Länder sind klein, haben Berge, die dafür sorgten, dass wir nie kolonialisiert wurden. Und wir haben heute starke Mächte als Nachbarländer: die Schweiz Deutschland und Bhutan Indien. Zudem gehören Käse und Trockenfleisch zu unseren Spezialitäten. In der Schweiz wird das Fleisch nur dünner geschnitten.

Sie leben seit bald zweieinhalb Jahren in der Schweiz. Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Arbeitskultur. Es ist erstaunlich, wie stark die Zeit respektiert wird. Meetings finden oft fast sekundengenau statt. Das ist selbst so, wenn ich beispielsweise zum Basketballspielen abmache. In Bhutan haben wir einen ganz anderen Umgang: Wenn man privat verabredet ist, kann man auch einmal eine halbe Stunde später eintreffen.

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit?
Ich lebe mit einem Bhutaner in einer WG in Zug. Dort gehe ich ins Basketballtraining. Und ich bin ein Fan des GA. Es ist Fun, sich mit anderen GA-Besitzern zwei Stunden irgendwohin in den Zug zu setzen, zu diskutieren und am Ende der Diskussion in einem anderen Teil der Schweiz auszusteigen. So lerne ich die Schweiz kennen.

Wie kommt ein junger Mann aus Bhutan eigentlich dazu, die Schweiz als Bildungsort auszuwählen?
Tatsächlich dachte ich, nach meiner Highschool in China, den USA oder Australien zu studieren, und habe mich für verschiedene Universitäten beworben. Entweder erhielt ich keine Antwort oder Absagen. Dann reiste der HWZ-Prorektor Urs Dürsteler in unser Land, weil ein Austauschprogramm zwischen der Schweiz und Bhutan besteht. Ich habe ihn getroffen, danach ein Interview via Skype geführt und mehrmals E-Mails ausgetauscht: Am 1. Oktober 2011 startete ich an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, wobei Studium und Praktikum je 50 Prozent ausmachen. Letztlich war es gut, dass ich in der Schweiz gelandet bin, denn New York und Washington DC kenne ich bereits – und jetzt mit der Schweiz und Bhutan schon drei verschiedene Kontinente.

Das Praktikum absolvieren Sie beim Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich.
Ja, ich habe nach Ankunft in der Schweiz und der Arbeit beim Startzentrum, dem Kompetenzzentrum für Jungunternehmen, Monica Glisenti getroffen. Sie ist die publizistische Leiterin der Migros-Medien. Ich erklärte ihr, was ich mache und führte ein informelles Gespräch auf Deutsch. Ich habe ziemlich geschwitzt (lacht). Heute beschäftige ich mich in meinem Praktikum im Bereich Logistik und Transport unter anderem mit Rechnungsstellung, Daten, Taxen, Mehrwertsteuer, Kalkulation und Buchungen. Mich interessiert die Thematik sehr.

Welcher ist der nächste Schritt in Ihrer Ausbildung?
Das Praktikum dauert bis Ende März 2014. Wenn es möglich ist, würde ich das gerne verlängern. Ehrlich gesagt plante ich ursprünglich, nach meiner Ausbildung sofort nach Bhutan zurückzukehren und meinem Heimatland zu helfen. Jetzt realisiere ich, dass ich dazu noch zu jung bin und zu wenig gelernt habe. Wenn ich weitere Berufserfahrungen sammle und den Horizont erweitere, nütze ich Bhutan mehr.

Was für Optionen hätten Sie im Land des friedlichen Donnerdrachens?
Meine Mutter führt ein kleines Verkehrsbüro. Dort könnte ich aushelfen. Als zweites Standbein ist der Export von Orchideen aus dem Osten unseres Landes nach Indien und Bangladesch geplant. Doch bei beiden Möglichkeiten sitze ich in ein gemachtes Nest. Mir stellen sich kaum Herausforderungen.

