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21. Dezember 2015

Allein feiern? Kommt nicht in Frage

Die Mutter im Singlehotel, die Kinder im Ausland, die Geschwister bei der eigenen Familie? Statt Weihnachten allein zu verbringen, laden Heidi Miranda, Enzo Bertozzi und Tina Schmid andere Menschen ein.

Heidi Miranda mit ihren Söhnen, ihrem Partner Philippe und Freundin Sandra
Weihnachten kann kommen: Familie Miranda mit Freundin Sandra (links) und Heidi Mirandas Partner Philippe.

Es ist das Familienfest schlechthin, mit Erwartungen beladen wie kein anderes. Christbaum, Weihnachtslieder und ein ganz besonderes Essen gehören dazu, viele Geschenke und viele Familienmitglieder – die Kinder sowieso, aber möglichst auch Oma, Opa, Tanten. Es gibt sicher ­Menschen, die auf das ganze Heiligabend-Brimborium freiwillig verzichten. Alle anderen fühlen sich alleiner als allein,wenn sie am 24. Dezember keine Gesellschaft haben.

Heidi Miranda und ihre Jungs: Sie möchten anderen eine Freude bereiten

Schon zum dritten Mal plant Heidi Miranda (46) aus Münchenbuchsee BE ein Weihnachtsfest mit Fremden. Nicht, dass sie und ihre drei Söhne Wayra (10), Jael (12) und Marlon (14) unter Einsamkeit leiden würden. Zumal auch Heidi Mirandas Partner Philippe (35) aus der Westschweiz fürs Christfest anreisen wird.

Ihre Frage aber ist: «Wem könnten wir an Heiligabend sonst noch eine Freude bereiten?» Obdachlosen zum Beispiel, dachte sich die selbständige Grafikerin. Das hat sich allerdings als schwierig herausgestellt: «Vielleicht möchten sie nicht kommen, weil sie sich für ihre Situation schämen.» Sie weiss inzwischen auch, dass sich einige Frauen und Männer, die in einem betreuten Wohnheim leben, an Weihnachten zurückziehen und alleine sein wollen. Sie ist aber auch überzeugt: «Viele sind an dem Abend unfreiwillig alleine.»

Für Heidi Miranda ist es selbstverständlich, ihre Wohnung für diese Menschen zu öffnen, so ist sie aufgewachsen. Manchmal sassen bei ihren Eltern 25 Leute um den Christbaum herum. Sie habe bereits damit geliebäugelt, Wildfremde auf der Strasse anzusprechen und mit nach Hause zu nehmen. «Aber das geht dann doch nicht», sagt sie, «ich muss ja an meine Kinder denken.»

Heidi Miranda und ihre Söhne mit «fremden» Gästen
Fröhlich und am liebsten mit fremden Menschen: So feiern Heidi Miranda (links), Jael (Mitte hinten), Wayra (sitzend in der Mitte) und Marlon (ganz vorn) Weihnachten am liebsten. 2013 dabei: Eva (rechts)und Stefan (45).

Fest steht, dass dieses Jahr Heidis Freundin Sandra (43) mit dabei sein wird. Vielleicht bringt sie noch jemanden mit – wie auch schon.

Fröhlich und am liebsten mit fremden Menschen: So feiern Heidi Miranda (links), Jael (Mitte hinten), Wayra (sitzend in der Mitte) und Marlon (ganz vorn) Weihnachten am liebsten. 2013 dabei: Eva (rechts)und Stefan (45)

Bereits Stammgast ist inzwischen Eva (77), eine Rentnerin aus dem Nachbarsdorf. Sie fand anfangs die Päckli­flut, die wilden Buben und die Papierschlacht bei der Bescherung gewöhnungsbedürftig. Inzwischen hat die Seniorin die Weihnachtsrituale der Mirandas liebgewonnen: Kirche um 17 Uhr, danach ein früher, einfacher Znacht. Anschliessend lauscht man in einem Zimmer einer Weihnachtsgeschichte, während in der Stube das Christkind kommt.

