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10. September 2012

Alter schützt vor Allergien nicht

Wer nie im Leben allergisch auf etwas reagierte, wird es auch im fortgeschrittenen Alter nicht mehr tun, denkt man – und liegt falsch: Denn immer häufiger reagieren auch ältere Menschen plötzlich auf Stoffe, die sie vorher gut vertragen haben. Die Gründe dafür werden noch erforscht.

Günter Ludwig reagiert allergisch auf Sellerie.
Günter Ludwig und der Sellerie: Als Kind mochte er ihn nicht, als Erwachsener reagierte er plötzlich allergisch auf die Knolle.

«Allergien sind nicht altersgebunden, sondern können in jedem Alter auftreten», sagt Andreas Bircher, Facharzt für ­Allergologie und Dermatologie am Unispital Basel. Das war schon früher so. Allerdings hat die Zahl der Menschen, die an Heuschnupfen, der häufigsten Allergie, leiden, deutlich zugenommen. «Im Jahr 1920 waren in der Schweiz circa ein Prozent der Bevölkerung von Heuschnupfen betroffen, im Jahr 2000 waren es bereits 15 Prozent», sagt Bircher.

Die Gründe für die starke Zunahme werden von der Wissenschaft noch diskutiert. Die höhere Lebenserwartung mag eine Rolle spielen: Viele Menschen entwickeln in einem Alter Beschwerden, das sie in früheren Zeiten gar nicht erst erlebt hätten. Möglicherweise tragen auch die veränderten Lebensbedingungen dazu bei. Facharzt Bircher erklärt: «Zumindest in westlichen Indu­s­trie­nationen herrscht heute ein hoher hygie­nischer Standard, man ist viel weniger Bakterien ausgesetzt, als es in Entwicklungsländern heute noch der Fall ist.»

Was ist überhaupt eine Allergie? «Eine Allergie ist keine Immunschwäche, wie man vielleicht denken könnte, sondern ein Zeichen dafür, dass sich das Immunsystem eigentlich zu gut wehren kann», erklärt Andreas Bircher. «Es ist eine übertriebene, unnötige Abwehrreaktion des Körpers auf harmlose, alltägliche Substanzen wie Pollen, Tierhaare, Bienen- oder Wespengift. Aber mit dieser übertriebenen Reaktion hat das Immunsystem die Weichen falsch gestellt.»

Die Symptome können abnehmen und nach Jahren plötzlich wieder auftreten.

Das Immunsystem reagiert vor allem bei jungen Personen, aber auch ein 80-Jähriger kann plötzlich eine Allergie entwickeln. Es ist sozusagen ein Zeichen von Jugend, dass sich das Immunsystem noch so gut wehren kann.

Andreas Bircher macht zu Forschungszwecken regelmässig Allergietests mit seinen Studenten. 50 Prozent davon fallen positiv aus, ohne dass die Testpersonen irgendwelche Symptome verspüren oder allergisch sind. Wiederholt man die Tests ein paar Jahre später, beträgt die Quote der positiven Ergebnisse nur noch 30 Prozent. Grund dafür ist, dass bei jungen Menschen das Immunsystem noch am Reifen ist, es trainiert sich noch. Deshalb glauben auch viele, eine Allergie wie Heuschnupfen könnte sich «auswachsen».

Unabhängig von der Umwelt spielt aber vor allem bei der Pollen- und Milbenallergie die genetische Disposition eine grosse Rolle. «Es ist nicht sicher voraussagbar, bei wem eine Allergie ausheilen wird, die Mehrzahl der Betroffenen behält die Allergie», stellt der Experte fest. «Es kann zwar sein, dass die Symptome abnehmen, aber nach Jahren plötzlich wieder auftreten. Das heisst, das Immunsystem behält sein einmal erworbenes Gedächtnis, und dieses kann wieder aktiviert werden.»

Ins Spital wegen einer Allergie auf Sellerie

Günter Ludwig aus Schaffhausen bekam mit 42 Jahren eine Sellerieallergie. Mittlerweile ist der Sekundarlehrer 61 Jahre alt und hat seine späte Allergie «gut im Griff» und fühlt sich nicht sehr eingeschränkt. Sie äusserte sich beim ersten Mal mit einem starken Juckreiz und plötzlichem Hautausschlag, vor allem an den Handflächen, dazu kamen Atemnot und ein geschwollener Hals. Die Symptome traten eine Stunde nach dem Verzehr von Sellerie auf.

Beim zweiten Kontakt musste Günter Ludwig ins Spital, weil die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks bestand: eine lebensbedrohliche Reaktion auf ein Al­lergen, bei welcher der Körper vermehrt Histamin ausschüttet, was zu einem Kreislaufkollaps mit tödlichem Ausgang führen kann.

Ein ärztlicher Test machte dann die Ursache des Problems aus, eine Allergie auf Sellerie. Er gehört zur Pflanzengruppe der Doldenblütler, zu der auch Karotten, Fenchel, Kümmel, Petersilie und Anis gehören. In deren Blütezeit hat Ludwig deshalb auch Heuschnupfensymptome, gerötete, tränende Augen und eine verstopfte Nase.

Seit der Diagnose kommen bei Familie Ludwig nur noch frisch zubereitete Lebensmittel auf den Tisch. Manchmal ist das Auswärtsessen schwierig, und anfangs war es auch das Einkaufen. «In Bouillons und Gewürzen ist oftmals Sellerie enthalten, das wird in der Schweiz aber nicht eigens deklariert», beklagt sich der Lehrer. Er würde sich wünschen, dass die Hersteller das änderten. Obwohl Günter Ludwig konsequent Allergieauslöser meidet, hat er immer die Notfallmedikamente Cortison und Antihistaminika dabei.

Ob seine Allergie ganz aus dem Nichts kam, bezweifelt Günter Ludwig ein bisschen. Er erinnert sich, dass er als Kind Kümmel nicht mochte und ihn deshalb nicht ass. Heute ist er darauf allergisch, weiss er jetzt. Instinktiv hat er gemieden, was ihm nicht bekam, und im Erwachsenenalter gab es bis zum 42. Lebensjahr auch keine Beeinträchtigungen.

Es kann auch sein, dass jemand erstmals im hohen Alter auf Bienen- oder Wespengift allergisch reagiert. Das Gift schadet dem Menschen normalerweise nicht, und auf den ersten Stich oder Kontakt kann man nicht al­lergisch reagieren. Man muss mindestens einmal zuvor gestochen worden sein, um allergisch zu reagieren. Bei der auf den ersten Stich erfolgten Abwehr hat das Immunsystem wiederum die Weichen falsch gestellt und wurde überempfindlich. «In der Schweiz gibt es dadurch etwa fünf bis zehn Todesfälle pro Jahr. Unfälle, die vermeidbar sind, wenn sich die Betroffenen einer Immuntherapie unterziehen würden», erläutert der Experte.

Eine solche Allergie sollte man, wie jede andere auch, ernst nehmen und behandeln lassen.

Autor: Sabine Müller

Fotograf: René Ruis