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21. September 2015

Alte Väter bleiben jung

Immer mehr Männer bekommen im Herbst ihres Lebens Nachwuchs. Auch Schlagzeuglegende Pierre Favre ist so ein später Vater. Beim 78-jährigen Neuenburger sorgt die 4-jährige Sophie für viel Wirbel – und lässt ihn einen zweiten Frühling erleben.

Pierre Favre mit Tochter Sophie
«Sollte Sophie Musikerin werden, wäre das mein grösstes Glück»: Pierre Favre zeigt Tochter Sophie, wie man auf mit Wasser gefüllten Kalebassen spielt.

Wenn man mit dem Feuer spielt, kann man erwarten, dass es einmal brennt», sagt Pierre Favre (78) scherzhaft. Der Weltklasse-Schlagzeuger spricht damit jenen Moment vor vier Jahren an, als ihm seine Frau eröffnete, dass sie schwanger sei. Die Nachricht löste tiefe Freude bei ihm aus, warf aber auch Fragen auf. Zumal es unter den verschiedenen Meinungen, die er und seine Frau, die Pianistin Agnieszka Bryndal (46), einholten, auch Stimmen gab, die meinten, dass es gefährlich sei, in diesem Alter noch ein Kind zu zeugen. Mittels Ultraschall verfolgte das Paar denn auch gespannt die Entwicklung des heranwachsenden Lebens. «Als Vater ist man da absolut engagiert», sagt der Neuenburger, der die Schwangerschaft und die damit zusammenhängenden Vorbereitungen entsprechend intensiv miterlebte.

Die Töchter sind älter als seine Frau

Dabei kam ihm seine eigene Kindheit zugute: Pierre Favre wuchs auf einem kleinen Bauernhof auf, nahe Le Locle, eingangs des Tals La Brévine. «Es war die alte Welt. Man nimmt das Leben, wie es kommt, sieht es positiv. Dann kommen die Geschenke von allein. Und die kleine Sophie ist ein Riesengeschenk», strahlt der späte Vater, der mit Sabine und Anne bereits zwei viel ältere Töchter hat. Beide sind älter als seine Frau, mit der er, gleichsam als Grossvater, noch einmal von vorne begonnen hat.

«Sophie lässt mich nicht älter werden», sagt Favre. Wie jüngere Väter trägt er seine Tochter herum, macht Gymnastik und tanzt mit ihr. Wenn sie mit der Zeit mehr verlangt, wird er mitmachen, was eben geht. Zwar denkt er manchmal daran, dass er ein Alter erreicht hat, in dem er sterben könnte.
Doch er glaubt, dass es noch lange so weitergeht. «Wenn Sophie 20 ist, kann ich gehen. Jetzt wäre es zu früh, und wer weiss schon, wer zuerst geht», sagt Pierre Favre. Stirbt er zuerst, wird sich seine Frau um Sophie kümmern. Er hat dafür gesorgt, dass dann alles einigermassen geregelt ist. In allen Teilen der Erde, auch in Brasilien und Australien, wurde ihm gesagt, er würde mindestens 100 Jahre alt. «Glaubt man es, könnte es auch noch passieren», meint er.

Pierre Favre
Wach und voller Energie: Jung hält Pierre Favre neben seiner Frau und Sophie auch die Musik.

Mit bald 80 Jahren sieht sich Pierre Favre in voller Blüte stehen. Beim Spielen macht er täglich Fortschritte. Seine Projekte kommen voran. Sein Streben hat zwar nicht mehr die gleiche Natur wie mit 20, als er alles unbedingt wollte, aber er ist umso kreativer. «Als älterer Mensch sieht man eine Blume anders. Man taucht in sie ein und entdeckt eine wunderbare Welt», sinniert der Künstler. Beim Musizieren empfindet er dasselbe: Immer tiefer dringt er in die Musik ein. An der Technik arbeitet er nicht, um technisch besser zu werden, sondern um besser spielen zu können. Es geht um Leidenschaft. «Solange sie anhält, brennt das Lebensfeuer; vorausgesetzt die Gesundheit und der Kopf machen mit», glaubt Pierre Favre. Bis jetzt ist ihm dieses Glück beschieden: Er fährt immer noch sehr gut Auto, erledigt alles Administrative und arbeitet viel.