Die Jungs freuen sich ganz besonders auf die Seniorin

Nach der Bescherung singen alle zusammen ein lautes «Feliz Navidad» und hauen dazu mit Kochlöffeln auf Pfannen. Viele Fotos werden mit Selbstauslöser geschossen, bevor die Kinder ­irgendwann ins Bett sinken, erschöpft und glücklich. Sie wollen kein anderes Fest mehr. Auf die Frage, worauf er sich an Weihnachten am meisten freue, antwortete Wayra, der Jüngste der Familie: «Auf die ältere Dame, die zu uns kommt.»

Enzo Bertozzi junior und senior: Die Weihnachtsrunde wächst und wächst

Am Anfang war da erst mal nur Milan.«Ein Chorkollege, den ich nach seinem Schlaganfall manchmal im Spital besuchte», erklärt Enzo Bertozzi (65) aus Saas GR. Wenige Tage vor Weihnachten 2014 sagte Bertozzi zu dem 74-Jährigen: «Ich will dich an Heiligabend bei uns haben.» Milan zögerte, sagte dann aber gerne zu. Und teilte kurz drauf mit, dass sich seine Tochter aus Neuseeland just für die Feiertage angemeldet habe. «Wir haben sie auch gleich eingeladen», sagt Bertozzi. Er und sein Sohn Enzo (13) freuten sich auf die beiden.

Im Jahr zuvor hatten sie nach einem einsamen Weihnachtsabend zu zweit beschlossen, sich in Zukunft für Heiligabend Gäste ins Haus zu holen. Diesmal würden sie also zu viert sein. Oder auch zu fünft. Enzo senior lud nach Milan einen weiteren Chorkollegen ein, ganz spontan, nach einer Probe. «In diesen Tagen bahnte sich bei mir eine neue Beziehung an», erzählt Bertozzi weiter. Er kannte Elle (53), eine philippinischstämmige Schweizerin, zwar erst virtuell. Dennoch fragte er sie zwei Tage vor Weihnachten, ob sie auch mit ihnen feiern wolle. Elle sagte zu, doch ihre Tochter Hana (24) fand, ihre Mutter könne doch nicht einfach zu Bertozzi gehen, «zumene frömde Maa!».

Auch Hana bekam eine Einladung zum Fest. «Da waren wir also zu siebt», sagt Bertozzi, «oder doch zu sechst?» Für einen Moment verliert er den Überblick über seine letzte Weihnachtsfeier, dann fällt ihm ein: Im letzten Moment war ja noch Saskia (44) dazugestossen, eine holländische Frohnatur aus dem unteren Stock.

Englisch, Deutsch und Kauderwelsch

Bei Enzo senior 
(stehend) und junior ist alles fürs Fest bereit. Mit dabei: Nachbarin Saskia (sitzend) und Chorkollege Milan.
Bei Enzo senior (stehend) und junior 
ist alles fürs Fest ­bereit. Mit dabei: Nachbarin Saskia (sitzend) und Chorkollege Milan.

An Heiligabend sass die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft bei Sushi und Wein am Tisch. Alle waren zuerst etwas zurückhaltend, doch langsam kamen Gespräche in Gang. «Die drei Frauen konnten sich auf Englisch unterhalten», sagt Bertozzi, «die Herren sprachen Deutsch, ich Kauderwelsch.» Gesungen wurde nicht, aber viel gelacht. Die beiden Enzos fanden es toll. Für dieses Jahr wollen sie ein ähnliches Fest organisieren. Es wird Vitello Tonnato geben, Ofenkartoffeln, Nüsslisalat und Schoggikuchen.

Weniger Genaues weiss man von der Gästeliste. Zugesagt hat wieder Milan, diesmal ohne Tochter. Auch Hana kann heuer nicht kommen, sie weilt in Cannes. Dafür reist Bertozzis Cousine Edda (75) aus Lugano an. Vielleicht ist auch Saskia wieder dabei. «Weitere Männer, Frauen oder Kinder sind herzlich willkommen!», sagt Bertozzi. Definitiv wieder dabei sein wird Elle. Sie ist inzwischen Bertozzis Partnerin.

