Archiv
18. Mai 2015

«Alte Besen wissen besser, wo der Dreck liegt»

Fifa-Präsident Joseph S. Blatter stellt sich Ende Mai zur Wiederwahl. Setzt er sich durch, tritt der Walliser seine fünfte Amtszeit an. Was sind Vor- und Nachteile von Politikern, Wirtschaftskapitänen, Funktionären und Trainern, die lange in ihrem Amt bleiben?

Sepp Blatter 1982
Sepp Blatter 1982: DerFifa-Präsident arbeitet bald 40 Jahren als Gneeralsekretär udn Präsident für den Weltfussballverband.
Sepp Blatter
Sepp Blatter

Maximilian Reimann (73, SVP) und Susanne Leutenegger Oberholzer (67, SP) politisierten schon Mitte der 80er-Jahre im Parlament und sitzen auch nach über 30 Jahren noch in Bern.
Die «Polit-Dinosaurier», wie die «NZZ» sie bezeichnet, haben Pendants in der Wirtschaft und im Sport: Ernst Tanner (68) amtet bereits seit über 20 Jahren als Verwaltungsratspräsident von Lindt & Sprüngli, Eishockeytrainer Arno Del Curto (58) feiert 2016 wohl 20 Jahre HC Davos. Und wird Fifa-Präsident Sepp Blatter (79) am 29. Mai für eine fünfte Amtszeit gewählt, kann der Oberwalliser bald ein seltenes Jubiläum feiern: Im November werden es 40 Jahre her sein, seit er zum Weltfussballverband gestossen ist; 2018 könnte er auf zwei Dekaden Fifa-Präsidentschaft anstossen.

Wandel durch Globalisierung

Arno Del Curto
Arno Del Curto

Was heute als aussergewöhnlich gilt, war vor ein, zwei Generationen normal: Ein Arbeitsplatz beispielsweise bei einer Bank, bei der Post oder bei den SBB war eine sichere Lebensstelle. Oder wie es Headhunter Bjørn Johansson (67) ausdrückt: «Wer Karriere machte, wurde mit 50 Generaldirektor und blieb bis zur Pensionierung in dieser Position.» Die Globalisierung und damit die Internationalisierung im Management hätten vor allem in den 90er-Jahren für einen «extremen Wandel» gesorgt.
«Heute liegt die durchschnittliche Amtszeit für einen CEO in der westlichen Welt bei knapp sechs Jahren. Wir haben eine Revolution erlebt.» Noch Anfang der 90er-Jahre konnte sich ein Konzernchef fast zehn Jahre lang auf seinem Chefsessel halten. Der Konkurrenzdruck durch Kandidaten aus dem Ausland sowie kritischere Aktionäre und Verwaltungsräte haben den Job in den Chefetagen verändert.

Sitzt ein Konzernchef trotzdem jahrelang auf seinem Sessel, birgt das Gefahren. Gabrielle Wanzenried (45), Professorin an der Hochschule Luzern, sagt in einem Radiointerview mit SRF 1: «Tendenziell hört sich ein neuer CEO anfangs verstärkt im Markt und bei seinen Kunden um. Mit der Zeit bezieht er eher interne Informationsquellen und vernachlässigt den Markt.» Das könne zu schlechteren Leistungen führen und zu Firmenlenkern, die risikoscheu würden und Veränderungen hinauszögerten.
Eine Revolution erlebte die Fifa: Seit Sepp Blatter 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, habe er, so Johansson, die Fifa «zur Geldmaschine konstruiert. Ohne Blatter wäre der Fussball nicht so global geworden».

Ob es nicht dennoch Zeit für den bald 80-Jährigen wäre, den Sessel zu räumen? Johansson entgegnet: «Wenn es zwei, drei brillante Alternativen zu ihm gäbe, würde ich die Frage bejahen. Nur kann momentan niemand die Fifa besser führen als Sepp Blatter mit seiner Leadership und den Ergebnissen, die er geliefert hat.»
Johansson sagt allerdings auch, dass es bei Firmen wie Roche, Novartis, Zurich oder ABB schlicht nicht möglich wäre, dass einer in diesem Alter Verwaltungsratspräsident wäre – nur schon weil das die Statuten teilweise nicht erlaubten.

