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05. Oktober 2015

Alles im Griff?

Neben dem Eigenheim soll künftig auch der Garten via Handy dirigiert werden können. Ist das wirklich so smart?

Dieser Tage ist die Pressemappe eines Gartengeräteherstellers auf meinen Schreibtisch geflattert. Mit dem Verkaufsargument «Den Garten immer dabei» will mir dieser ein intelligentes «Smart System» schmackhaft machen. Dank diesem könne ich meinen Garten künftig via Handy auch von unterwegs «immer im Griff» haben.

Rasenmäherroboter
Wehe aber, die NSA hackt sich in den smarten Rasenmäher. Dann mäht er möglicherweise nicht nur mehr Rasen.

Wenn ich das Ganze richtig kapiert habe, fusst das Smart System auf einem sogenannten Smart Sensor, der direkt aus dem Beet aktuelle Messwerte wie Bodenfeuchtigkeit, Aussentemperatur und Lichtstärke via eine Smart App aufs Handy liefert. Je nachdem kann die smarte Gärtnerin dann von unterwegs beispielsweise ihre Gemüsebeete mit Hilfe einer Smart Water Control beregnen lassen. Oder um es mit den Worten aus besagter Pressemappe zu sagen: «Wenn sich im heimischen Garten überraschend eine Dürre anbahnt, während sich der fürsorgliche Pflanzenfreund gerade bei der Arbeit befindet oder im wohlverdienten Urlaub wähnt, kann dieser ... sofort auf den Gemütszustand seiner geliebten Pflanzen reagieren.» Hat die smarte Gärtnerin neben einer smarten Bewässerungsanlage auch noch einen smarten Rasenmäher, kann sie diesen, ebenfalls via Smart App, auf seine Runden schicken – vorausgesetzt, es regnet nicht gerade, aber das weiss die smarte Gärtnerin ja dann dank dem Smart Sensor. Immer vorausgesetzt, dass dessen zwei Batterien nicht gerade schlappgemacht haben.

Item. Das tönt ja alles ganz smart, vor allem der Teil mit dem «Gemütszustand der geliebten Pflanzen». Aber irgendwie auch recht anstrengend, gerade im Urlaub, wenn man der Life Balance zuliebe das Handy endlich mal abschalten sollte. Was dann aber logischerweise nicht mehr ginge, so als «fürsorglicher Pflanzenfreund». Denn stellt Euch vor, Ihr liegt irgendwo in der Ferne am Pool rum und nuckelt an einem Mojito, während zu Hause eine überraschende Dürre über Euren Garten hereinbricht – und Euer Handy ist aus! Und das, wo doch gerade jetzt der Smart Sensor via Smart App Alarm schlagen würde, auf dass Ihr mit Hilfe der Smart Water Control umgehend Wasser in den Garten pumpt, nachdem Ihr erst noch schnell den smarten Rasenmäher (Stromschlaggefahr!) zurück in sein Hüsli befohlen habt.

Und drum bin ich gar nicht so unglücklich darüber, dass mein Handy ein dummes ist, für das jede Art von App ein Buch mit 100 Siegeln ist. Und dass ich es während meiner Ferien frohgemut abstellen kann im Wissen, dass sich zu Hause meine lieben Gartensitter um pflanzliche Wohl kümmern.

Falls aber irgendwann mal ein Gartengerätehersteller ein Smart System erfinden sollte, das während jedwelcher Abwesenheit nicht nur wässert und Rasen mäht, sondern auch jätet und Schnecken einsammelt, dann freue ich mich über eine entsprechende Pressemappe: Vielleicht kommen wir ja doch noch ins Geschäft...
PS: Ein Arbeitskollege hat mich auf eine weitere Frage «gelupft»: Was, wenn der Smart Sensor, die Smart Water Control, die Smart App von der NSA oder einem böswilligen Nachbarn gehackt würde?!?

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger