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06. Mai 2013

«Als ich von den News hörte, war ich schockiert»

Die erst 17-jährige Nepalesin Ngim Chhamji Sherpa stand im Mai 2012 als jüngste Frau auf dem Mount Everest. Mitglied ihrer Expedition: Ueli Steck. Sie hat ihn schon acht Mal getroffen und äussert sich zu den Vorkommnissen am Berg.

Die 17-jährige Ngim Chhamji Sherpa
Die 17-jährige Ngim Chhamji Sherpa (links) 2012 unterwegs auf den Mount Everest. (Bild zVg)

Ngim Chhamji Sherpa, Sie kennen Ueli Steck von mehreren Begegnungen. Was dachten Sie, als Sie von den Ereignissen am Mount Everest hörten?
Ich war schockiert und habe gebetet, dass Ueli wohlauf ist. Dem Ansehen unseres Landes hat diese Auseinandersetzung sehr geschadet.
Sie gehören selbst zur Sherpa-Gemeinde. Was genau war passiert?
Was im Detail am Camp 2 los war, wissen auch wir nicht. Sicher ist, dass es ein grosses Missverständnis gab. Ausländer sind Gäste in unserem Land und tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung Nepals bei. Wenn Touristen Nepal den Rücken kehren, wird die Lebensgrundlage von vielen Einwohnern zerstört. Deshalb müssen wir die Besucher ehren und sie an den Schönheiten unseres Landes teilhaben lassen. Ich bin nun einfach überglücklich, dass es allen den Umständen entsprechend gut geht.
Sie kennen Ueli Steck persönlich. Was halten Sie von ihm?
Ja, ich habe ihn schon acht Mal getroffen. Er ist ein weltberühmter Alpinist mit einer grossen Zukunft. Was ihm bis anhin gelungen ist, schaffen andere nicht. Unglaublich! Und doch bleibt er in der persönlichen Begegnung bescheiden. Er gab mir vor einem Jahr im Basiscamp Ratschläge, wie ich klettern soll.
Sie sprechen es an: Am 19. Mai 2012 erreichten Sie zusammen mit Ihrem Vater den Gipfel des Everest. In Ihrer 12-köpfigen Expedition war auch Ueli Steck. Wie haben Sie sich auf dem höchsten Punkt der Erde gefühlt?
Es war ein glücklicher, grossartiger Moment, von dem ich schon als kleines Kind geträumt habe. Wir waren 15 Minuten auf der Bergspitze. Die umliegenden Berge schienen von da oben so klein. Ich war überglücklich.
Es ist ja nicht unbedingt normal, dass kleine Mädchen vom Everest träumen.
Für mich schon, denn mein Vater war Bergsteiger und zeigte uns immer wieder Fotos von den höchsten Bergen der Welt. Das löste bei mir eine unbeschreibliche Sehnsucht aus. Diese Berge sind die schönsten und zugleich auch die gefährlichsten der Welt. Sie haben mich immer schon fasziniert. Ich bin privilegiert, dass ich hier geboren wurde und meinen Traum realisieren konnte.
Wie haben Sie sich auf die Everest-Besteigung vorbereitet?
Ich hatte kaum Basistraining und kletterte in der Region. Das wichtigste Training war im Basiscamp, wo ich gelernt habe, wie ich die Werkzeuge einsetzen kann. Das hat mein Vertrauen für die Everest-Expedition schlagartig erhöht.
Nepal hat verboten, Kinder unter 16 Jahren eine Bewilligung für den Everest auszustellen. Unterstützen Sie das?
Ja. Wenn nur noch die Rekordjagd die Motivation ist, ist das falsch. Kinder wissen nicht, was sie wirklich erwartet. Viele gehen auch hoch, weil das die Eltern unbedingt wollen. Bei mir war das nicht so.
Welche sind Ihre nächsten Projekte?
Ich bin noch immer am College in Kathmandu und möchte in den nächsten acht Jahren als Ärztin abgeschlossen haben. Erst wenn das so weit ist, nehme ich wieder an Expeditionen teil.

Autor: Reto Wild