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25. August 2014

Alles Flamingo oder was?

Irgendwo in der Karibik müssen sie zusammengesessen haben, im letzten Winter. Vielleicht eher im vorletzten, solch ein Coup will ja geplant sein. Sie sassen also zusammen, die Hintermänner der Modeindustrie – denn irgendwie stelle ich mir vor, dass es Männer sind, die so was bestimmen –, streckten die Füsse ins kühle Nass des Pools, liessen sich von leicht geschürzten jungen Frauen Luft zufächeln, naschten Hummerhäppchen, tranken Mojito um Mojito, und irgendwann japste einer von ihnen, ein dicker Schwede mit blassblondem Fünftagebart im sonnenverbrannten Gesicht: «Ich habs! Flamingos!» Und plumpste besoffen, wie er war, ins Wasser …

«Er flattert quer durch alle Preissegmente.»
«Er flattert quer durch alle Preissegmente.»

Diese Kerle, die festlegen, was Mode wird, hab ich mir auszumalen versucht, weil Leserin Jana auf meine letztwöchige Erwähnung immer wiederkehrender Trends wie Espadrilles, Vollbart und Röhrlijeans die Frage stellte, «wer wohl solche Moden und Zyklen wirklich bestimmt». Gute Frage. Jemand muss die Renaissance der schwarzen Lederjacke verfügt, das Comeback des University-Pullis verordnet, die Auferstehung der Flip-Flops befohlen haben.

Und jemand hat hinsichtlich des Sommers 2014 – von dem man ja nicht ahnen konnte, dass er kein richtiger Sommer würde – bestimmt, was die mies bezahlten Näherinnen in China und die zur Arbeit gezwungenen Kinder in bengalischen Textilfabriken zu fertigen hätten: Blusen, Shirts und Pluderhosen, bedruckt mit Flamingos. Er flattert heuer querbeet durch alle Handelsketten und Preissegmente, der Flamingo; auch unsere Tochter kommt jetzt öfter in solchen Stoffen daher. Und dazu gibts Flamingotaschen, -lichterketten und -unterhosen.

Okay, der rosa Vogel hat von Natur aus etwas Modisches. Aber wer bestimmt die Moden und deren Zyklen? Manche meinen, die Kunden täten es. Allein sie bestimmten, was Trend sei. Das ist Bullshit. Wenn nur noch Flamingos in den Läden hängen, wie wollten wir etwas anderes kaufen? Der Trend wurde angezettelt, lange bevor er ins Regal kam. Zu behaupten, die Kundschaft entscheide, was Mode sei, ist etwa so schief wie der jeweilige Hinweis von Floristen und Warenhäusern, «der Kunde» verlange dies und das. Keine vernünftige Kundin würde im November Tulpen und im Januar Erdbeeren verlangen – stünden sie nicht im Laden bereit.

Wer also macht Moden? Vielerorts liest man, mächtige Journalistinnen ordneten an, was Trend werde. Allen voran scheints Anna Wintour, Chefredaktorin der amerikanischen «Vogue», und Suzy Menkes, eine Modekritikerin der «International Herald Tribune». Die müssen Sie mal googeln! Ehrlich gesagt sähe ich dieser 70-jährigen Britin, begegnete ich ihr im Tram, die Modezarin nicht an; mir ginge eher «schrulliges Grosi» durch den Kopf.

Letztes Jahr war übrigens die Eule angesagt. Und nächsten Sommer? Der Ameisenbär, vielleicht? Gepaart mit einer Wiedergeburt der Schlaghose? Die garstigen Hinterleute der Modebranche haben es schon wieder ausgeheckt, ich weiss es. Genau wie den Flamingo, damals.

Nein, bestimmt war alles ganz anders. Aber lassen Sie mir die Vorstellung von dem dicken, unappetitlichen Kerl am Pool, der im Suff auf die Idee mit dem Flamingo gekommen ist. Die Welt ist sonst schon kompliziert genug.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli