Archiv
25. August 2014

Als Einsiedlerin in der Verenaschlucht

Schwester Benedikta ist die neue Einsiedlerin in der Verenaschlucht. Einsam ist sie fast nie, trotzdem hat sie ihre Erfüllung gefunden.

Schwester Benedikta
«Meine Aufgabe ist es, den Menschen zuzuhören»: Schwester Beneditka.

Sie war Kleinkindererzieherin und Familienfrau. In ihrer Freizeit nahm sie Schauspielunterricht, spielte Theater und pflegte ein geselliges Leben. Heute nennt sich Franziska Sigel (51) Schwester Benedikta und lebt als Einsiedlerin in der Verenaschlucht bei Solothurn.

Einsam ist die gebürtige Bernerin aber fast nie. Vor allem an sonnigen Sonntagen gleicht die malerische Schlucht einem Rummelplatz. Kinder schreien, Hunde bellen, Fotoapparate blitzen. Jogger, Biker, Wanderer. Alle sind sie da.

Der Trubel war denn auch der Grund, warum ihre Vorgängerin Verena Dubacher bereits nach fünf Jahren den Bettel hinwarf. Sie war es leid, Hundehalter auf den Leinenzwang hinzuweisen und Velofahrer zum Absteigen zu bewegen. Darum suchte die Bürgergemeinde Solothurn in ihrer Stellenausschreibung nach einer «idealistisch gesinnten» und «kommunikativen Person».

Aber gehört es nicht zum Wesen eines Eremiten, sich von der Welt zurückzuziehen? «Oh nein, meine Spiritualität misst sich im Umgang mit den Menschen. Wie soll ich das prüfen, wenn ich keine Begegnungen habe!», kontert Schwester Benedikta energisch. Zudem hätten Wanderer schon immer bei Einsiedeleien angeklopft und unter anderem Essen und Quartier erbeten. Heute sei die materielle Unterstützung nicht mehr so dringlich, die spirituelle umso mehr: «Meine Aufgabe ist es, den Menschen zuzuhören und präsent zu sein.»

Schwester Benedikta ist nicht schrullig und verschroben, sondern offen und nahbar: Kommt sie im zackigen Schritt aus ihrem kleinen Häuschen, das sich unter dem Fels zu ducken scheint, raunen die Eltern ihren Kindern zu: «Schau da kommt die Frau.» Gross und Klein sind dann jeweils erstaunt, wenn die Einsiedlerin laut und freundlich nach links und rechts grüsst. Den Kindern drückt sie ein Bild von der heiligen Verena in die Hand, für Touristen posiert sie für ein Foto, die Hundehalter spricht sie auf ihre drolligen Vierbeiner an, mit Esoterikern unterhält sie sich über Kraftorte, und mit anderen plaudert sie auch schon mal über das angenehm kühle Klima zwischen den Kalkfelsen.

«Ein bisschen Small Talk ist in Ordnung, am liebsten sind mir aber Gespräche mit Tiefgang, nicht nur Blabla.» Gerade für schwierige Themen hat Schwester Benedikta immer ein offenes Ohr: «Es berührt mich immer wieder, wie viel die Menschen ertragen müssen und wie tapfer sie trotz allem sind: Krankheit, Tod und Vertrauensbrüche.» Lösen könne sie die Probleme nicht, aber ihr Herz leihen und das Gebet anbieten.

Nur montags will die Einsiedlerin einsam und allein sein

Wer ein persönliches Gespräch mit Schwester Benedikta wünscht, besucht die Ermitage mit Vorteil an einem regnerischen Wochentag, wenn die Horden zu Hause bleiben oder bei der Arbeit sind. Ist das Gartentor zur Klause geöffnet, darf man ungeniert an der Haustür klopfen. Ist es geschlossen, so hat sich die Einsiedlerin zum Schweigen zurückgezogen. Jene, die nicht vorbeikommen können, dürfen zwischen 18 und 19 Uhr anrufen oder einen Brief schreiben, den Schwester Benedikta in der Regel auch beantwortet.