Andere erzieherische Schwerpunkte

Vor allem aber hat er Zeit für Sophie. Eine neue Erfahrung, die ihm bei seinen älteren Töchtern versagt geblieben war. Damals war er oft ohne Arbeit, hatte keine Wohnung. Die Familie lebte im Zelt, war wie die Zigeuner dauernd unterwegs. Rom, München, Paris. Heute verläuft sein Leben geordneter, sodass die kleine Sophie mehr Ruhe hat.

Relativ häufig zu Hause, erzieht er seine jüngste Tochter mit. Dabei hat er das Bild eines Menschen vor Augen, der in der Welt steht und seine Fähigkeit entfalten kann, der sich nicht von dieser oder jener Ideologie an der Nase herumführen lässt. Zur Erläuterung führt Pierre Favre seinen eigenen Werdegang an. Er hatte nie einen Schlagzeuglehrer, brachte sich alles selber bei. Durch Abgucken und Nachahmen. Schallplatten waren seine Lehrer. Deswegen spielt kein zweiter so wie er.
Der Musiker ist überzeugt: «Unternehmungsfähig ist man dann, wenn man etwas auf seine Weise macht, sich aber trotzdem integrieren kann.» Er kann mit allen spielen. Solo, im Orchester, im Duo, im Trio. Er spielt auch das Gewöhnliche. Aber eben alles nur auf seine Art. Diese Haltung gibt er seiner kleinen Tochter weiter. Dass seine Frau andere erzieherische Schwerpunkte setzt, bezeichnet er als Balance, die gut ist.

Die Anzeichen sprechen jedenfalls dafür: Sophie ist sehr eigenständig. Sie wählt dies, wählt das, sie malt, tanzt, singt und will Cello spielen. Und sie ist ein interessiertes Kind: Wenn ihr zum Beispiel ein Konzert gefällt, dann bleibt sie anderthalb Stunden sitzen und hört zu. Und das im Alter von vier Jahren! «Sollte Sophie Musikerin werden, wäre das mein höchstes Glück», sagt Favre. Sophie wächst mehrsprachig auf. Ihre Mutter spricht Polnisch, ihr Vater Französisch, mit ihren Spielkameraden lernt sie Schweizerdeutsch. Für Pierre Favre ist entscheidend, was ein Vater seinem Kind auf den Lebensweg mitgibt. Mag er nun 20 oder 80 Jahre alt sein. Im gleichen Atemzug zeigt er sich dankbar, für alles Gute, das er von seinen Eltern bekommen hat.

Beim ersten Kontakt sind manche schockiert

Sophie hat noch nicht gemerkt, dass ihr Vater ihr Grossvater sein könnte. Egal, wo und wann, ruft sie unbekümmert «Papa, Papa». Lediglich fremde, vor allem jüngere Leute, stossen sich beim ersten Kontakt manchmal an Pierre Favres Alter, geben sich schockiert, dass er eine so junge Frau an seiner Seite hat. Aber noch immer hat eine anfängliche Ablehnung in Wärme umgeschlagen. «Die Leute vergessen schnell, dass ich ein Grossvater bin», stellt er erfreut fest.
Kein Wunder, Pierre Favre ist wach, witzig und voller Energie. Jung hält ihn neben seiner Frau, der kleinen Sophie und seiner Einstellung auch die Musik, insbesondere die Musiker, mit denen er immer noch auf den Bühnen in aller Welt konzertiert. Alle sind wesentlich jünger als er, nämlich 20 bis 50 Jahre alt. Ob dem Spass und der Freude, die sie beim Arbeiten und Üben haben, vergisst er sein Alter.

Einer von Pierre Favres Lieblingssprüchen besagt, dass man bis 50 älter, ab 50 jünger wird im Herzen. So gesehen, ist ein später Vater das Beste, was einem Kind passieren kann.

Autor: Ernst Weber

Fotograf: Daniel Auf der Mauer