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26. Oktober 2015

Als Peace Angel im Friedensdienst

Tanja Vultier und ihr Mann leisten als Peace Angels einen Freiwilligeneinsatz im kriegsgeschüttelten Kolumbien, um bedrohte Friedensaktivisten zu beschützen.

Eduardo Acosta vor dem Haus der Ökomenischen Kommisssion für Gerechtigkeit und Frieden
Eduardo Acosta vor dem Haus der Ökomenischen Kommisssion für Gerechtigkeit und Frieden (Humanitäre Zone Camelias in Curbarado, Kolumnbien.

Sie greifen mutig ein, kommen den bewaffneten Truppen dabei gefährlich in die Quere. Ihr einziger Schutz: ein Schriftzug auf T-Shirt und Weste. Die Baslerin Tanja Vultier (31) und ihr Mann Eduardo Acosta (42) sind als Peace Angels unterwegs für die internationale Friedens- und Menschenrechtsorganisation Peace Brigades International (PBI), die unbewaffnete Schutzbegleitung in Krisenregionen bietet. Seit März leben die beiden in Kolumbien, wo seit über 50 Jahren ein Krieg zwischen staatlichen Sicherheitskräften, Paramilitärs, FARC-Rebellen und weiteren Guerillagruppierungen tobt.

Gemeinsam mit sechs anderen Freiwilligen begleitet das Ehepaar während 18 Monaten bedrohte Menschen bei deren Arbeit. T-Shirt und Weste mit dem PBI-Schriftzug sollen die bewaffneten Gruppen abschrecken: Mit Ausländern legen sie sich nicht gerne an, Zeugen können sie nicht gebrauchen, ebenso wenig die internationale Aufmerksamkeit, wenn den Freiwilligen etwas zustiesse. Mit ihrem Einsatz wollen die Peace Angels sicherstellen, dass kolumbianische Friedensaktivisten nicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Zusätzlich zu diesen Begleitdiensten leisten die Freiwilligen viel sogenannte Advocacy-Arbeit: Sie treffen sich mit Diplomaten, Behördenvertretern und ranghohen Militärs, analysieren im Rahmen eines wöchentlichen Pressescannings die politische Lage.

Jeder Tag ein unwägbares Abenteuer

Eduardo und Tania vor der Zentrale der Peace Brigades International in Bogota
In Arbeitskleidern: Eduardo und Tania vor der Zentrale der Peace Brigades International in Bogota.

Tanja Vultier und ihr Mann leben in Apartadó, einer kolumbianischen Kleinstadt mit 130 000 Einwohnern nahe der Grenze zu Panama. Drei Tage im Monat haben sie frei, ausserdem stehen ihnen während ihres Einsatzes sechs Wochen Ferien zur Verfügung. Für Kost und Logis ist gesorgt, dazu gibt es von der Organisation ein Taschengeld von rund 150 Franken im Monat. Eigenes Geld müssen sie in Kolumbien keines ausgeben.

Apartadó liegt inmitten von Bananen- und Ölpalmenplantagen, die Luft ist feuchtheiss, ständig kreisen Militärhelikopter über der Region. Das Leben im PBI-Haus ist hektisch, Privatsphäre gibt es kaum. Während des Interviews via Internettelefonie verschwindet Tanja Vultier immer wieder aus dem Bild: Einmal nimmt sie die Zeitung in Empfang, die ihr der Postbote durch das Gatter reicht, kurz darauf ertönt der ohrenbetäubende Lärm von Strassenarbeiten.

Dann unterbricht eine Kollegin das Gespräch: Ein Bewohner des nahe gelegenen Friedensdorfs San José de Apartadó, eine geschlossene Gemeinschaft, die sich seit 18 Jahren vom bewaffneten Konflikt abschirmt, muss zum Notar in die Stadt. Dafür braucht er Tanja Vultiers Hilfe, weil er sich fern der Friedensgemeinde unsicher fühlt. In schnellem Spanisch klärt Vultier die Umstände und lächelt dann entschuldigend: «Tut mir leid, ich muss weg. Aber so ist es hier eben – man weiss nie genau, was der Tag bringt.»

