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21. März 2016

Der ewige Krampf Alleinerziehender um Geld und Zeit

Für Einelternfamilien ist der Alltag ein einziges Planen und Improvisieren. Zwei Frauen erzählen, wie sie ihr atemloses Leben ohne Partnerhilfe meistern. Unten verrät die Infografik viel Wissenswertes zum Alltag von Alleinerziehenden.

Nina T. und Tochter Mia
Müssen das Familienleben akribisch genau planen: Nina T. und Tochter Mia.

Wäsche waschen und kochen. Hausaufgaben kontrollieren. Mia* (11) daran erinnern, die Meerschweinchen zu füttern. Danach essen, Cello üben, Zeit zusammen verbringen...
Das alles muss Platz haben in knapp zwei Stunden. «Es ist schon ein Gehetz», sagt die alleinerziehende Mutter Nina T.* (50). «Aber diese Stunden sind wichtig, um zu merken, dass man zusammen wohnt.» Bevor Tochter Mia um 20.15 Uhr ins Bett geht, erzählt sie ihr eine Geschichte. Bald darauf legt sich auch Nina T. schlafen. Manchmal liest sie – doch mehr als drei Bücher pro Jahr schafft sie nicht. Abends ist sie meistens nur noch müde.

Nina T. ist seit der Geburt ihrer Tochter alleinerziehend. Daneben arbeitet sie 80 bis 100 Prozent an mehreren Orten. Ihre Pensen variieren von Quartal zu Quartal; das erschwert die Planung. An manchen Tagen muss sie um 7.10 Uhr aus dem Haus, ihre Tochter zwei Stunden später. Da der Hort erst um 7 Uhr öffnet, sprang morgens regelmässig eine Studentin ein. Heute, da Mia genug selbständig ist, probieren sie etwas Neues aus: Geht Nina T. um 7.10 Uhr aus dem Haus, muss Mia angezogen am Tisch sitzen. Dann hat sie eine Stunde, um zu frühstücken, die Haare zu bürsten, die Zähne zu putzen und aus dem Haus zu gehen.

Erholung findet auf dem Heimweg statt
Den Alltag plant Nina T. in einer Exceldatei, Quartal für Quartal. «Vom Aufstehen am Morgen bis zum Abendessen muss ich Mias und meine Wege genau kennen. Und dann mit allen involvierten Personen abgleichen.» Fix eingeplant sind: der Hort, die Studentin für die Randstunden vor und nach den Hortöffnungszeiten, die Grosseltern ab und zu in den Ferien. Erst seit zwei Jahren verbringt Mia eine Nacht pro Woche bei ihrem Vater.

Nina T. hat ­einen Abend für sich – das hat sie zehn Jahre lang nie gehabt. «Zu Beginn wusste ich nicht, was ich mit mir anstellen sollte. Freizeit? Kenne ich nicht. Seit Mias Geburt weiss ich nicht, was im Kino läuft. Es dauerte einige Wochen, bis ich auf die Idee kam, mich mit Freundinnen zu treffen.» Soziale Kontakte hatte sie auf Eis gelegt. Langsam reaktiviert sie diese wieder.

Ungeplantes führt zu Riesenstress
Hat Nina T. Sitzungen abends, für viele Chefs normal, verursacht das Kosten. «Nein sagen kann man fast nicht, man ist schnell ersetzbar.» Sie lebt mit einer Dauerangst, einen der beiden grösseren Jobs zu verlieren, die Hälfte ihres Einkommens wäre weg. Auch darum will Nina T. anonym ­bleiben, zum Schutz ihrer Privat­sphäre. Alimente kriegt sie keine vom Kindsvater, es gibt eine münd­liche ­Abmachung – dem Frieden ­zuliebe. Er könnte sowieso nicht bezahlen.

Bordeaux-Osterei (Osterwettbewerb)
Bordeaux-Osterei (Osterwettbewerb)

Im strengen 100-Prozent-Quartal muss sie früh raus und kommt erst zwischen 18 Uhr und 22 Uhr nach Hause. Dann springt jeweils die Studentin ein. Freunde boten an, etwas mit Mia zu unternehmen. «Aber dieses Bedürfnis habe ich gar nicht», sagt Nina T. «Die finanzielle Belastung wiegt viel schwerer, zusammen mit dem Gefühl, zu wenig Zeit für meine Tochter zu haben. Oft habe ich Heimweh nach ihr oder ein schlechtes Gewissen, wenn sie Prüfungen voller Flüchtigkeitsfehler heimbringt, weil sie übermüdet ist. Denn daran sind meine Arbeitszeiten mitschuldig.»
Der Druck ist sowieso schon gross genug, kommt etwas dazu wie etwa eine Krankheit, ist Nina T. oft verzweifelt. «Ich mag jetzt nicht mehr, warum hilft mir niemand?», rutschte es ihr einmal beim Putzen heraus. Heute sagt sie: «Es geht nicht bis an die Grenze, es geht darüber hinaus.»

«Jonglieren zwischen Zeit und Geld – das ist das Thema», bestätigt Danielle Estermann, Geschäftsführerin des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV). «Oft sind Zeitressourcen knapp. Und wenn nicht, dann sind die Geldressourcen knapp.» Alles allein zu managen, kann einen überfordern. «Etwa wenn mehr Arbeit im Job anfällt oder das Kind krank wird und man jemanden morgens um 7 Uhr braucht. Es sind die vielen ungeplanten Details, die das Leben als Alleinerziehende aufwendig machen können.»

Bei Isa Erni* (36) ist es ein SBB-Ausfall, der bereits einen Riesenstress verursacht. Auch ihr Alltag erträgt wenig Ausserordentliches. Wenn Sohn Miro* (4) krank ist und sie niemanden findet, der einspringt, bedeutet das Lohnausfall für die selbständig erwerbende Mutter, die auch aus beruflichen Gründen anonym bleiben will. «Aber es ist viel anstrengender, wenn ich krank bin», sagt sie. «Denn ein Kleinkind fordert weiterhin ständig Aufmerksamkeit.» Auch Erni ist seit der Schwangerschaft getrennt vom Kindsvater.

Geld, Geld, Geld …
Weigert sich ein Vater, sein Kind anzuerkennen, droht die Vaterschaftsklage. Der Exfreund von Isa Erni lenkte kurz vorher ein. Bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde handelten sie einen Unterhaltsvertrag aus, den er nicht unterschrieb. Isa Erni musste gerichtlich klagen. Erst vor der Schlichtungsbehörde kam es zur Einigung.
Neun Monate lang bekam Erni kein Geld, danach unregelmässig. Schliesslich beantragte sie Alimentenbevorschussung. Das heisst: Die Inkassostelle des Sozialdienstes zahlte ihr einen Teil der Alimente aus. Nebst der Bevorschussung fordert diese Stelle auch via Betreibungsamt den im Unterhaltsvertrag rechtlich festgelegten Betrag ein.

Trotz Betreibung konnte die Inkassostelle des Sozialamts aber seit 18 Monaten keinen Franken vom Kindsvater einholen. Und nun läuft die Alimentenbevorschussung im Sommer aus. Grund: Erni verdiene genug mit ihrem 50-Prozent-Pensum. Also erhält sie trotz rechtskräftigem Urteil weder Alimente, noch staatliche Unterstützung. «Die Alimentenbevorschussung war eine grosse Hilfe», sagt Isa Erni. «Aber der Gang aufs Sozialamt war schwer. Ich war noch nie in meinem Leben dort. Das sind alles Situationen, die man akzeptieren muss.»

Miro hat seinen Vater noch nie gesehen. «Dass er sich nicht für sein Kind interessiert, tut am meisten weh.» Nachvollziehen kann Isa Erni das nicht. Dafür hat Miro andere wichtige Bezugspersonen, die sonst nie einen so grossen Stellenwert in seinem Leben erhalten hätten: sein Kindermädchen, die Grosseltern, oder der Götti, der jeweils einen Wochentag da ist.
«Es ist kein Desaster, wenn ein Elternteil fehlt», sagt Sabine Brunner, Psychologin und Psychotherapeutin am Marie Meierhofer Institut für das Kind in Zürich, wo sie Beratungen für Kinder und Eltern in Trennung durchführt. «Man muss sich einfach der ‹Knackpunkte› bewusst sein und darauf achten, dass ­an­dere Erwachsene da sind. Es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder zu erziehen.»

Enge Bindung hat auch Vorteile
Das habe auch Positives, sagt Isa Erni: «Miro lernt so eine Vielfalt kennen, die für ihm bereichernd ist.» Das sieht auch Danielle Estermann vom SVAMV so: «Der defizitäre Blick sollte mehr in den Hintergrund rücken und der ressourcenorientierte in den Vordergrund. Es hat ja auch positive Seiten: Kinder von Alleinerziehenden geniessen meistens eine 1:1-Beziehung.» Diese Zweierbeziehung könne zwar auch in eine Negativspirale führen, «aber diese Ausschliesslichkeit ist nicht nur negativ», meint die Psychologin Brunner. «Menschen führen gern Zweierbeziehungen, wir schätzen das darin herrschende Vertrauen und die Nähe. Genau dies stärkt Kinder, die in enger Beziehung zu einem Elternteil leben.»
Zudem kann man die ­üb­liche ­Triade von Vater–Mutter–Kind auch mit ­anderen ­nahen Personen her­stellen: mit einer Tante, einem Onkel, ­einem neuen Partner oder mit ­guten Freunden.

Das klassische Familienmodell ist aber noch fest verankert: «Viele Kinderbücher sind auf ­Mami–Papi–Kind ausgelegt», sagt Erni. Eine Herausfor­derung beim Geschichtenvorlesen, wenn Miro fragt, wo denn Papi sei …
Alleinerziehende sind angreifbarer. Probleme werden gern der Situation zugeschrieben: fehlende Vaterfigur, überforderte Mutter. «Einelternfamilien werden viel mehr stigmatisiert», sagt Danielle Estermann. Es brauche ein Umdenken. Und die Förderung anderer Arbeitsmodelle wie zum Beispiel gleitende Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, in Teilzeitpensen Führungsaufgaben zu übernehmen.

Frau lernt zu entscheiden
Die Situation als Alleinerziehende birgt aber durchaus auch Vorteile im Berufsleben. Als Nina T. in einem Vorstellungsgespräch zu hören bekam, dass selbständiges Entscheiden wichtig sei für den Job, war ihr sofort klar: «Das ist das einzig Gute am Alleinerziehendsein, das lernt man.»
Verglichen mit ­herkömmlichen Paaren fallen in der Einelternfamilie aufwendige Absprachen und Kon­sens­findungen weg – auch das schätzt Isa Erni. Oder in ihren Worten: «Ich bin voll der Chef.» Alle involvierten Personen halten sich an ihre Regeln.

Dafür fehlt ihr der Austausch und das gemeinsame Erleben von Entwicklungsschritten. Blickt sie in die Zukunft, bereitet ihr vor allem etwas grosse Sorgen: Sie wird ihr und Miros Leben noch lange Zeit finanziell ganz allein bestreiten müssen. 

* Namen der Redaktion bekannt

Für gemeinsame Freizeit bleiben Nina und Mia täglich nur knapp zwei Stunden
Für die gemeinsame Freizeit bleiben Nina T. und Mia täglich nur knapp zwei Stunden.


Die Infografik

Zahlen und Fakten: Die Armutsquote und der Zeitaufwand von Alleinerziehenden:
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Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Herbert Zimmermann