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07. Mai 2012

Alte Schule

Und dann kam Sergio. Eines schönen Schulmorgens sagte der Lehrer beiläufig: «Das ist der Sergio. Er ist neu.» Und zum neuen Schüler gewandt: «Willkommen in der Schweiz. Jetzt ist dann finito parlare italiano, hä!» Der Sergio. Aus den Abruzzen. Neu im Dorf. Schon in der grossen Pause war er der «Tschingg». Hochwasserhosen, die Haare schief geschnitten; sprach kein Wort Deutsch. Zum Glück war ich schon einige Male in Sottopassaggio in den Ferien gewesen. Mit ein paar Brocken Italienisch näherte ich mich ihm an. «Tu wenire cho spiele, zu mir, casa … tschoggaare?» Er kam. Binnen Kurzem waren wir dickste Freunde, amici per sempre. Ging ich Panini-Bildchen gänggelen, legte ich für ihn die Italiener zur Seite: Dino Zoff! Giorgio Chinaglia! Gianni Rivera!

Und ich litt mit, wie der Lehrer ihn plagte. Man hatte uns gewarnt vor Herrn Krenger. «Krenger ist strenger», sagten die älteren Geschwister, die schon bei ihm zur Schule gegangen waren. Meinem furzfreudigen Bruder hatte er die Bemerkung ins Zeugnis gesetzt: «Musste oftmals wegen Gasens vor die Türe gewiesen werden.»

Seit Generationen unterrichtete der Mann die vierte Klasse, im Nebenamt war er Gemeindepräsident für die Bauern, Gewerbe- und Bürgerpartei, im Nebennebenamt berichtete er in der Lokalzeitung über die Gemeindeversammlungen, die er im Nebenamt geleitet hatte, kurzum: eine mächtige Lokalgrösse. Und eben: strenger. Samstagmorgens um halb acht (meine Kinder wollen mir ja nicht glauben, dass wir auch am Samstag zur Schule gingen) versammelte er uns um sein Klavier, gab das hohe G an, und wir hatten zu singen: «Grosser Gott, wir loben dich!» Aber wehe, einer schwankte ein bisschen, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, schubste gar eine Kameradin … Krenger brach mitten im Lied ab, baute sich vor einem auf: «Useläse!» Man hatte die Wahl zwischen drei Stöckchen: Eiche, Hasel, Nussbaum. Sie taten alle etwa gleich weh. Man musste die Rechte mit der Handfläche nach oben ausstrecken, und Krenger schlug zu; wahlweise zehn, zwanzig oder fünfzig Hiebe, je nach Schwere des Vergehens.

«Die Italiener legte ich für Sergio zur Seite.»
«Die Italiener legte ich für Sergio zur Seite.»

Den Sergio traf es besonders häufig. Er war in Italien zur Schule gegangen und konnte schon zusammengehängt schreiben. Aber falsch! Befand Krenger. Ganz falsch. «Jetzt sind wir nicht mehr in Italia, hä, amici carabinieri!» Sergio schrieb mit links. Er musste auf rechts wechseln. Er schrieb mit Kugelschreiber, etwas anderes hatte es in den Abruzzen nicht gegeben. Er musste auf Füllfederhalter wechseln: Geha. Und auf kantonalbernische Schulschrift. «Finito Mafia-Cipollata, hä!» Sergio, die arme Sau, der erste Italienerbub im Ort. Ich hielt zu ihm. Er konnte so lustig indianerlen und war der Einzige, der freiwillig ein Goboi war. Mein Bruder und ich, wir wollten immer Apachen sein. Wir gaben dem Sergio den Sheriffstern und waren froh, dass er den Goboi machte. Sergio, mein erster grosser Jugendfreund. Muratore sein Vater, die Mutter Putzfrau.

«Amici per sempre!», hatten wir gesagt, «per sempre» dauerte dann eineinhalb Jahre. Bald ging ich in der Stadt zur Schule, er blieb im Dorf. Daran, wie unsere Wege sich verloren, muss ich denken, wenn die Kinder fragen, ob sie mit den Gschpänli, mit denen sie heute Panini-Bildchen tauschen, wohl auch später noch befreundet sein werden. Vielleicht sollte ich ihn mal anrufen, den Sergio.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 7./8. 5. St. Gallen, 10. 5. Aarberg BE.

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Autor: Bänz Friedli

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