Archiv
09. Januar 2012

Alpenglühen

Das Jahr hat schlecht begonnen, leider! In unserer Migros wurde das Heidi-Aprikosenjoghurt aus dem Sortiment genommen. Mein Joghurt! Noch hab ich mich nicht getraut, in grösseren Filialen nachzuschauen. Zu marternd der Gedanke, mein Heidi könnte ganz gestrichen worden sein. Und dann war da noch der Lichtkünstler. Er verfolgt mich.

Das begann so: Wir wollten an einem wunderschönen Sommerabend in einer Berghütte übernachten. Erreichten nach achtstündigem Aufstieg die Hütte, genossen in der schwindenden Abendsonne die Ruhe und… Ra-ta-ra-ta-ta-ta-ta-ta… – Helikopterdröhnen! Der Heli lud vor der Hütte einen riesigen Packen Material ab: Kameras, Scheinwerfer, Generatoren… Dreimal kam er zurück, vier-, fünf-, sechsmal, und immer dieser ohrenbetäubende Lärm! Beim letzten Anflug landete der Heli, es entstiegen drei Damen in Highheels samt einem dieser läppischen Paris-Hilton-Schosshündchen (Typus umgebaute Katze) und stöckelten in die SAC-Hütte. Offenbar Frau und Töchter des Lichtkünstlers, erfuhren wir dann beim Abendessen, wo der «Artist» ungefragt Autogrammkarten verteilte. So nennt er sich: Light Artist. Er heisst Gerry Hofstetter, und korrekt müsste das nicht -künstler heissen, sondern Marketingschlaumeier. Künstler haben immer neue Ideen, er aber hatte eine einzige und vermarktet die nun bis zum Gehtnichtmehr. An jenem Sommerabend ruinierte er die Bergesruh, indem er das neue Logo einer Milchvermarktungsfirma an Hütten- und Bergwände projizierte. Das ist sein Trick: Projektionen an ausgefallenen Orten. Vor ihm sind weder das Châteu de Chillon noch das Bundeshaus sicher. Je ausgefallener der Ort, desto teurer kommts. Deshalb lässt er sich sponsern. Familienspaziergang im Spätherbst – der Light Artist beleuchtet im Auftrag von Coca-Cola gerade dekorativ das Landesmuseum.

Und nun Neujahr in Wengen – der Light Artist projiziert ein Schweizerkreuz an die Jungfrau! Zum 100-Jahre-Jubliäum der Jungfraubahn, lese ich anderntags im «Berner Oberländer», biwakiere der «Lichtkünstler» auf dem Gletscher und beleuchte während einer Woche die Nordwand. Wiederum: Materialschlacht, Lärm. Vierundzwanzigmal muss der Heli ausrücken, um tonnenschwere Baucontainer ins verschneite Weiss zu transportieren. Der Kerosinverschleiss ist enorm. Ist das am Ende derselbe Light Artist, der sich gern als Retter der Eisbären und Mahner wider den Klimawandel gibt? Er ists. Die Rechnung zahlt diesmal ein Pharmakonzern, und als Anna Luna und ich am Abend unseren Schlitten durch den Wald ziehen, erblicken wir den Schriftzug immer wieder riesengross an der Bergwand: Bayer®. Und wir hatten ein paar Tage die hehre Bergwelt geniessen wollen...

Möge man sie ‹Hanneli› rufen.

Ryhanna
«Möge man sie ‹Hanneli› rufen.»

Dann ereilt mich noch die Nachricht, im Oberaargau habe jemand seine Tochter Ryhanna getauft. Wer weiss, wie sehr es mich irritiert, wenn Kinder nach Stars benamst werden – Lionel Münger, Shakira Affentranger –, und wer meine Ypsilonallergie kennt, ahnt, wie hart die Kombination mich traf. Ich möchte den Eltern nicht zu nahe treten, aber: Wenn Gott gnädig ist, rufen die Huttwiler das Kind später mal «Hanneli».

Und an den Lichtkünstler ergeht ein Hinweis: Im Februar sind wir in Laax. Könnten Sie, lieber schlauer medienwirksamer und sich selbst eins a vermarktender Gerry H., dann bitte von einer Beleuchtung des Crap Sogn Gion absehen? Merci.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli