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08. Juli 2013

«Als Mann geht man nicht in eine Frauenzentrale»

Jedes vierte Opfer von häuslicher Gewalt in Paarbeziehungen ist männlich. Ein Väterhaus im Kanton Aargau verhilft betroffenen Männern zu einer Verschnaufpause. Gründer Oliver Hunziker spricht über die Waffen einer Frau und Politiker, die Zahlen schönreden.

Oliver Hunziker
Oliver Hunziker war selbst von häuslicher Gewalt betroffen - das hat ihn motiviert sich zu engagieren.

Oliver Hunziker, was muss passieren, damit ein Mann sich Hilfe holt?

Häufig sind die Situationen so eskaliert, dass es einfach einen Schnitt braucht. Der Mann muss weg von zu Hause. Wenn er uns gefunden hat und merkt, dass wir ihm glauben, brechen die Dämme. Wir denken nicht automatisch, der Mann sei ein armes, unschuldiges Opfer. Aber wir glauben ihm, dass er eine Belastung erlebt und dass es für ihn nicht weitergeht.

Das Väterhaus ZwüscheHalt gibt es seit dreieinhalb Jahren. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Unsere Beratungen nehmen stetig zu, 2012 haben wir fast 500 durchgeführt. Schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Männer aus den Beratungen ziehen dann ins Väterhaus ein. Wir haben manchmal den Eindruck, dass viele Männer sich vor allem an der Tatsache festhalten, dass ein solches Angebot überhaupt existiert.

Hat sich das Väterhaus etabliert?

Die Anerkennung aus der Fachwelt kommt langsam. Zuerst wurden wir kritisch beäugt, aber der anfängliche Medienrummel hat uns sehr geholfen. Leider machen die Behörden betroffene Männer auf den «ZwüscheHalt» noch zu wenig aufmerksam.

Symbolisch: Auch Männer können Opfer von psychischer Gewalt sein
Symbolisch: Auch Männer können Opfer von psychischer Gewalt sein (Bild: iStock Photo).

EIN BETROFFENER ERZÄHLT
Ausserdem zum Thema: Er hat gelitten und wurde nicht ernst genommen. Ein Mann, der psychische Gewalt erlebt hat, erzählt seine Geschichte. Zum Artikel.

Wer arbeitet im Väterhaus?

Mit dem Leiter des Hauses haben wir eine 80-Prozent-Stelle besetzt. Für den Wochenenddienst und Notfälle ist ein Pikettdienst zuständig. Wir arbeiten mit Heilpädagogen und Seelsorgern zusammen. Je nach Situation bieten wir für die Männer auch Ärzte oder Psychologen auf. Wenn ein Vater mit seinen Kindern ins Väterhaus einzieht, machen wir ihm klar, dass er die volle Verantwortung trägt. Unsere Institution ist nicht fürs Kinderhüten zuständig.

Wie gestalten die Männer ihren Alltag während des Aufenthalts im Väterhaus?

Sie müssen sich eine Auszeit nehmen. Schliesslich handelt es sich um eine Notsituation. Das ist auch der Grund, warum unsere Belegungszahlen relativ niedrig sind: Für Männer ist es ein riesiger Schritt, alle Verantwortlichkeiten abzulegen. Wir sagen: «Wenn ihr kommt, müsst ihr Ferien nehmen und mit eurem Chef reden.» Der «ZwüscheHalt» soll betroffenen Männern primär Ruhe bieten: Sie sollen die Möglichkeit haben, weg von der Frau zu kommen, weg vom Druck zu Hause. Viele sagen: «Jetzt kann ich endlich wieder einmal klar denken.»

Wie lange bleiben die Männer in der Regel?

Männer mit Kindern bleiben im Schnitt ein bis zwei Monate. Wir hatten auch schon jemanden, der nur drei Tage kam und sich mit der Frau wieder versöhnte.

Die Helferindustrie ist auf das weibliche Opfer ausgerichtet.

Welche Geschichte erzählen die Männer?

Sie sind alle von einem geschwächten Beziehungsklima geprägt. In aller Regel kommen die Männer nicht, weil ihrer Frau mal die Hand ausgerutscht ist. Es sind Geschichten von andauernder Gewalt in allen Formen. Ich muss betonen: Wir haben keine halb totgeschlagenen Männer bei uns. Bei unseren Fällen handelt es sich eher um leichte körperliche Gewalt. Frauen setzen zum Beispiel häufig die Fingernägel ein. Die meisten Männer sind von psychischer Gewalt betroffen. Hier reagiert die Opferhilfe natürlich weniger. Denjenigen mit blauen Flecken wird automatisch Verständnis entgegengebracht.

