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05. März 2012

«Alles strebt nach Chaos»

Als Messies werden Menschen bezeichnet, die Gegenstände sammeln und horten – bis sie sich in ihren Wohnungen kaum mehr bewegen können. Ein Besuch im Wirrwarr.

Elmira
Im Film «Messies – ein schönes Chaos» zeigt Elmira ihre Wohnung. Es gibt keine «Inseln» mehr. Alles ist vollgestopft. (Bild: Fair & Ugly)

Die sieben Messie-Typen: Lesen Sie mehr dazu im Online-Special.

Die Toilette ist der einzige Ort in der Wohnung von Elmira, an dem die 68-Jährige noch sitzen kann. Alles andere ist belegt, sie muss über Stapel steigen, um von einem Zimmer ins nächste zu gelangen. Kartonverpackungen, Plastiksäcke, Zeitschriften, Werbebroschüren, Zettel, Kassetten und Tausende weiterer Dinge bilden eine chaotische Landschaft.

Im neuen Film «Messies — ein schönes Chaos» des Berner Regisseurs Ulrich Grossenbacher, der zurzeit in den Schweizer Kinos zu sehen ist, gewährt Elmira Einblick in ihre Wohnung — und in ihr Leben. Eine charmante, intelligente, vielseitig interessierte Person, die in einer typischen Schweizer Familie aufgewachsen ist: gebildeter Mittelstand, die Mutter eine ordentliche Hausfrau, alles war stets perfekt aufgeräumt und sauber zu Hause. «Ich musste gar nie lernen, Ordnung zu halten, das erledigte meine Mutter. Sie warf auch immer Dinge von mir weg», erzählt die Rentnerin. Das könnte ein Grund für ihre heutige Unordnung sein — aber es gibt noch viele weitere. Elmira erzählt, dass ihre Brüder ans Gymnasium durften, sie als Klassenbeste aber nicht, obwohl sie sich schon früh für Kultur interessierte. Gedichte, Opern, als junge Frau wollte sie Sängerin werden. «Aber die Eltern sagten, ich müsse etwas Richtiges lernen.» In ihrer Persönlichkeit ernst genommen fühlte sich Elmira nie. Da war immer das Gefühl, ihren Eltern nicht zu genügen.

Später rutschte sie als alleinerziehende Mutter in die Armut ab und kam nie wieder raus. Das Chaos in ihrer Wohnung wuchs, nahm immer mehr Platz ein, bis sie schliesslich keinen Platz mehr hatte, um sich in ihrer Wohnung hinzusetzen, auch das Bett war längst zweckentfremdet. Lange war Elmira verbittert. «Aber ich habe mich mit dem Leben versöhnt.» Dabei geholfen hat ihr auch, dass sie im Film von Ulrich Grossenbacher mitwirken konnte. «Ich hatte zuerst grosse Angst, meine Wohnung zu zeigen und mich zu outen. Doch jetzt, da ich es getan habe, kann ich viel lockerer damit umgehen. Ich habe keine Scham mehr. Sogar mit meinem Sohn kann ich heute darüber reden, wie haben es seither richtig gut.»

«Ich sammle zwanghaft Dinge, kann nichts wegwerfen»

Johannes von Arx, Elektroingenieur und Journalist, outete sich vor zehn Jahren als Erster in der Schweiz. «Bei mir herrscht das nackte Chaos», sagte der 68-Jährige damals in der Fernsehsendung «Quer».
Johannes von Arx, Elektroingenieur und Journalist, outete sich vor zehn Jahren als Erster in der Schweiz. «Bei mir herrscht das nackte Chaos», sagte der 68-Jährige damals in der Fernsehsendung «Quer».

Einer, der den Schritt an die Öffentlichkeit schon vor zehn Jahren gewagt hat, als Erster in der Schweiz, ist Johannes von Arx. Der 68-jährige Elektroingenieur und freie Fachjournalist gründete damals in Zürich eine Selbsthilfegruppe, und als Röbi Koller von der SF-Sendung «Quer» einen Messie suchte, stellte sich von Arx zur Verfügung. Schweizer, die in ihren ordentlich aufgeräumten Wohnzimmern vor dem Fernsehapparat sassen, hörten, wie von Arx sagte: «Ja, ich sammle zwanghaft Dinge. Ich kann nicht aufräumen, nichts wegwerfen. Bei mir herrscht das nackte Chaos.» Und andere Betroffene erkannten: Ich bin nicht alleine. Damals war der englische Begriff in der Schweiz noch kaum bekannt: Mess bedeutet Unordnung, Puff. «To be in a mess» heisst übersetzt so viel, wie sich in einem schlimmen Zustand zu befinden. Das Messie-Phänomen wurde zuerst in den USA zum Thema, ab 1981 erschienen dort die ersten Bücher. Heute weiss auch im deutschsprachigen Raum fast jeder, was ein Messie ist. Oder glaubt es zu wissen, seit sich deutsche TV-Doku-Soaps dem Thema angenommen haben.

Bei Messis ist die Hygiene kein oder nur ein minimales Problem

Helene Karrer-Davaz ist Co-Präsidentin des Verbandes LessMess und Coach für Menschen, die Mühe haben, private Notwendigkeiten wie Aufräumen, Putzen, Entsorgen, Rechnungen bezahlen zu erledigen. Sie ärgert sich über diese TV-Sendungen, sagt: «Was da gezeigt wird, ist Verwahrlosung, nicht Messietum.» Johannes von Arx, der mit Karrer und weiteren Messies den Verband vor sieben Jahren gegründet hat, präzisiert: «Wir unterscheiden zwischen Prä-Messies, Messies und Verwahrlosten.» So seien Messies interessierte Mitmenschen, Verwahrloste hingegen «an nichts interessiert». Bei Verwahrlosten lägen — neben den Sammelobjekten wie bei Messies — auch Abfall und Essensreste in der Wohnung herum, es sei schmutzig und stinke, die Wohnungseinrichtung sei meist nicht mehr funktionsfähig. Kurz: Bei Messies ist die Hygiene kein oder nur ein minimales Problem, bei Verwahrlosten ein grosses bis extremes.

Der Künstler Captain Mike alias Mike Bischoff ist ein sogenannter Prä-Messie. Er sammelt Werkzeuge, Kabel, Vintage-Synthesizer, Kostüme, Perücken.
Der Künstler Captain Mike alias Mike Bischoff ist ein sogenannter Prä-Messie. Er sammelt Werkzeuge, Kabel, Vintage-Synthesizer, Kostüme, Perücken.

Weit von Verwahrlosung entfernt ist der Künstler Maik Bischoff. Der 40-Jährige lebt in Zürich in einer WG, sammelt exzessiv Werkzeuge, Kabel, Vintage-Synthesizer, Kostüme, Perücken, Spielzeugpistolen und weiteres mehr. Er sagt von sich: «Ich bin ein Messie.» Tatsächlich türmen sich in seinem Zimmer die Kleider und Sammelgegenstände, in gemeinsam bewohnten Räumen ist es indes aufgeräumt. «Meine Wohnpartnerin ist sehr ordnungsliebend — und ich bin sehr friedliebend.» Deshalb räumt er abends immer alles zusammen, was von ihm im Wohnzimmer rumliegt und versorgt es. «Würde ich alleine wohnen, sähe es ganz anders aus.» Maik Bischoff sammelt Dinge, die ihn ästhetisch ansprechen. Im Gegensatz zu richtigen Messies hat er nicht den Zwang, alles aufzubewahren, er kann auch wegwerfen, entsorgen — ausser seinen Sammelgegenständen. Er ist also das, was man als Prä-Messie bezeichnen könnte. Captain Maik, so sein Künstlername, sprüht vor Ideen. Mal wollte er einen Schokoladeversand starten, mal ein Motorradtaxiunternehmen, aktuell beschäftigt er sich mit Motorradtankverkleidungen aus Silikon. Den Namen für seine neuste Idee hat er schon: Hell Cat Silicon. «Aber ich leide unter dem 7/8-Problem: Ich bringe kein Projekt auf den Boden, weil mich noch vor der Umsetzung bereits die nächste Idee elektrisiert.»

«Ich sammle zwanghaft Dinge, kann nichts wegwerfen»

Sind es junge Leute, die in Unordnung leben, fällt dies zumeist nicht auf. «Sie glauben, dass sich das Leben in einem bestimmten Alter wie von selbst ordnen wird», sagt Filmemacher Ulrich Grossenbacher. «So hat es in Selbsthilfegruppen kaum junge Messies.» Bei Menschen mit Veranlagung zum Messietum nimmt die Unordnung mit den Jahren jedoch zu.

Kreativität, Ideenreichtum, viele Interessen — das sind in den Augen von Johannes von Arx und Helen Karrer-Davaz typische Charaktereigenschaften von Messies. Elmira sagt im Film: «Man müsste für jedes einzelne Interesse ein separates Leben haben.» Captain Maik bestätigt: «So ist es! Und es gibt keine Lösung dafür. Höchstens, sich zu organisieren.» Nur ist sich zu organisieren genau das, was Messies nicht können. Der Künstler: «Eigentlich strebt ja alles nach Chaos. Ausser der Mensch. Er schafft Ordnung — und somit Kultur. Er hebt sich so von der Natur und den Tieren ab. Aber das Chaos dringt immer wieder ein, von allen Seiten.»

Er glaubt, dass Ordnung zu schaffen für Messis anstrengender sei als für andere Menschen — und auch pünktlich zu sein. Tatsächlich kommt Elmira mit einer Stunde Verspätung zum Interviewtermin. Dafür war Johannes rechtzeitig da, im Gepäck allerlei Literatur zum Thema. Und eine neuen These, was Messies zu Messies macht. «Das Horten von Material ist ein Ersatz für fehlende innere Sicherheit und Persönlichkeit.»

«Messies – ein schönes Chaos», ein Film von Ulrich Grossenbacher, läuft in den Schweizer Kinos. Das Migros-Kulturprozent hat die Produktion unterstützt.

Autor: Esther Banz