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15. Dezember 2014

Am Abgrund

Manche Mütter kommen permanent ans Limit
Am Rande der Depression: Manche Mütter kommen permanent ans Limit. (Bild iStockPhoto)

«Liebe Mutter am Abgrund,

ich fürchte, dass du bald zusammenbrechen wirst. Alle Anzeichen sind da, ich warte nur noch auf den grossen Knall: Du fühlst dich gehetzt, hast das Gefühl, nichts mehr zu schaffen. Deine hartnäckigen Schlafstörungen sind im Vergleich zu dem Hörsturz, den du neulich erlitten hast, ein Klacks. Wenn du redest, dann überschlägt sich deine Stimme. Es braucht nur ganz wenig, und du flippst aus, schreist herum. Leider trifft es andauernd deine Kinder. Die machen im Moment einfach alles falsch. Sie hören zu wenig, sie spielen zu laut, sie sind zu anhänglich, sie sind zu wenig sorgfältig, sie verlangen zu viel. Deine Kleinen leiden gerade sehr. Sie tun das, was alle Kinder tun. Sie suchen die Schuld bei sich. Das tut mir weh.

Du hast vergessen, wie man lächelt. Wenn ich dich treffe, haben deine Augen Mühe, einen Punkt zu fixieren. Du kannst dich keine Sekunde entspannen, denn nichts läuft so, wie es laufen soll. Momentan gibt es nur einen Menschen auf der Welt, der weiss, wie es richtig geht: du selbst. Der Berg der Aufgaben, die du dir stellst, wächst und wächst und wächst. Irgendwann kippt er um und wird dich unter sich begraben.

Weisst du eigentlich, wie instabil du bereits bist? Es braucht nicht viel, ein kleiner Windhauch, ein falscher Tritt – und du taumelst in die Tiefe. Das Letzte, was ich möchte, ist, deinen Kummer zu verstärken. Das hier soll keine Anklageschrift sein, sondern eine Bestandsaufnahme. Fakt ist, dass du dringend Hilfe brauchst. Und damit meine ich nicht eine Putzfrau oder einen halben Tag im Wellnessbereich eines Hotels. Es reicht nicht, wenn du dir vornimmst, etwas zu ändern. Verzeih mir meine Offenheit, aber aus dem Sumpf, in dem du steckst, kannst du dich nicht an den eigenen Haaren herausziehen. Niemand könnte das. Du brauchst professionelle Hilfe. Es genügt nicht, zum Hausarzt zu gehen. Du musst zu einer Fachperson. Die wird deine Not schnell erkennen, da bin ich mir sicher. Es spielt keine Rolle, wie sie dein Leiden nennen wird. Depression, Burn-out, Überforderung – scheissegal. Wenn du wüsstest, wie vielen Müttern es ähnlich geht wie dir.

Liebe Mutter, ich werde das hier Niedergeschriebene niemals persönlich sagen können. Denn immer, wenn ich dich treffe, fehlen mir die richtigen Worte. Ich glaube, vielen deiner Bekannten geht es ähnlich. Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Obwohl wir Anteil am Leben anderer nehmen, würden wir uns lieber die Zunge abbeissen, als in die Privatsphäre eines Menschen einzudringen. Deswegen schweige ich, wenn ich dich sehe. Bitte verzeih mir meine Feigheit.»

Autor: Bettina Leinenbach