Klaus Schwab
Klaus Schwab

Doch es gibt heute Ausnahmeerscheinungen von amtierenden Lenkern aus der Wirtschaft, die ähnlich alt sind wie Sepp Blatter: Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck ist 71, WEF-Gründer Klaus Schwab 77, und Klaus-Michael Kühne vom Logistikkonzern Kühne + Nagel wird demnächst 78.

In der Schweizer Politik fällt auf, dass unter den 23 Parlamentariern in Bern mit den meisten Amtsjahren 9 SP- und 10 SVP-Vertreter sind. Politikwissenschaftler Thomas Milic von der Forschungsstelle Sotomo begründet dies damit, dass es sich dabei auch um die grössten Schweizer Parteien handelt. Doch weshalb haben die Politiker im Durchschnitt mehr Sitzleder als Firmenlenker? Milic vermutet, dass die Bindung zur Partei grösser ist als jene von Managern zu Unternehmen.
Zudem sei es für langjährige Nationalräte, die je nach Funktion mit über 100'000 Franken entschädigt werden, schwierig, ab einem gewissen Alter ins Berufsleben zurückzukehren. Oder anders ausgedrückt: Wer jahrelang im Parlament sitzt, aber keinem anderen Beruf nachgeht, hat in der sich immer schneller verändernden Arbeitswelt keine Chance mehr. «Analysen zeigen jedoch, dass der Stimmenanteil für Kandidaten nach 12 bis 16 Jahren Amtszeit abflacht», sagt Parlamentsforscher Milic. Wer länger Volksvertreter sei, blockiere die Entwicklung von jüngeren Talenten.

Susanne Leutenegger Oberholzer
Susanne Leutenegger Oberholzer

SP-Politikerin Susanne Leutenegger Oberholzer (67) sass 1987 erstmals im Nationalrat. Und sie tritt auch diesen Herbst wieder an. «Ich bin vor allem auch Wirtschaftspolitikerin. Mit der Unternehmenssteuerreform, der Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen zur EU und dem starken Franken steht die Schweiz gerade jetzt vor grossen Herausforderungen. Ich möchte dazu beitragen, diese zur Sicherung der Arbeitsplätze und des Standorts sozial, gerecht und zugleich ökologisch und effizient zu meistern», sagt die Advokatin aus Muttenz BL.

Toni Bortoluzzi
Toni Bortoluzzi

SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi (68), seit 1991 im Parlament, tritt nicht mehr an. «Eine durchschnittliche Amtszeit im Nationalrat beträgt rund zwölf Jahre. Bei mir ist sie bald doppelt so lange. Das ist auch angesichts meines Alters genug.» Gesundheitspolitiker Bortoluzzi sieht Vorteile seiner Standhaftigkeit: «Bis man beispielsweise bei den Sozialversicherungen die Zusammenhänge versteht, braucht es ein paar Jahre. Erst nach zwei Amtsdauern ist man in der Lage, den Fachleuten aus der Verwaltung etwas entgegenzusetzen.» Wer neu ins Parlament gewählt werde und in übermotivierter Art auftrete, werde von den gestandenen Ratsmitgliedern nicht richtig ernst genommen. «Junge Besen mögen besser kehren. Aber die alten wissen besser, wo der Dreck liegt», sagt der zwölffache Grossvater aus dem Zürcher Säuliamt. Er habe deshalb so lange politisiert, weil er konsequent umsetzen wollte, was er in Arbeit genommen hatte. Seine Schreinerei hat er 36 Jahre lang geführt und 2012 wegen Nachfolgeproblemen geschlossen. 

Autor: Reto E. Wild