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19. März 2012

Alles eine Frage der Haltung

Verspannter Nacken, Rückenschmerzen, Mausarm – das sind die neuen Übel unserer täglichen Computerarbeit. Erkrankungen, unter denen inzwischen mehr als die Hälfte der Schweizer Arbeitnehmenden leiden. Aber was verschafft wirklich Abhilfe?

So sieht ein individuell eingestellter, ergonomisch richtig gestalteter Computerarbeitsplatz aus: Die Oberkante des Monitors sollte zwischen fünf und zehn Zentimeter unter Augenhöhe eingestellt sein. (Bild: Suva)

Jeden Tag stundenlanges, verkrampftes Sitzen vor dem Bildschirm, jeden Tag Hunderte von Mausklicks und Tausende von Tastaturanschlägen. Und das seit Jahren. «Da sind Beschwerden vorprogrammiert», weiss Dieter Schmitter (64), Sicherheitsingenieur bei der Suva. Dies bestätigen Ergebnisse der aktuellen Schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik.

Demnach musste fast jeder zweite Arbeitnehmer während seiner täglichen Arbeitszeit mindestens zwei Stunden lang stets gleiche Hand- oder Armbewegungen ausführen. Jeder dritte gab sogar an, dabei Schmerzen zu empfinden. Da verwundert es nicht, dass laut einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft von 2009 mehr als die Hälfte aller Schweizer Arbeitnehmenden an Nacken- und Rückenbeschwerden leidet.

Doch bei diesen Beschwerden allein bleibt es meist nicht: «Häufige Begleiterscheinungen sind ausstrahlende Schmerzen», so der Zürcher Chiropraktor Marco Vogelsang vom Verband Chirosuisse. Und zwar im Kopf-, Schulter-, Arm- oder Brustbereich. Auch Schwindelgefühle träten auf. Ursache hierfür sei, wie oben erwähnt, oft eine falsche Haltung.

«Bei der Computerarbeit sackt man in sich zusammen», beschreibt der Experte das Problem. «Um trotzdem zum Bildschirm schauen zu können, beugen wir den Nacken nach hinten. Das schiebt die Nackenwirbel ineinander, reizt die dort liegenden Gelenke.» Die Folgen: schmerzhafte Verspannungen. Kein Wunder. Suva-Mann Schmitter geht regelmässig in Betriebe, instruiert Mitarbeiter in Sachen Ergonomie, der Erforschung optimaler Arbeitsbedingungen. Sein erschreckendes Fazit: «Rund ein Drittel der Arbeitsplätze entspricht nicht den gesetzlichen Anforderungen.» Ergonomisch gesehen hätten sogar mehr als zwei Drittel aller Büroarbeitsplätze Mängel.

Seine Tipps für einen ergonomisch richtig gestalteten Arbeitsplatz:

  • Höhe von Tisch und Stuhl sollten auf die Körpergrösse abgestimmt sein.
  • Die Monitoroberkante sollte fünf bis zehn Zentimeter unter Augenhöhe eingestellt sein.
  • Lichtquellen sollten nicht zu Reflexen auf dem Bildschirm führen.

Der Mausarm beginnt schleichend mit Kribbeln in Hand und Arm

Guter Tipp zur Prävention: Eine Tastatur ohne Ziffernblock kann sogenannten Mausarmbeschwerden vorbeugen. Die Maus kann dann möglichst nahe am Körper geführt werden. (Bild: Suva)
Guter Tipp zur Prävention: Eine Tastatur ohne Ziffernblock kann sogenannten Mausarmbeschwerden vorbeugen. Die Maus kann dann möglichst nahe am Körper geführt werden. (Bild: Suva)

Damit, so der Experte, liesse sich schon vieles verbessern. Auch ein relativ neues, immer häufiger auftretendes Beschwerdesymptom von PC-Arbeit liesse sich vermeiden: der sogenannte Mausarm oder, wie Wissenschafter das nennen, «Repe­titive Strain Injuries» (RSI), also Schädigungen durch immer wiederkehrende Belastungen. RSI beginnt schleichend und harmlos: mit Ziehen im Daumen, Kribbeln oder Schwächegefühl in Hand oder Unterarm. Zunächst beim Tippen oder Klicken, dann auch im Ruhezustand. Mit der Zeit kommen ständige, oft ziehende Schmerzen, Empfindungsstörungen wie Taubheit der Arme, Schwellungen, schliesslich sogar Lähmungen hinzu. Spätestens dann sprechen Experten von einem Mausarm.

Für Sicherheitsingenieur Dieter Schmitter ein klarer Fall: «Viele Leute haben Tastatur und Maus direkt vor dem Bildschirm, arbeiten mit durchgestreckten Armen.» Er rät, die Maus möglichst nahe an die Tastatur zu nehmen. Noch besser sei eine Tastatur ohne Ziffernblock. «So kann man die Maus nah am Körper führen.» Auch die Geschwindigkeit der Maus kann Einfluss auf Handgelenksbeschwerden haben. «Ist die nämlich zu langsam eingestellt, müssen unnötig viele Handbewegungen ausgeführt werden.»

Von sogenannten ergonomischen Mäusen, die speziell an die Handform angepasst sind, hält er nicht viel. «Besser wäre es, die Maus hin und wieder mit der anderen Hand zu bedienen.» So gibt er auch keine konkreten Kauftipps, wenn ihn Betriebe nach ergonomischen Tastaturen oder Mäusen fragen. «Wenn der Arbeitsplatz richtig eingestellt ist, benötigt man diese in der Regel nicht», sagt er sehr bestimmt. «Richtig eingestellt» bedeutet, dass man:

  • entspannt am Pult sitzen oder stehen kann
  • nicht nach vorne gebeugt oder mit hochgezogener Schulter auf das Pult aufgestützt arbeitet.

Wer ausserdem unter Alterskurzsichtigkeit leidet, sollte zu einer speziellen Bildschirmbrille greifen. Gleitsichtbrillen sind für diese Arbeit ungeeignet, da man den Kopf zu weit nach hinten kippen muss, um durch den Lesebereich der Gläser zu sehen.

Der Ergonom rät zu regelmässiger Bewegung und Stehpult für alle

Ein höhenverstellbares Pult ist für jeden sinnvoll, der täglich mehr als vier Stunden am Bildschirm arbeitet. Experten raten darum: Ein idealer Arbeitstag sollte aus 60 Prozent Sitzen, 30% Stehen und 10% Umhergehen bestehen. (Bild: Suva)
Ein höhenverstellbares Pult ist für jeden sinnvoll, der täglich mehr als vier Stunden am Bildschirm arbeitet. Experten raten darum: Ein idealer Arbeitstag sollte aus 60 Prozent Sitzen, 30% Stehen und 10% Umhergehen bestehen. (Bild: Suva)

Um relativ beschwerdefrei am PC arbeiten zu können, sei ausserdem regelmässig Bewegung nötig: hin und wieder aufstehen, sich strecken und einen geraden Rücken machen. «Die Bandscheiben sind nicht an den Blutkreislauf angeschlossen. Um sie mit Nährstoffen zu versorgen, müssen sie regelmässig bewegt werden», so Schmitter. «Maximal 60 Prozent des Arbeitstags sollte man sitzend und 30 Prozent stehend verbringen. 10 Prozent sollte gezieltes Umhergehen sein.»

Die Konsequenz aus diesem Wissen liegt für den Ergonomieexperten auf der Hand: Zusätzliche höhenverstellbare Pulte sind für alle Personen sinnvoll, die täglich länger als vier Stunden am Bildschirm arbeiten — und nicht nur für bereits Rückengeschädigte.

Übrigens: Auf www.suva.ch können Sie per Stichworteingabe «Ergonomie am Bildschirmarbeitsplatz» Ihren Arbeitsplatz auf Tauglichkeit prüfen.

Autor: Thomas Vogel