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07. April 2014

Alter Schwede, was für ein Fest!

In der südschwedischen Provinz Småland wird das Ende des Winters besonders ausgelassen gefeiert. Mittsommer muss man erlebt haben!

Miteinander unter dem Baum
Heiteres Miteinander unter dem Baum: Smålands Einwohner feiern den Mittsommer.

Wenn junge Damen – die Herren dürfen natürlich auch – wortlos sieben verschiedene Wildblumen pflücken, über einen Zaun steigen und die Blumen unters Kissen legen, dann tun sie das alles der Legende zuliebe. Und in der Hoffnung, davon zu träumen, wen sie dereinst heiraten werden. Einzig das mit dem Schweigen hat heutzutage ausgedient. Ansonsten gehört dieser Brauch aber zum Midsommarafton (Mittsommerabend) wie Maibaum, Tanzen und Hering.

Nachdem der lange Winter besiegt ist, kommt das ganze Volk in Festlaune. Mittsommer, nach Weihnachten das wichtigste Fest der Schweden, lockt alle aufs Land. Denn dort feiert man traditionellerweise am schönsten. Am Tag vor Mittsommernacht leeren sich die grossen Städte langsam, dafür wandern ganze Scharen aufs Land. So auch nach Småland, die Bilderbuchregion Schwedens.

Restaurant Sjökanten auf Hasselö
Das Restaurant Sjökanten auf Hasselö.

Der Einfachheit halber hat man bereits vor mehr als 50 Jahren festgelegt, dass Midsommarafton, der Abend vor Mittsommer, immer an einem Freitag gefeiert wird. Und zwar an jenem, der in die Zeit vom 20. bis 26. Juni fällt. Dieses Jahr sammeln die Småländer also am 20. Juni Ginsterzweige, Eichenlaub, Lupinen und Margeriten, schmücken den Maibaum, richten ihn auf, ziehen ihre Trachten an, flechten Blumenkränzchen zu Haarschmuck, singen und tanzen bis weit in die Nacht hinein, die jetzt nie richtig dunkel wird.

Auf Hasselö wird gewandert, Velo gefahren und geschlemmt
Auf der Schäreninsel Hasselö sind Auswärtige zu Mittsommer willkommene Gäste. Das Fest am Strand ist ein grosses Ereignis, die Insel aber auch so den ganzen Sommer über ein beliebtes Ausflugsziel. Neben sonnenbaden kann man hier auch wandern, biken oder eine lustige Traktorfahrt unternehmen. Kulinarisch ist ebenfalls Genuss angesagt, insbesondere im etwa zwei Kilometer vom Hafen entfernten Restaurant Sjökanten. Hier wird ein Lunchbuffet angeboten, im Hochsommer auch ein Abendmenü, alles zubereitet mit regionalen Produkten. Zum schmackhaften 3-Gang-Menü gehört frischer Fisch genauso dazu wie die herrliche Aussicht aufs Wasser und die umliegenden Schären, die noch lange ins Abendrot eingetaucht sind.

Holzhäuschen prägen das Stadtbild von Västervik
Holzhäuschen prägen das Stadtbild von Västervik.

Langweilig wird es auf Hasselö also nicht so schnell. Ebenso wenig wie in Lysingsbadet etwas ausserhalb von Västervik, der grössten Stadt der Region. Das Resort umfasst Campingplatz,
Hütten und Zimmer, doch das ist nur ein Teil des Angebots. Nordeuropas grösste Minigolfanlage ist hier zu finden, wie auch eine riesige Badelandschaft mit Rutschen. Und das Lysses Hus, in dem vier Leute damit beschäftigt sind, mit den Kindern zu spielen und zu basteln.
In Lysingsbadet wird jedes Jahr ein Maibaum aufgestellt. Gegen 5000 Leute feiern hier Mittsommer – ein gewaltiges Fest, an dem viele Neugierige aus Nah und Fern teilnehmen. Diese kommen dann auch in den Genuss des traditionellen Mittsommermenüs: eingelegter Sill (Hering), junge Kartoffeln mit frischem Dill, Sauerrahm und frische, rote Zwiebeln. Zum Dessert werden die ersten Erdbeeren des Sommers serviert. Getrunken wird meist Bier und Schnaps. Was dazu führt, dass immer wieder und vor allem gern Trinklieder angestimmt werden. In Lysingsbadet verbringen auch viele schwedische Familien ihre Sommer ferien. Sie kommen aus abgelegenen Gegenden, in denen nicht viel los ist, und geniessen dann den heiteren Rummel und die Lebendigkeit des Resorts umso ausgiebiger.

Die Schweizer Auswanderer mögen es beschaulich
Ganz anders die Schweizer, die in Småland viel mehr die Stille und Schönheit der Natur suchen. Das geht den Sommergästen so, aber auch Karin (49) und Roger (50) Galli sowie Andy Vogel (50). Seit 2011 besitzen und betreiben die drei Baselbieter aus Allschwil die Ferienanlage Långsjön Stugor & Camping in Ankarsrum, auf halbem Weg zwischen Malmö und Stockholm gelegen, direkt am See und an der Strecke der Schmalspurbahn, die Västervik mit Hultsfred verbindet.

Andy Vogel, Karin und Roger Galli
Andy Vogel (50, Kaufmann), Karin (49, Leiterin Finanz- undPersonalwesen) und Roger (50, Garagist) Galli zogen 2011 von Allschwil BL nach Südschweden.

Natürlich interessiert es, wie das Trio dazu kommt, beinahe im Nirgendwo einen Campingplatz zu betreiben. Wie so oft standen auch bei diesen Auswanderern Träume am Anfang ihrer
Geschichte. Karin Galli träumte von einer Hotelrezeption inmitten der Natur. Auch Garagist Roger Galli sehnte sich nach einer Veränderung. Dasselbe gilt für Andy Vogel, ursprünglich im Bereich Messgeräte tätig und die letzten drei Jahre vor dem Auswandern bei Roger in der Garage angestellt. Auch er suchte eine neue Herausforderung und wollte seine Leidenschaften – Boote und Wasser
– mit dem Beruf vereinen. Der Zufall half in Form einer Anzeige, wo besagter Campingplatz zum Verkauf angeboten wurde. Bevor es schliesslich losging, wurde fleissig Schwedisch gebüffelt.

Ab 2011 führte das Basler Trio den Campingplatz zunächst ohne Rezeption und mit altersschwacher Infrastruktur. Renoviert und ausgebaut wurde in den Nebensaisons. Von den Einheimischen sind die Schweizer sofort gut aufgenommen worden. «Nicht nur, weil die Handwerker des Dorfs Aufträge bekommen haben», weiss Karin Galli. «Sondern auch, weil sich Schweden und Schweizer charakterlich sehr ähnlich sind.»

Karin Galli hat in Ankarsrum ein neues Lebensgefühl gefunden
Schon ein Jahr nach dem Startschuss stand auf dem Campingplatz die Rezeption mit kleinem Laden, und 2013 wurde das komfortable Servicehaus errichtet. 42 Stellplätze mit Strom sowie
drei Bereiche für kleine Zelte stehen nun dieses Jahr für Gäste zur Verfügung. Auch wer ohne Camper, Wohnwagen oder Zelt anreist, kann hier übernachten – in einem der acht Ferienhüttchen.
Heute geht jeder der drei Auswanderer seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Karin Galli betreut – logisch! – die Rezeption mit dem kleinen Laden (hier gibt es frische Croissants und feinen Kaffee). Roger Galli, von Natur aus der Handwerker, schaut bei allem Gröberen zum Rechten, und Andy Vogel ist für Buchhaltung und Einkauf zuständig.

Karin bringt ihr neues Lebensgefühl auf den Punkt: «Wenn man so dasteht und über den See schaut, weiss man einfach, dass man angekommen ist.» Gut möglich, dass es ihren Feriengästen genauso geht. Denn es gibt viele Wiederkehrer, die länger bleiben. Ein paar sogar für immer.

Autor: Inge Jucker

Fotograf: Inge Jucker