Tina und Delia Schmid: Mit «100 000-prozentiger Sicherheit» wird im Trio gefeiert

Ihren absoluten weihnächtlichen Tiefpunkt erlebten Tina Schmid (50) und ihre Tochter Delia (13) vor zwei Jahren. Die Caritas hatte für Heiligabend Familien und Alleinstehende zum Weihnachtsfest ins Volkshaus in Zürich eingeladen.

Bloss, als Tina und Delia Schmid eine Stunde vor Beginn der Feier dort eintrafen, waren alle Plätze bereits belegt, restlos, teilweise seit dem Nachmittag, wie sich herausstellte. Ganze Tische waren auf den gleichen Namen reserviert –«von richtigen Clans», sagt Tina Schmid. Für sie und ihre Tochterfand sich kein Platz mehr. Sie zogen ein Haus weiter und teilten sich eine Portion Pommes Frites in einem Lokal um die Ecke. Familienfest mal anders.

«Dieses Jahr wirds garantiert anders», sagt die selbständige Texterin aus der Agglomeration Zürich, während sie ein winziges Christbäumchen auf dem Esstisch zurechtrückt. Zwar wird ihre Mutter wohl wieder in einem Singlehotel feiern wollen und ihr Bruder mit der Familie seiner Freundin. Aber heuer sind Tina und Delia Schmid am 24. Dezember mit Roger Kolly (58) aus dem Aargau zusammen. «Er ist ganz allein.»

Schmerzhafte Erinnerungen an vergangene frohe Weihnachtstage

Roger Kolly, eine Bekanntschaft vom Frühling 2014, ist seit vier Jahren Witwer. Weihnachten hat er seit dem Tod seiner Frau entweder verdrängt oder quasi ausgelassen, indem er verreiste, möglichst weit weg, nach Indien oder in die Karibik.

Vorfreude: Delia (Mitte) und Tina Schmid feiern dieses Jahr mit ihrem alleinstehenden 
Bekannten Roger Kolly.
Vorfreude: Delia (Mitte) und Tina Schmid feiern dieses Jahr mit ihrem alleinstehenden 
Bekannten Roger Kolly.

Das Fest war mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden. Mit seiner Frau habe er Weihnachten jeweils exzessiv zelebriert, wochenlang. Mit Weihnachtsmärkten, Chorgesängen – live und ab Konserve –, Kerzen, Kugeln, Menüplanung. Diverse Krippen standen jeweils im Haus und am 24. Dezember eine gigantische, üppig behangene Tanne. «Ohne meine Frau ist die ganze Adventszeit voller Wehmut», sagt Roger Kolly. Feiern mochte er nicht. Dieses Jahr aber wagt er es erstmals wieder. Der Chemikant blickt dem Fest verhalten optimistisch entgegen, während Tina Schmid die Planung zackig vorantreibt – «das hab ich gleich an mich selbst delegiert», sagt sie und lacht. Sie hat das Menü zusammengestellt und den Wein gekauft. Delia war fürs Fondue-Chinoise-Fleisch zuständig. Die Sekschülerin freut sich einfach nur auf Heiligabend. Nun ist Päcklimachen angesagt, und in Gemeinschaftsarbeit sollen noch ein paar Guetsli entstehen. Zwischen Geschenkpapier, Mandarinli und Guetsliteig albert Delia mit dem Bekannten aus dem Aargau herum. «Vielleicht backe ich noch einen Kuchen zum Dessert», sinniert sie, während sie ein Päckli betrachtet, das sie gerade angefertigt hat.

Offen ist noch, wo das Trio Heiligabend verbringen will, ob bei Schmids oder bei Roger Kolly. Egal wo, sagt Tina Schmid, ihre kleine Feier werde stattfinden, «mit 100 000-prozentiger Sicherheit!» Und, falls sie etwas wünschen darf, gern mit Schneegestöber vor dem Fenster.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Samuel Trümpy