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17. Dezember 2012

«Als Schauspieler gibt man sehr viel von sich preis»

Mit 18 arbeitete Komiker Mike Müller als Totengräber, in einem TV-Krimi spielt er nun einen Bestatter mit kriminalistischem Gespür. Aber auch als Velokurier im Kinofilm «Dead Fucking Last» macht er eine gute Figur. Der Solothurner über sein Interesse für Dialekte, seine Postur und makabre Totenrituale.

Mike Müller
Mike Müllers 
Talent für Dialekte ist legendär. 
Im Film «Dead-Fucking Last» spricht der Solothurner astreines Züritüütsch.

Welches ist der beste Mike Müller? Seine bekanntesten Komiker-Rollen und die Leser-Abstimmung.

Mike Müller, Kompliment zum Züritüütsch, das Sie im Film «Dead Fucking Last», kurz «DFL», sprechen. War es schwierig, das einen ganzen Film lang durchzuhalten?

Nein, gar nicht. Ich musste mich eher konzentrieren, welches Züritüütsch ich spreche. Der Dialekt klingt in der Stadt etwas anders als im Oberland oder in Winterthur, das ich persönlich zufällig sehr gut kenne. Innerhalb der Stadt gibt es ja noch die Soziolekte. Richtung Züriberg redet man anders, als in den Zürcher Arbeiterquartieren drei, vier und fünf. Bäckermeister Oski Kuhn an der Badenerstrasse spricht anders, als Literaturkritiker Werner Weber es tat.

Sie kennen sich sehr gut aus.

Ich lebe seit über zehn Jahren in Zürich, und es gehört zu meinem Beruf, genau hinzuhören, wie die Leute reden. Soziolekte gibt es praktisch nur in Städten. Jene in Bern oder Basel kenne ich halt nicht so dezidiert.

Richtung Züriberg redet man anders als in den Zürcher Arbeiterquartieren. Es gehört zu meinem Beruf, genau hinzuhören.

Sind Sie generell sehr sprachbegabt?

Sprachen und Dialekte interessieren mich grundsätzlich. Bei Fremdsprachen brachte ich es leider nur in Englisch auf ein gewisses Niveau. Mein Französisch ist okay, Italienisch lernte ich auf der Strasse, und bei Spanisch nehme ich immer wieder Anläufe. Mittlerweile reicht es für mehr, als nur um Bier zu bestellen.

Das ist bemerkenswert, da Sie laut offizieller Biografie nicht viel weiter als von Trimbach SO über Olten bis nach Zürich gekommen sind.

Man kann auch in Trimbach Englisch lernen. Ausserdem lebte ich noch in Zuchwil und Wisen. Beruflich war ich ab und zu an Theatern in Deutschland und Österreich, und im Schnitt komme ich alle zehn Jahre für einen Filmdreh ins Ausland. «Ernstfall in Havanna» entstand in Santo Domingo, und für das Missenmassaker durfte ich nach Thailand. Aber nur eine Woche.

Wo lebten Sie in den Achtzigern, deren Geist «DFL» wieder aufleben lässt?

In Olten. Ich nahm nie aktiv teil an den Unruhen, der «Bewegung», wie es damals hiess. Der Bezug des Films dazu kickt aber die Fantasie an und war für mich ein entscheidender Punkt zuzusagen. Wir haben das Motiv intensiv diskutiert: Wie stellen wir die ehemaligen Aktivisten dar? Zeigen wir sie als Loser, die die Kurve nicht gekriegt haben? Haben sie Wunden davon getragen? Oder gehen sie auf eine coole Art und Weise mit ihrem Erbe um? In der heutigen Stadt Zürich sind alle Typologien vertreten: Es gibt wie immer die Loser und jene, die im Geist der damaligen Zeit etwas aufbauten und bis heute an Grundsätzen festhalten. Und dann gibt es natürlich Typen, die die 80er als Style verstanden und erfolgreich wurden in der Gastro- oder Immobilienbranche. Es ist aber auch ein Film über das Erwachsensein — und erwachsen zu sein mussten nicht nur die 80er lernen.

Basiert der Film auf realen Figuren?

Er ist eine Mischung aus Realität und Fiktion. Ich kenne die Zeit ja nur aus Erzählungen. Als Vorbereitung unterhielt ich mich darum intensiv mit Ehemaligen. Sie erzählten mit sehr viel Selbstironie von früher. Aus der Bewegung entstanden unter anderem Genossenschaften, die noch heute existieren. Auch der Kurierdienst Veloblitz, an den wir uns eng anlehnen, entstand in diesem Geist. Auch wenn die Leute, die ihn jetzt führen, zu jung sind, um Altachtziger zu sein.

Hatten Sie oft Muskelkater vom Dreh?

Nein, nie! Ich bin ein guter Velofahrer, im Fall! Ich fahre regelmässig auf den Üetliberg. Auch wenn ich ab und zu absteigen und stossen muss. Ich fahre Rennvelo, Mountain Bike und Stadtvelo. Meinem Alter entsprechend ist mein Alltagsvelo halt eher bieder und hat alles, was man so braucht. Sogar das Licht stellt sich automatisch an.

In «DFL» geht es auch um Freundschaft und Solidarität. Wie wichtig sind diese Begriffe für Sie als Privatmensch?

Sehr wichtig, wenn auch nicht in einem politischen Sinn. Solidarität im politischen Sinn wird schnell mal moralisch, das ist nicht mein Ding. Bäckermeister Oski Kuhn, den ich vorhin erwähnt hatte, war übrigens der Einzige in der ganzen Stadt, der damals Brot in das besetzte Wohlgroth-Areal lieferte. Dabei hatte er nun wirklich keine 80er-Gesinnung. Es gibt einen gewissen solidarischen Geist in dieser Stadt und Netzwerke, die bis heute funktionieren. Und um auf die Frage zurückzukommen: Natürlich finde ich Freundschaften entscheidend. Man kommt irgendwann in ein Alter, wo Freundschaften und Business naturgemäss ein bisschen zusammenhängen. Das ist dann glückliche Koinzidenz.

Weder bei «DFL» noch bei der vierteiligen Krimiserie «Der Bestatter», die am 8. Januar auf SF 1 startet, tauchen die Namen Viktor Giacobbo oder Patrick Frey auf.

Wir arbeiten oft an den gleichen Projekten zusammen, aber nicht immer. Und das ist auch gut so. Wir sind privat befreundet, aber das heisst nicht, dass man immer alles mit der gleichen Mischpoke machen muss. Wir arbeiten am Casinotheater Winterthur zusammen. Wichtig ist auch dort, dass alles offenbleibt und durchlässig, für Nichtaktionäre und alle, die nicht zum inneren Zirkel gehören.

Bei «Giacobbo/Müller» wird gern ein Oben-ohne-Bild von Ihnen gezeigt. In «DFL» sitzen Sie in Unterhosen im Knast. Fällt das leicht?

Wenn es einen plausiblen Grund dafür im Drehbuch gibt, habe ich damit keine Probleme.

Mike Müller als Velokurier im Kinofilm «Dead Fucking Last» (links). (Bild:© FILMCOPY)
Mike Müller als Velokurier im Kinofilm «Dead Fucking Last» (links). (Bild:© FILMCOPY)

Gehen Ihnen die ständigen Spässe über Ihre Postur nicht auf die Nerven?

So lange die Postur so ist, wie sie ist, ist es halt so. Es ist eine Frage des Masses. Tatsächlich sieht es nun mal so aus, wie wir es im Film darstellen, wenn drei Krawallanten ins Untersuchungsgefängnis kommen. Das Bild stimmt. Wenn es nur darum gegangen wäre, mich halbnackt zu zeigen, weil es gut zieht, hätte ich es wohl nicht gemacht. Aber ich gebe ja nicht so wahnsinnig viel von mir preis, bloss weil ich mich oben ohne zeige. Als Mann sowieso nicht. Man kann wesentlich mehr von sich preisgeben.

Wie?

Als Schauspieler und Autor gibt man von sich eigentlich sehr viel preis, wenn man in unserem Beruf streng mit sich ist. Zum Beispiel seine Fantasien. Das ist schon fast intim. Aber eben nicht privat.

«Der Bestatter» spielt in Aarau. Mussten Sie für diese Rolle Aargauer Dialekt lernen?