Nahbar gibt sich die Eremitin auch im Gebet: Jeweils um 8, 12 und 16 Uhr singt sie in einer der beiden Kapellen der Einsiedelei Psalmgebete auf Deutsch (siehe Video weiter oben), täglich ausser am Donnerstag und Montag. Am Donnerstag hat sie jeweils Sitzung mit der Bürgergemeinde und geht einkaufen, am Montag ist ihr «Wüstentag». Dann zieht sie sich wie einst Jesus zur inneren Einkehr zurück und lädt ihre Batterien wieder auf: «Reden und schweigen, das ist wie ein- und ausatmen – das eine geht ohne das andere nicht.»

Die Sorgen der Menschen behält Schwester Benedikta, das Blabla gibt sie dem Bach mit.
Die Sorgen der Menschen behält Schwester Benedikta, das Blabla gibt sie dem Bach mit.

Schwester Benedikta war nicht immer derart im Einklang mit sich selber. Vor rund 20 Jahren, als sie noch Franziska Sigel hiess und das jüngste ihrer vier Kinder erst drei Jahre alt war, begann für die junge Frau, die bisher nicht besonders religiös war, das grosse Suchen und Drängen: «Ich las die Bibel und verspürte den Wunsch, mein Leben Gott zur Verfügung zu stellen.» Da sie die Kinder aber nicht im Stich lassen konnte und wollte, entschloss sie sich gemeinsam mit ihrem Mann, die Familie zu öffnen und Kinder in Notsituationen aufzunehmen – «um dem Herrn via Dienst am Menschen näher zu sein».

Erst als ihre eigenen Kinder die Volksschule beendet hatten, besann sich die Familienfrau wieder auf ihren Wunsch nach mehr Spiritualität und zog sich für zehn Tage in ein Kloster zurück: «Dieses Erlebnis war so intensiv, dass ich erkrankte und früher wieder nach Hause musste.» Sie wurde bald wieder gesund, aber das Drängen liess nicht nach. Fasziniert von der Mystik rund um Kreuz und Leiden konvertierte Franziska Sigel vom reformierten zum katholischen Glauben und befolgte schliesslich nach langem Zögern und Hadern den Rat eines Priesters, der meinte: «Wenn Gott so sehr ruft, dann muss man sich dem stellen.»

Ihr Mann gab sie nach Rücksprache mit Gott frei, die Kinder liessen sie ziehen, und Franziska Sigel lebte für mehrere Monate in einem Benediktinerinnenkloster. Die klösterliche Gemeinschaft war jedoch nicht das Richtige für sie. Darum legte sie ihr Versprechen vor drei Jahren als Privatperson ab und lebte bis vor Kurzem allein in einer kleinen Wohnung im Bündnerland – einsam, bis auf gelegentliche Besuche ihrer Familie.

«Schau, was ich von der Frau bekommen habe»: Tibault Fischer (8) aus Wabern mit einem Bild der heiligen Verena, die im Jahr 300 in der Schlucht gelebt haben soll.
«Schau, was ich von der Frau bekommen habe»: Tibault Fischer (8) aus Wabern mit einem Bild der heiligen Verena, die im Jahr 300 in der Schlucht gelebt haben soll.

Trotz oder vielleicht gerade wegen ihres speziellen Lebenslaufs konnte Schwester Benedikta die Bürgergemeinde Solothurn von sich überzeugen: Sie ging als klare Favoritin in die letzte Runde und setzte sich gegen insgesamt 119 Mitbewerber durch. Der Posten war begehrt, obwohl der Lohn klein ist und die Aufgaben wenig prestigeträchtig sind: Für 2000 Franken im Monat pflegt Benedikta die Klause und das Gärtchen, kehrt die beiden Kapellen, stellt Opferkerzen bereit, hält den Schluchtweg frei von Abfall – und ist für die Besucher da.

Nach besonders turbulenten Tagen fühlt sich die Einsiedlerin jeweils ausgelaugt. Dann beendet sie ihre Arbeit mit einem Spaziergang über den Schluchtweg und sortiert ihre Gedanken. Die Sorgen, die ihr Menschen anvertraut haben, behält sie in ihrem Herzen. Das Blabla gibt sie dem Bach mit.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Raffael Waldner