Sie könnten einst Ihrem Vater in die Politik folgen.
(lacht) Ich möchte meinem Land helfen. Ich möchte Bhutan etwas zurückgeben. Nur bin ich nicht sicher, ob ich Politiker werden will. Ja, ich bin interessiert an der Politik. Aber nein, ich möchte nicht jetzt einsteigen. Sehen Sie: Jeder muss arbeiten, um einen Beitrag für sein Land zu leisten. Deswegen muss man aber nicht gleich einen Spitzenjob besetzen. Es kann auch ein einfacher Beruf sein, der zum Leben ausreicht. Denn wenn Sie viel verdienen und sich einen Ferrari leisten können, wollen Sie das nächste Jahr wieder einen. Das ist nur Stress.

Was mögen Sie am Leben in Bhutan?
Alles. Ich bin dort geboren. Wenn ich mich ausruhen will, ist Bhutan genau der richtige Ort. Dort fühle ich mich wirklich zu Hause. Ich spreche die gleiche Sprache, weiss, wie Einwohner auf Situationen reagieren.

Wie sehen Sie die Zukunft Bhutans?
Die weitere Entwicklung hängt von der Regierung ab. Mein Vater ist bis September 2017 gewählt. Wir haben einen guten König, der noch immer einflussreich ist. Und wir gehen in eine gute Zukunft, solange wir einen guten König haben, der die Bevölkerung richtig führt.

Als Sohn des Premiers sind Sie privilegiert.
Ja, ich habe Glück, dass mir so viele Möglichkeiten offenstehen. Meine Familie hat quasi einen Kuchen für mich gebacken, und ich kann nun ein Stück davon geniessen. Für mich ist es auch deshalb Pflicht, ihr mit viel Respekt zu begegnen. Dank meinem Vater habe ich es so weit gebracht.

Das Bumthang-Tal ist einfach atemberaubend.

Welche Orte sollte man in Bhutan besuchen?
Für mich ist Bumthang eines der schönsten Täler, ganz einfach atemberaubend. Um mehr Zeit zu haben, empfehle ich, den Weg zwischen Paro im Westen und Bumthang im Osten einmal mit dem Flugzeug zurückzulegen. Und die Wanderung hoch zum Kloster «Tiger‘s Nest» ist ein absolutes Muss. Was ich aber auch empfehle: Besuchen Sie abends einen Club in unserer Hauptstadt Thimphu. Sie werden überrascht sein, dort dieselben Einheimischen zu treffen, die tagsüber noch mit traditioneller Kleidung unterwegs waren. Im Club tragen die Männer Anzüge oder Freizeithosen, die Frauen Stöckelschuhe wie in Paris oder New York.

Wo befindet sich Ihr persönlicher Lieblingsort im Land?
Ich bin ein «Thimphu Boy». Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Obwohl ich nicht sehr religiös bin, gehe ich gerne den Weg zum Dechephu-Kloster hoch. Diese Zeit nütze ich, um etwa über meine berufliche Zukunft nachzudenken.

Viele Buddhisten Bhutans sind sehr religiös.
Ich bin ebenfalls Buddhist, habe aber in einer katholischen Schule studiert, und mein bester Freund während meiner Kindheit war Moslem. Ich bin gegenüber Religionen neutral eingestellt.

Könnten Sie sich vorstellen, für immer in der Schweiz zu leben?
Nein. Manchmal mache ich Spass und sage: «Nur, wenn ich heirate.» Ich bin wohl noch immer zu stark Bhutaner und möchte einst wieder zurückzukehren. Spätestens nach 20 Jahren will ich dort wieder die Einfachheit des Lebens geniessen. Oder als älterer Mann: Wenn man pensioniert ist, ist das Leben in Bhutan angenehmer als in der Schweiz, denn es entspricht einer Familientradition, dass sich die Kinder um ihre Eltern kümmern.

«Nur, wenn ich heirate»? Kamen Sie in der Schweiz schon mal in eine solche Situation?
Ich hatte vor zwei Jahren eine Schweizer Freundin. Damals war ich aber wohl noch nicht erwachsen genug. Ich wollte ausgehen und das Leben geniessen. Ich habe nicht erkannt, dass im Leben Stabilität wichtig ist.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild