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03. Oktober 2016

Als Verkaufsleiterin auf dem Kinder-Flohmi

Wer von einem Kinderflohmarkt mit leeren Händen heimkommt, der hat etwas falsch gemacht
Wer von einem Kinderflohmarkt mit leeren Händen heimkommt, der hat etwas falsch gemacht. (Bild: Getty Images)

Meine Töchter wollten unbedingt an den Kinderflohmarkt. Und zwar als tüchtige Verkäuferinnen, um ihre alten Babyspielsachen feilzubieten. Im Rahmen der Aktion – so überschlug Zweitklässlerin Ida – könnten sie locker ein paar Tausend Franken einnehmen. Das Geld stehe dann für andere Investitionen bereit, free Cashflow und so. Ausserdem, so argumentierte sie clever, würde der Flohmi-Besuch unserem Kellerabteil etwas Luft verschaffen. Spätestens an der Stelle hatte sie mich. Ich stieg also am Tag vor der Veranstaltung in die Eingeweide unseres Mehrfamilienhauses und wühlte mich durch Kisten und Kästen.
Mann, da hatte sich in den letzten acht Jahren wirklich viel angesammelt. Da meine Töchter mittlerweile sechs und acht Jahre alt sind, konnte ich mich emotional wirklich von einigem trennen. Pädagogisch wertvolle Wimmelbücher, Holzspielzeug (hergestellt aus dem Holz von gewaltfrei gefällten Bäumen), komplette (!) Kleinkindpuzzles, zu kleine Velohelme und so weiter.

Ich verpackte die Waren in Kartonschachteln, schleppte dieselben in den Flur und wollte das Kellerabteil wieder absperren. Da kamen zwei Mini-Controller um die Ecke ... Und nach einigem Gezeter (auf beiden Seiten) packte ich mindestens die Hälfte der Sachen wieder aus und brachte das Zeug ins Abteil zurück. Keine Überraschung an der Stelle.

Am eigentlichen Flohmi-Tag halfen mir die beiden Mini-Verkäuferinnen, den Krempel zum Veranstaltungsort zu karren. Ja, sie bauten unsere Waren sogar liebevoll auf. Doch sobald die Auslage bestückt war, liessen sie mich alleine zurück. Da sass ich dann, umzingelt von all dem Spielzeug, auf einer Picknickdecke. Ich verstand das. Wirklich. Meine Mädchen mussten sich schliesslich einen Überblick über das Gesamtangebot verschaffen, oder? Allmählich schwante mir aber, dass ich – wie viele andere Mütter auch – zur Verkaufsleiterin befördert worden war. Grmpf! Ich bemühte mich dennoch zu lächeln, denn der Kunde ist König.
Die Geschäfte mit unseren Spielsachen liefen gut. Unsere Waren kamen vor allem bei den Erwachsenen an. Kinder fanden unsere Waren hingegen öde. Zu wenig Plastik, zu wenig schrill – und viel zu gut erhalten. Ida und Eva bekamen von all dem nichts mit, da sie inmitten einer Horde von Kindern über das Flohmarktareal fegten. Irgendwann tauchten die beiden doch wieder auf. «Wir, wir wollen auch was kaufen!» Da Geld bekanntlich frei zirkulieren muss, drückte ich ihnen je einen Zweifränkler in die Hand. Schwups! ... waren sie wieder weg.

Ich sagte noch zu meiner Picknickdecken-Nachbarin: «Na wenigstens habe ich einen Teil der Sachen losbekommen», als ich meine Grosse entdeckte. Sie wedelte freudig mit Tischtennisschlägern, auf denen der halbe Belag fehlt. Und da kam auch die Kleine. Sie trug eine wirklich grosse, abgewetzte Plüschrobbe vor sich her. «Mami», sagte sie, «das ist Robbi. Er wohnt ab sofort bei uns.» Und dann nieste sie. Zwei Mal.

Autor: Bettina Leinenbach