Die Friedensengel von PBI werden nur auf Anfrage der kolumbianischen Bevölkerung aktiv. Meist bitten Menschenrechtsverteidiger oder Personen in Führungspositionen um Begleitung bei öffentlichen Terminen. Eduardo Acosta ist gerade mehrere Tage im kolumbianischen Hinterland unterwegs, Tanja Vultier ist soeben von einer dreitägigen Tour mit einem Anwalt zurückgekehrt. Mit ihm ist sie in ein abgelegenes Gebiet gereist, um einer Familie zu helfen, die von ihrem Land vertrieben und bedroht wurde. «Das war ein Abenteuer!», erzählt die junge Frau in breitem Baseldeutsch und streicht ihre nassen schulterlangen Haare zurück. «Wir mussten verschiedene Busse nehmen, mit einer improvisierten Fähre den Fluss überqueren, Mototaxis nehmen und stundenlang zu Fuss durch die Wildnis stapfen.»

Vom Wohlstandsland ins Kriegsgebiet

Angst vor Angriffen hat Tanja Vultier keine: «Ich bin als abenteuerlicher Mensch viel gereist. Mir macht so schnell nichts Angst.» Abgesehen von der üblichen Kleinkriminalität wie etwa Diebstahl hat es noch keine grösseren Zwischenfälle mit PBI in Kolumbien gegeben. Ihre Familie habe sich anfangs grosse Sorgen gemacht: «In der Schweiz herrscht wegen der Drogenkriminalität ein schlechtes Bild von Kolumbien.» Mittlerweile hat sich die Sorge aber gelegt. Obschon Tanja Vultier sich in Kolumbien wohlfühlt, vermisst sie ihre Familie und ihre Freunde. «Ich bin so oft unterwegs, dass es schwierig ist, Kontakt zu halten. Eineinhalb Jahre sind schon eine lange Zeit. Aber wir mussten unsere Wohnung sowieso untervermieten. Da spielt es keine Rolle, für wie lange.»

Tanja Vultier, die Geschichte, Jura und Spanisch studiert hat, liess sich von nichts und niemandem von ihren Plänen in Bezug auf PBI abbringen. Auch das fast einjährige Aufnahmeverfahren, für das sie einen Fernkurs und ein Assessment in Spanien absolvieren und Dutzende von Aufsätzen über die politische Lage schreiben musste, schreckte sie nicht ab. Von einer Freundin ihrer Mutter, die selbst einmal Freiwillige gewesen war, hatte sie von der Organisation gehört.

Tania Vultier auf der letzten Etappe mit dem Töfftaxi
Abenteuerlich: Tania Vultier auf der letzten Etappe mit dem Töfftaxi von Apartado Richtung Humanitäre Zone in Camelias.

Eine Anstellung als Fundraiserin für PBI verstärkte schliesslich ihren Wunsch, sich vor Ort einzusetzen. Ihren Mann, den sie vor 13 Jahren bei einem Auslandsjahr in Ecuador kennengelernt hat und der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt, musste sie nicht lange überreden – er fühlt sich in Kolumbien fast wie daheim in Ecuador. Eduardo Acosta hat Jura studiert und arbeitete in der Schweiz als Krankenpflegeassistent. Dass er nun täglich mit Menschenrechten konfrontiert ist, reizt ihn besonders: «Es ist motivierend, mich für den Frieden in einem Land zu engagieren, das nicht weit entfernt ist von dem Ort, wo ich geboren bin.»

Tanja Vultier weiss um ihr Privileg, in der Schweiz aufgewachsen zu sein. «Im Austauschjahr in Ecuador merkte ich erstmals, was für ein Glück ich im Leben hatte. Mir hat es an nichts gefehlt.» Dass die Menschen in Kolumbien seit 50 Jahren unter dem Konflikt leiden und in ständiger Angst leben müssen, findet sie unfair. «Ich wünsche mir, dass das dem Rest der Welt nicht egal ist.»

Ein Wandel zeichnet sich auf der politischen Bühne indes bereits ab: Ende September haben sich der kolumbianische Präsident und die FARC auf eine Beilegung des Konflikts geeinigt – damit scheint der Frieden wahrscheinlicher als je zuvor. Eine Genugtuung. Auch für die Peace Angels.

Autor: Silja Kornacher