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27. Juni 2016

Allein in bester Gesellschaft

Die meisten Kinder suchen sich Spielkameraden. Manche bleiben aber lieber allein. Das müssen Eltern erkennen und akzeptieren. Und wie unterscheiden Sie scheu von introvertiert?

Allein spielendes Mädchen
Nicht alle Kinder brauchen «Gspänli»: Manche fühlen sich sogar besser, wenn sie sich nur mit sich selbst beschäftigen können. (Bild: Getty Images)

Larissa (5) spielt heute wieder mal allein mit ihren Bausteinen. Dass sie kaum Spielkameraden hat, bereitet ihrer Mutter Sandra (38) immer wieder Sorgen. Darum will sie ihre Tochter häufiger mit anderen Kindern zusammenbringen. Das könne dem Kind nur guttun, findet sie. Dass ihre Tochter nach dem Geburtstagsfest ihrer Kindergartenkollegin fix und fertig war, blendet die Mutter aus.

«Bevor Eltern etwas unternehmen, sollten sie das Kind aufmerksam beobachten und herausfinden: Ist das Kind introvertiert oder bloss scheu?», rät Jacomine Lindblom (47), Psychologin und Erziehungsberaterin in Hagendorn ZG: «Das ist ein elementarer Unterschied.»

Wer scheu ist, sucht den Kontakt zu Menschen, traut sich aber nicht. Diese Scheu ist Ausdruck sozialer Angst: Angst vor Zurückweisung, vor Hänseleien oder davor, etwas Falsches zu sagen. Introvertiertheit hingegen ist ein Wesenszug. Introviertierte Kinder fühlen sich wohl allein und sind auch ohne «Gspänli» zufrieden. Sie brauchen mehr Ruhe und Raum als andere.

Die Sorge ist oft unbegründet

Die Unterscheidung scheint nicht ganz einfach zu sein. «Introvertierte Kinder wirken oft scheu. Sie sagen meist nicht viel und hören eher zu», sagt Lindblom. «Beobachtet man aber ihr Verhalten auf dem Spielplatz, findet man bald heraus, was zutrifft.»

Für Eltern ist es manchmal schwierig, ihr in sich gekehrtes Kind zu verstehen. «Väter und Mütter machen sich oft zu viele Sorgen», sagt die Expertin. Ein introvertiertes Kind leidet nicht am Alleinsein, sondern erst, wenn es sich dazu gedrängt fühlt, sich in Gesellschaft zu begeben.

Ob nun scheu oder introvertiert, das Wichtigste ist: Eltern sollten möglichst wenig Druck ausüben. «Man sollte nichts verlangen, was fürs Kind merklich zu viel ist.» Eltern müssen das introvertierte Wesen ihres Kindes akzeptieren lernen. Scheue Kinder soll man darin fördern, an gemeinschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen.

Larissas Mutter versuchte, bei ihrer Tochter die Freude am Turnverein zu wecken. Nach dem zweiten Mal sagte das Kind aber: «Ich bleibe lieber daheim.» Und allmählich gewöhnt sich auch die Mutter daran, dass ihr Kind lieber allein spielt.

Weitere Infos: www.erziehungs-beratung.ch

Wie unterscheiden Sie scheu von introvertiert?
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Autor: Claudia Langenegger