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23. März 2015

Als der Alpinismus auf Touren kam

Im Juli 1865 stand ein Engländer als Erster auf dem Gipfel des Matterhorns. Damit endete das Jahrzehnt der wichtigsten Erstbesteigungen. Die Hintergründe und das Porträt von Hörnli-Hüttenwart Kurt Lauber.

Goldene Zeiten des Alpinismus
Goldene Zeiten des Alpinismus (im Bild: das Matterhorn).

Ein Blick auf die Liste der Erstbesteigungen in den Schweizer Alpen gibt Interessantes preis: Von 1850 bis 1865 eroberten die Abenteurer von damals gleich rund ein Dutzend Gipfel – darunter so bekannte wie den Piz Bernina, die Dufourspitze, Eiger, Dom und das Weisshorn.

Der letzte Hauptgipfel der Alpen – das schwierig zu besteigende Matterhorn – war vor 150 Jahren an der Reihe. Vier Engländer, ein Franzose und zwei Schweizer standen als erste auf dem 4478 Meter hohen Gipfel. Doch Triumph und Tragödie lagen nah beieinander. Beim Abstieg stürzten die vorderen vier der Seilschaft über die Nordwand tödlich ab. Die Vorfälle rund um den Absturz sind bis heute nicht geklärt.

Der Berg als Sitz der Dämonen
Trotzdem wird jene Zeit als «goldene Jahre des Alpinismus» bezeichnet. Dafür sorgten die Engländer, die 1857 den British Alpine Club lancierten. Es war die weltweit erste Vereinigung, die zum Ziel hatte, Erfahrungen
am Berg auszutauschen. Die meist wohlhabenden Briten liessen sich von einheimischen Bergführern begleiten. Erst 1863 war das Geburtsjahr des Schweizer AlpenClubs (SAC). Zu seinen Hauptzielen gehörte damals, die Alpen zu erforschen und sie mit Unterkünften zu erschliessen.

Diese Neugierde und die positive Einstellung gegenüber den Bergen war neu, denn bis ins ausgehende Mittelalter haben die Menschen Alpengipfel gemieden. Sie galten als Sitz der Dämonen, waren Ursprung von Sagen und Legenden. Noch 1387 sperrte die Stadt Luzern den Mönch Niklaus Bruder und seine geistlichen Begleiter ein, weil sie eine Besteigung des Pilatus versucht hatten.
Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung des sportlichen Bergsteigens zu. Als die Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg mit den Österreichern Fritz Kasparek und Heinrich Harrer 1938 die Eigernordwand
bezwangen, war die letzte Herausforderung in den Schweizer Alpen geschafft.

Für eine neue Zeitrechnung sorgte der Berner Ueli Steck, der die Matterhorn-Nordwand 2006 alleine beging und sie drei Jahre später in weniger als zwei Stunden schaffte. Dazwischen kletterte er die Eiger-Nordwand im Winter in 2:47 Stunden hoch. Heute gehört der Rekord dem Urner Daniel Arnold, der 20 Minuten schneller war, was mit den Anfängen des Alpinismus nur noch wenig zu tun hat.

«DOK – Tatort Matterhorn», SRF 1, 26. März und 2. April um 20.05 Uhr

Quelle: Präsenz Schweiz, Historisches Lexikon der Schweiz/Paul Meinherz

Kurt Lauber
Kurt Lauber veröffentlicht im April sein zweites Bergbuch. (Bild: Marco Zanoni)

150 JAHRE MATTERHORN-ERSTBESTEIGUNG

400 Mal ganz oben

Kurt Lauber ist seit bald 20 Jahren Hüttenwart der Hörnlihütte. Keiner kennt das «Horu» und die tragischen und komischen Geschichten am bekanntesten Berg der Welt besser.

Die obere Gesichtshälfte ist hell, die untere braungebrannt: Kurt Lauber (53) arbeitet als Skilehrer sowie im Sommer als Bergführer und Hüttenwart der Hörnlihütte, Ausgangspunkt für die Besteigung des
Matterhorns. Der berühmte Berg ist für ihn gleichzeitig Brötchengeber und Faszination. Er hat sein Leben geprägt. Er war bis vor drei Jahren Bergretter und bis 1995 Helikopterpilot.
«Für mich ist das Matterhorn einer der schönsten Berge der Welt, ein Kraftort, an dem ich einen grossen Teil meines Lebens verbracht habe.»
Faszinierend sei er, weil er einer der wenigen 4000er sei, den man vom Dorf aus bewundern kann – freistehend und mit seiner unverkennbaren Form. Lauber weiss aber auch: «Das Matterhorn gilt auf der Normalroute als einer der schwierigsten Berge. Von der Hörnlihütte auf 3260 Meter bis zum Gipfel ist es eine reine Felstour.»

Matterhorn ist nichts für Spontane
Kaum jemand weiss das so gut wie der Einheimische, war er doch als Bergführer selbst schon gegen 400 Mal zuoberst auf 4478 Metern. Während seinen 30 Jahren als Bergretter beteiligte er sich an über 1000 Rettungseinsätzen am Berg und auf dem Gemeindegebiet von Zermatt. Seit der Erstbesteigung des Matterhorns im Jahr 1865 sind über 500 Menschen tödlich verunglückt. Die grosse Mehrheit davon war ohne Bergführer unterwegs. Wie ein Japaner letzten Sommer, der vom Anblick des Bergs so beeindruckt war, dass er kurzerhand in einem Sportgeschäft eine komplette Ausrüstung kaufte und sich schon am nächsten Tag ohne Erfahrung zum Gipfel aufmachte. Er bezahlte diese Naivität mit dem Leben.
«Den Hinterbliebenen mitzuteilen, dass ihr Sohn oder Mann tödlich verunglückt ist, gehört zu den traurigsten Momenten in meinem Berufsleben», sagt der Walliser.

Kurt Lauber steht vor einer besonderen Sommersaison: Die Erstbesteigung des «Horu» feiert am 14. Juli ihren 150. Geburtstag, und Lauber geht in das 20. Jahr als Gastgeber in der Hörnlihütte, die weitherum für ihre Rösti bekannt ist. Der Hüttenwart sagt zum Jubiläum: «Das ist nur eine Zahl. Ich war ein paar Mal in Nepal und habe Sherpas kennengelernt, die nicht wussten, wie alt sie sind. Dann ist man so alt, wie man sich fühlt. Das ist für mich eine interessante Ansicht.»
Die Hütte selbst wird dieses Jahr nach einer mehrere Millionen Franken teuren Modernisierung wie gewohnt am 1. Juli eröffnen. Für Lauber beginnt der Arbeitstag dann um 3.30 Uhr in der Früh. Bis er ins Bett kommt, ist es meist nach 22 Uhr. «Abends ein Glas Wein liegt drin. Schliesslich sind wir ja im Wallis. Aber es rächt sich, wenn ich zu lange aufbleibe», sagt der Hüttenwart. Er fühle sich im Sommer wie auf einer Insel aus Gletscher und Felsen.

Die Hörnlihütte befindet sich nur rund 200 Meter vom Einstieg zum Hörnligrat entfernt. Rund vier Stunden dauert es noch von da aus bis zum Gipfel des Matterhorns. Der Jüngste, der das geschafft hat, ist Laubers Sohn Kevin (23). Er war damals gerade mal acht Jahre alt.

Am 14. Juli geht niemand hoch
In seiner langen Zeit in den Bergen hat Kurt Lauber enorm viel erlebt. Gerne erinnert er sich daran, wie er mit Gästen nachts mit einer Stirnlampe ausgerüstet zum Gipfel hochstieg und dort auf den Sonnenaufgang wartete.
Über seine Erlebnisse liesse sich ein Buch schreiben. Und das hat er auch getan– nicht zum ersten Mal: Nach «Der Wächter des Matterhorns» kommt im April «Gipfelgeschichten» in die Buchhandlungen. Darin erzählen
18 Bergführer ihre Erlebnisse.

Das Jubiläum sei eine Chance, dem Berg die Ruhe zu geben, die er verdient.
Während der Saison nehmen täglich bis zu 140 Alpinisten den Berg der Berge in Angriff. «Wir werden ein Zeichen setzen: Am 14. Juli geht niemand hoch», sagt Lauber. Das sei auch ein Akt des Respekts gegenüber den Toten.

Lauber war übrigens in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr auf dem Matterhorn. 2013 nicht, weil man dann mit dem Umbau der Hörnlihütte begonnen hatte und er darum keine Zeit fand. Und 2014 nicht, weil der Sommer auch im Wallis keiner war.

www.zermatt.ch/150
www.hörnlihütte2015.ch

Autor: Reto Wild