Archiv
07. November 2016

Altersarmut: Tiefer Fall in die Bedürftigkeit

Annemarie H. führte mit ihrem Mann ein Kleinunternehmen und wohnte in einem schönen Haus mit Garten. Als er überraschend starb, konnte sie mit ihrer kleinen Rente die Rechnungen nicht mehr bezahlen und verlor alles.

Annemarie H. schämt sich und möchte nicht erkannt werden.
Annemarie H. schämt sich und möchte nicht erkannt werden.

Annemarie H.* ist eine fröhliche, gesprächige Frau. Mit ihren beiden Katzen lebt sie in einer hübsch eingerichteten Dreizimmerwohnung in einer mittelgrossen Gemeinde des Kantons Aargau. Weder sieht man ihr an, dass sie schon 75 ist, noch käme man auf die Idee, dass sie jeden Monat nach Abzug aller Fixkosten nur gerade über rund 200 Franken verfügt, um sich und ihre Haustiere zu ernähren und ihr weiteres Leben zu gestalten.

16,4 Prozent aller Seniorinnen und Senioren in der Schweiz sind arm, H. ist eine von ihnen. Und sie versucht, es nach aussen so gut wie möglich zu verbergen. Nur ganz wenige wissen, wie knapp sie dran ist: ihre beiden erwachsenen Kinder, die ihr immer wieder mal unter die Arme greifen, eine gute Freundin, ihre Betreuerin bei der Pro Senectute und die anderen ebenso armen Mitglieder einer Gesprächsgruppe, an der sie regelmässig teilnimmt. «Da kommen jeweils fast nur Frauen, bei Männern ist die Schwellenangst höher», sagt H. und lacht. Auch sie hat lange gezögert, ob sie hingehen soll, liess sich dann aber von ihrer Betreuerin überzeugen. Es ist Ehrensache, dass niemand ausserhalb der Gruppe über die anderen redet. «Und es tut gut zu hören, wie es anderen ergeht und wie sie da reingerutscht sind.»

Sie selbst hatte in den 80er- und 90er-Jahren ein gutes Leben. Mit ihrem Mann führte sie ein KMU, arbeitete in der Administration, oft abends, damit sie tagsüber Zeit für die Kinder hatte. Sie bauten sich ein schönes, grosses Haus, gingen regelmässig in die Ferien nach Griechenland und führten ein rundum komfortables Mittelstandsleben. Mitte der 90er-Jahre erlitt ihr Ehemann einen Herzinfarkt. Zwar arbeitete er danach weiter, aber nicht mehr gleich intensiv und engagiert. «Das war ja auch richtig, er musste mehr auf sich schauen. Aber ich merkte, dass im Geschäft einiges nicht so lief, wie es sollte, hatte jedoch nicht die Kraft, das selbst anzugehen.»

Ein paar kleine Wünsche hätte Annemarie H. schon: Eine neue Bluse und vielleicht mal ein Glas Wein im Ausgang.

2002 starb ihr Mann völlig überraschend mit 64 Jahren. Er fühlte sich plötzlich bei der Arbeit nicht wohl und legte sich kurz hin. «Als ein Mitarbeiter zehn Minuten später nach ihm sah, war er bereits tot. Das war der Anfang vom Ende.» Mit ihren Kindern war Annemarie H. zu diesem Zeitpunkt zerstritten – zwar übernahm ihr Sohn das KMU, aber bei der Übergabe entstanden für sie vor allem Kosten, Kosten, die sie sich nicht leisten konnte. Auch die monatlichen Beträge für die Hypothek auf ihr Wohnhaus wurden plötzlich schwierig zu zahlen. Und weil sie weder eine Pensionskasse geschweige denn eine Dritte Säule hatte, bekam sie bei der offiziellen Pensionierung 2004 nur gerade eine AHV von 2150 Franken. Das reichte hinten und vorne nicht.

Die Schulden wuchsen. Irgendwann reichte es ihrer Bank, und sie zwang sie, das Haus zu verkaufen. «Ich wollte es unbedingt halten, aber es ging einfach nicht mehr.» Auch ihre Kinder, mit denen sie sich langsam wieder versöhnte, waren nicht interessiert, weil sie ihren Lebensmittelpunkt anderswo hatten. 2008 zog sie mit ihren Katzen in die kleine Wohnung, in der sie heute lebt. «Sie ist relativ günstig. Es hat sich angefühlt wie ein Sechser im Lotto, die Zusage dafür zu bekommen.»