Fehlende optische Verletzungen verstärken bestimmt das Problem der Glaubwürdigkeit.

Absolut. Bei Gewalt an Männern kommt noch das gesellschaftliche Tabu dazu. Man glaubt ihnen nicht, weil es einfach nicht in die Köpfe der Leute passt. Bis sich ein Mann eingesteht, dass er Gewalt erfährt, dauert es ewig. Wenn er sich dann outet, kommt ihm nur Unverständnis entgegen: «Was bist du denn für ein Weichei?»

Das Klischee des Schwächlings ist sofort da. Man stellt sich einen Mann vor, der körperlich klein und schmächtig ist.

Ja, oder umgekehrt: Einem Mann, der ein Kopf grösser ist als seine Frau, glaubt man noch weniger. Wenn er kleiner ist, nimmt man ihm die Unfähigkeit zur Gewalt eher ab. Meistens wären die Männer physisch absolut in der Lage, mit ihrer Frau fertigzuwerden. Aber sie haben zum Glück diese Beisshemmung. Der extremste Fall, den ich kenne, ist ein Kasten von einem Mann. Er traut sich nicht, sich zu wehren, denn wenn er zurückschlägt, ist sie das Opfer. Die Polizei ist ja auch nicht immer einfühlsam. Dort schickt man die Männer oft nach Hause und sagt: «Lösen Sie es wie ein Mann.» Dabei hat der Betroffene schon so viel Überwindung gebraucht, sich Hilfe zu holen, der lässt sich durch solche Sprüche sofort entmutigen.

Wieso werden Frauen gewalttätig?

Ich glaube nicht, dass es bei den Gründen geschlechterspezifische Unterschiede gibt. Die Gründe sind vor allem Angst vor Kontrollverlust, Überforderung, Alkohol, Drogen, aber natürlich auch Erfahrungen aus der Kindheit.

Können Sie einen Fall schildern von einem Mann, der bei Ihnen Hilfe gesucht hat?

Letztes Jahr hatten wir einen Mann mit zwei Buben bei uns. Es gab psychische Gewalt in seiner Beziehung. Seine Frau schlug ihn auch, wenn sie ausrastete.

Bei häuslicher Gewalt nimmt die Polizei meist den Mann mit.

Was muss man sich unter psychischer Gewalt vorstellen?

Erpressung, Nötigung, Stalking, Eifersucht oder Drohungen wie «Wenn du dich trennst, bringe ich mich um». Wenn so etwas über längere Zeit passiert, nagt das an der Psyche. Die meisten Männer glauben, dass sich diese Gewalt auch an die Kinder richtet. Daher ist das Väterhaus eine gute Anlaufstelle.

Sind Sie je in juristische Konflikte gekommen – Stichwort Kindesentführung?

Nein, weil wir nur Väter aufnehmen, die sorgeberechtigt sind.

Haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass Frauen ihren Männern nachkamen?

Ja, deshalb halten wir den Ort geheim. Wir hatten eine Frau, die im ganzen Kanton rumgefahren ist, um ihn zu finden.

Wieso hat diese Frau gewusst, dass ihr Mann im Väterhaus ist?

Jede Frau erfährt, dass ihr Mann und die Kinder an einem sicheren Ort sind.

Wie finanziert sich das Väterhaus?

Wir konnten es nur dank einer Einzelspende gründen. Seit letztem Jahr unterstützen uns die Landeskirchen Aargau mit einem erheblichen Betrag. Die Unterstützung ist leider befristet. Uns fehlt der Leistungsauftrag des Kantons. Es geht ja vor allem um die Finanzierung der Infrastruktur. Die Väter, die zu uns kommen, zahlen für die Übernachtungen, aber das ist nicht kostendeckend.

Schweizweit gibt es 17 Frauenhäuser. Für Männer gibt es ein Scheidungshaus in Erlenbach ZH und Ihren ZwüscheHalt im Aargau. Was sagen Sie zu diesem Ungleichgewicht?

Ich habe nichts dagegen, dass es 17 Frauenhäuser gibt. Aber es gibt klar zu wenige Väterhäuser. Laut Kriminalstatistik ist jedes vierte Opfer von häuslicher Gewalt männlich.

Wird es bald ein neues Väterhaus geben?

Wir würden gerne expandieren. Wir stehen bewusst im Aargau, um möglichst zentral zu sein. Das heisst aber leider, dass die St. Galler oder Bündner nicht zu uns kommen.

Im Jahr 2011 gab es rund 500 Fälle von einfacher Körperverletzung an Männern, 2012 vier Mal mehr. Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Die Zahlen steigen auch wegen der zunehmenden Registrierung. Wir sind aber überzeugt, dass die Dunkelziffer massiv ist. Wenn ein Fall häuslicher Gewalt auftritt, nimmt die Polizei meist den Mann mit. Es sei einfacher, wenn die Frau bei den Kindern bleibt.

Was passiert mit dem Mann?

Wenn er Glück hat, kann er am nächsten Tag nach Hause, wenn nicht, bekommt er eine Wegweisung von der Familie.

Die Statistiken sind verfälscht, weil irrtüm- licherweise die Frau als Opfer registriert wird?

Genau das ist leider oft der Fall.

Weshalb sind die Zahlen stark angestiegen?

Weil es immer mehr Polizisten gibt, die die Situation sorgfältig analysieren.

Wie stark ist das Problem bereits in der Gesellschaft verankert?

Es gibt immer noch Politiker, die behaupten, der Anteil häuslicher Gewalt an Männern liege in der Schweiz bei fünf Prozent. Sie sprechen von einem marginalen Anteil. Das ist der Grund, warum ich auch mal lauter werde: 25 Prozent sind für mich kein marginales Ausmass. Die ganze Helferindustrie ist auf das weibliche Opfer ausgerichtet. Suchen Sie mal bei Google unter «Beratungsstelle für häusliche Gewalt». Als Mann finde ich nichts. Das heutige System negiert das Problem. Es interessiert niemanden, ob die Frau zwei Stunden lang auf ihren Mann eingeschrien hat und er sie dann wegschubst. Was zählt: Er hat sie weggeschubst.

Bis sich ein Mann eingesteht, dass er Gewalt erfährt, dauert es ewig.

Sie haben damals das Väterhaus gegründet, weil Sie ein solches Angebot vermisst haben?

Ich war auch einmal in einem Trennungskonflikt und habe festgestellt, dass es kein Angebot spezifisch für Männer gibt. Im Aargau war es bis vor Kurzem so, dass die Opferberatung ein Teil der Frauenzentrale war. Als Mann geht man doch nicht in eine Beratung, über deren Tür «Frauenzentrale» steht.

Wie war das bei Ihnen?

Ich war in einer Situation, aus der ich nicht herauskam, ich konnte mich und meine Kinder nicht davor schützen. Das fehlende Angebot hat mich dazu bewogen, die Arbeit für den Verein verantwortungsvoll erziehender Väter und Mütter (VeV) zu machen und den Männern eine Anlaufstelle zu geben.

Waren Sie von psychischer Gewalt betroffen?

Ja, bei uns war die Stimmung durch die Trennung schon sehr gereizt.

Mit wem haben Sie geredet?

Ich hatte zum Glück ein gutes Umfeld, tolle Freunde und Eltern. Von Beratungsstellen und der Polizei habe ich Sprüche gehört, die kann man gar nicht glauben. Einer sagte einmal: «Ihre Frau wird schon ihre Gründe gehabt haben.»

Wie denken Sie an Ihre Situation zurück?

Ich bin immer noch fassungslos darüber, wie das System die Situation von Männern ignoriert. Aber ich habe längst mit dieser Geschichte abgeschlossen.

Haben Sie sich je als Schwächling gefühlt?

Ich wäre ein Schwächling, wenn ich meine Situation nicht geändert hätte.

Zur Person: Oliver Hunziker (47) hat 2009 das Väterhaus ZwüscheHalt gegründet, das Männern mit ihren Kindern in schwierigen Situationen Unterschlupf bietet. Als Präsident des Vereins Verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter setzt er sich für die Gleichberechtigung von Vätern und Müttern im Trennungsfall ein. Für die Vereinigung GeCoBi engagiert er sich aktiv für gemeinsame elterliche Verantwortung. Oliver Hunziker ist gelernter Informatiker und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Paolo Dutto