Die Regisseure waren dagegen. Und das ist richtig. Meine Figur Luc Konrad müsste lupenreinen Aarauer Dialekt sprechen. Der Aargau ist ja noch viel schlimmer als andere Kantone: Er hat unglaublich unterschiedliche Dialekte. In Rheinfelden klingt es fast wie Baselbieter Deutsch, im Seetal geht es ins Luzernerische, Zofingen tendiert Richtung Solothurn. Ich sage «Arou», ein echter Aarauer aber «Arau». Im Film kommen etliche Dialekte vor. Da die Story im Mittelland spielt, ist das nicht so auffällig. Wegen der grossen Mobilität hört man auch in Aarau verschiedene Dialekte.

Mike Müller im TV-Krimi «Der Bestatter». (Bild: © Snakefilm)
Mike Müller im TV-Krimi «Der Bestatter». (Bild: © Snakefilm)

Sie spielen einen Bestatter. Im zarten Alter von 18 waren Sie tatsächlich Totengräber.

Körperlich ist man nicht mehr so zart mit 18. Ich hatte gut ausgebildete Muskeln, die ich auch brauchte — denn es war ein anstrengender Job. Ich machte ihn nur während anderthalb Jahren. Es war ein kleines Dorf mit wenig Föhn.

Wenig Föhn?

Ein alter Mann sagte damals zu mir, ich sei in keiner guten Zeit Totengräber. Es habe zu wenig Föhn. Dann stürben sie nicht, wenn es keinen Föhn habe.

Im Gegensatz zum Bestatter hat der Totengräber keinen Kontakt mit den Toten oder deren Angehörigen, oder?

Eigentlich nicht. Aber wir mussten auch Gräber aufheben und die Gebeine herausnehmen. Und in lehmiger Erde, wie im Jura, sind Särge auch nach vierzig Jahren gut erhalten. Vor allem der Schädel war immer noch ganz — ausser man hatte ihn versehentlich mit dem Pickel zerschlagen.

Klingt makaber.

In New Orleans schiebt man die Särge in Wandgräber, versiegelt die Platten und nach einem Jahr holt man die Toten wieder raus, denn bis dann sind sie komplett verfault.

Warum holt man die wieder raus?

Es gibt eine zweite Beerdigung. Heute ist das nicht mehr so häufig, aber früher wurde die zweite gefeiert wie bei uns der Jahrestag. Bevor man die Überreste ins Grab zurücklegt, werden sie in einem Umzug durch die Strassen getragen, wie bei einer typischen Beerdigung. Solche Riten sind oft eine Mischung aus religiösem Hintergrund und klimatischen Gegebenheiten.

Ein alter Mann sagte damals zu mir, ich sei in keiner guten Zeit Totengräber. Es habe zu wenig Föhn.

Woher wissen Sie so viel über Totenrituale?

Ich fand das Thema schon immer faszinierend. Mein Grossvater war Grabsteinverkäufer. Sein Bruder war Bildhauer. Er verkaufte von Balsthal bis in die Ostschweiz hinaus. Im Kofferraum führte er immer viele kleine Grabsteinmodelle mit sich. Als Muster. Er kannte alle Steine und breitete die jeweils auf Wolldecken aus, um uns Kindern alles zu erklären. Platz hatte er genug, denn er fuhr immer grosse Autos. Er war Verdingbub gewesen, und diese Riesenchläpf waren einfach sein Ding später …

Sie gingen früh von zu Hause weg. Haben Sie sich in Zürich lange fremd gefühlt?

Es gibt wohl keine Stadt in der Schweiz, in der es als Auswärtiger so einfach ist wie in Zürich. Ich hatte nie das Gefühl, von etwas ausgeschlossen zu sein. Das gefällt mir an «DFL» so gut: Der Film zeigt keine dieser langweiligen Milieustudien, sondern die Stadt, wie sie halt ist. Unter anderem, dass hier sehr viele Zugelaufene leben, wie ich einer bin.

Und wo jeder einen anderen Dialekt spricht?

Das ist so. Es ist auch nie ein Thema, auch nicht im Gespräch mit Urzürchern. «DFL» ist eine Geschichte über Leute, die hier leben. Ausserdem kommt die Hardbrücke vor. Das ist meine Brücke. Wenn man drei Monate im Ruhrpott gearbeitet hat, dann mit dem Auto über die als Bausünde verschriene Hardbrücke fährt und in der Ferne die Alpen sieht, ist das ein grossartiger Moment. Das ist Zürich.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Andreas Eggenberger