Buchtipp: Ratgeber für Bedürftige
Corinne Strebel Schlatter, «Wenn das Geld nicht reicht». Der «Beobachter»-Ratgeber informiert über das Auffangnetz von Sozialversicherungen und Sozialhilfe. Die Autorin zeigt Wege aus dem finanziellen Engpass und gibt Tipps, wie man auch mit wenig Geld den Alltag finanzieren kann. Mit Musterbriefen und nützlichen Links. Erhältlich bei Ex Libris .


Eine gute Freundin hatte ihr schon kurz nach der Pensionierung den Tipp gegeben, Ergänzungsleistungen zu beantragen. «Zuerst habe ich mich gesträubt. Aber sie versicherte mir, dass mir das zusteht.» Die Freundin war es auch, die sie davon überzeugte, sich an die Pro Senectute zu wenden. Heute ist sie sehr froh, dass sie sich dazu überreden liess, und rät allen in ihrer Situation, das ebenfalls zu tun. «Ohne wäre alles viel schwieriger. Ich bekomme finanzielle Unterstützung, aber auch allerlei Vergünstigungen für Kultur und öffentlichen Verkehr.» Zusätzlich arbeitet sie für einen kleinen Zustupf noch ein bisschen beim Sohn mit.

«Es ist mir peinlich, ich schäme mich»

Alles in allem bringt ihr das pro Monat knapp 3000 Franken ein, übrig bleibt davon aber am Ende nicht viel. «Ich würde mir gern mal neue Schuhe oder eine hübsche Bluse kaufen, aber das ist alles viel zu teuer.» Für eine neue Brille mit korrigierten Gläsern musste sie sich beim Sohn verschulden. Und auch ihr Sozialnetz ist immer kleiner geworden. Einige sind gestorben, andere haben aufgehört, sie zu fragen, ob sie hierhin oder dorthin mitkommen möchte, weil sie immer Nein gesagt hat: Sie konnte sich die Kosten schlicht nicht leisten. «Gleichzeitig wissen noch immer einige, dass ich mal ein KMU mitgeführt und ein grosses Haus verkauft habe. Die denken alle, dass es mir finanziell ziemlich gut gehen muss.»

Und so soll es auch bleiben, wenn es nach ihr geht. «Es ist mir peinlich, dass ich in solche Schwierigkeiten geraten bin, ich schäme mich.» Sie will auch nicht, dass die anderen schlecht von ihr denken, sie für eine Schmarotzerin halten, weil sie sich staatlich unterstützen lässt. «Mein Fehler war, dass ich früher nicht mehr auf mich geachtet habe. Ich hätte Geld zur Seite legen sollen, sparen für später. Stattdessen habe ich alles immer ins Unternehmen und ins Haus gesteckt.»

Dennoch, sagt sie, sei sie eigentlich zufrieden. «Klar denke ich manchmal, wenn ich am Samstagabend mit den Katzen vor dem Fernseher sitze, dass es jetzt schön wäre, mit jemand anderem irgendwo ein Glas Wein zu trinken. Aber es ist, wie es ist.» Sie hat sich daran gewöhnt, sich an den kleinen Dingen zu freuen. «Ich habe ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, eine heisse Dusche, meine Katzen. Was will ich mehr? Im Alter wird man ohnehin bescheidener.»

Ihre Kinder laden sie ab und zu zum Essen ein oder auch mal für eine Woche in die Ferien. Hätte sie mehr Geld, würde sie gern nochmals das kleine griechische Dorf auf dem Peloponnes besuchen, wo sie früher mit ihrer Familie und Freunden so häufig war. Wenn sie von diesen Reisen erzählt – der türkisblauen Bucht, den Bootstouren, den tollen Abendessen – leuchten ihre Augen, und für einen Moment ist die Gegenwart vergessen und das Leben wieder so schön wie einst.

* Name von der Redaktion geändert

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Tina Steinauer