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27. Februar 2012

Alt Faltl leckt seine Wunden

«Unverletzt?!» Es gehörte zum Bild dieser Ferien, dass Wildfremde mich im Volg und an der Schneebar musterten, von Skihelm bis Snowboardschuh und wieder aufwärts, und ungläubig fragten: «Unverletzt, Sie?!»

Das hab ich davon, dass ich mein snowboarderisches Malaise der letzten Winter hier vor grossem Publikum ausgebreitet und über all die Verletzungen berichtet habe, die ich mir beim Versuch zuzog, mir im fortgeschrittenen Alter noch das Boarden anzueignen. Aber, hey! Ich kann es inzwischen so gut, dass man mir keine Verletzungen mehr ansieht. Keine Krücken bis Drucklegung dieser Ausgabe, kein Gips, keine Bandage. Gewiss, auch diesmal habe ich die zahlreichen Schwellungen und Prellungen, die verkaterten Muskeln und blauen Flecken wie Trophäen gehegt, sie allabendlich mit Wallwurzsalbe, Sportlerpasten und diversen kühlenden Gels balsamiert und mich von Anna Luna und Hans entsprechend bemitleiden lassen. Sie kurven mir natürlich längst um die Ohren, die Kinder, aber immerhin liessen sie sich in der Zwölfergondel zuweilen zu einem anerkennenden: «Nid schlächt, Alt Faltl» hinreissen, «für dein Alter …»

Die Kinder kurven mir um die Ohren.

Alt Faltl – so nennen sie mich in Anlehnung an die wunderbaren «Drachenzähmen, leicht gemacht»-Geschichten von Hicks, dem Wikingerjungen, die wir ihnen letztes Jahr vorlasen. Darin heisst der zittrige Stammesälteste so, und ich gebe zu, dass der Name nicht schlecht zu mir passt. Zudem ist Alt Faltl immer noch besser als «Oldie Sacki». Eine Leserin schrieb mal, ihr Sohn habe den Vater so benamst; Anna Luna las es, schon hatte ich meinen neuen Spitz- namen weg. Doch waren wir nicht einst genauso grausam zu unseren Eltern? «Oma» tauften wir meine Mutter, lange bevor sie eine war. Sie heisst heute noch so, was inzwischen schmeichelhaft ist, denn längst ist sie Urgrossmutter.

«Die Kinder kurven mir um die Ohren.»
«Die Kinder kurven mir um die Ohren.»

«Da komm ich dich dann mal besuchen!», befand Anna Luna keck, als wir unlängst an der Rentenanstalt vorbeifuhren. Sie meinte, das sei ein Seniorengefängnis. Aber solange sie derart liebevoll ist, mag ich die Respektlosigkeit der Kinder. Nur ein Streich ging ihnen in den Ferien in die Hosen. Sie packten ihre Boards, riefen: «Wir gehen schon mal voraus!», türmten dann auf einem Mäuerchen, das zuoberst an einem Treppenaufgang entlang des Schachts verlief, haufenweise Schnee auf, lauerten und wollten mich damit einschneien. Als sie Männerschritte hörten, kippten sie ihre Lawine auf die Treppe runter — und trafen den Hauswart. Doch statt eines Donnerwetters bündnerte der über und über mit Schnee Bepuderte nur freundlich: «Mini Kind machend au söttigi Sacha!», und klopfte sich das viele Weiss von Kopf und Kleidern.

Die Skiferien waren heuer so schön wie nie. Wir versanken beinahe im Schnee. Soll noch jemand behaupten, es gebe keine richtigen Winter mehr! Das Leben in den zwei Wochen zwischen Sessellift, Lädeli und abendlicher Zeitungslektüre ist wunderbar übersichtlich, und beim Anblick des sternenbesprenkelten Nachthimmels über dem eingeschneiten Laaxersee kann man den Gedanken freien Lauf lassen. Ich geniesse, wie wohlig mir alles wehtut, und so wahr ich Alt Faltl heisse: Ab sofort heissen die Tage im Februar bei uns nicht mehr Ski-, sondern Boardferien.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 3.3.12 Herisau AR, 6.3.12 Arbon TG.

Seine Internetseite: www.derhausmann.ch
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli