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21. Juli 2014

Allein im Watt

Der Abend in Bellinzona war einer meiner schönsten. Auf der verkehrsbefreiten Piazza spielte Buddy Guy – ausgerechnet er, der mich so oft enttäuscht hatte – das Konzert seines Lebens, ich liess mich von seinem Blues ergreifen, tragen und treiben, warm wars, die Grill und Pizzastände verströmten verlockende Düfte in die Sommernacht, überall nur freundliche Gesichter, mediterrane Stimmung. Monate später, wir weilten en famille im Tessin, wollte ich meinen Liebsten den Ort zeigen, an dem es mir so gefallen hatte. Bis ich den Platz nur schon fand! Der ganzen Familie taten vom Umherirren auf dem Kopfsteinpflaster die Füsse weh.

«Das will ich mal der Familie zeigen!»
«Das will ich mal der Familie zeigen!»

«Muss das sein?», bekam ich zu hören. Sie hatten Hunger, waren übellaunig. Als wir endlich dort waren, wars keine sommerliche Piazza mehr, sondern – diesmal nicht für den Verkehr gesperrt – ein Parkplatz voller Lärm und Abgase. Und das Ristorante, in das wir uns aus Müdigkeit und der schieren Unlust weiterzusuchen dann doch setzten, war mies, dafür teuer. Wir sassen als einzige Gäste draussen, uns fröstelte, es war ja Herbst. «Was wolltest du uns überhaupt zeigen?», fragte eines der Kinder. Da wurde mir klar: Ein Gefühl hatte ich ihnen zeigen wollen, nicht einen Ort. Aber Gefühle lassen sich nicht wiederholen.

Und man soll nicht alles teilen. Im Gegenteil. Hatte Eliane, die unvergessene Sexberaterin mit dem feinen psychologischen Gespür, im «Blick» jeweils die Zuschrift einer ratlosen Person zu beantworten, à la: «Eigentlich wäre alles super. Wir sind ein Herz und eine Seele, haben genau dieselben Hobbys und Interessen – und trotzdem klappt es irgendwie nicht», und es war besagter Zuschrift anzumerken, dass sich das «irgendwie» nicht nur aufs Bett bezog, sondern dass sich hier ein Pärchen ganz grundsätzlich Seite an Seite zu Tode langweilte – dann holte Eliane mit ihrer Wortkeule aus: «Eben.» Sie schrieb nur: «Eben. Ihr habt genau dieselben Hobbys und Interessen. Deshalb klappt es nicht.»

Gewiss, auch meine Frau und ich haben «unser Lied» aus dem Sommer 1992, wir joggen zusammen, schreiben auf Abstimmungs- und Wahlzettel häufig dasselbe und finden oft dieselben Bücher toll (vor allem deshalb, weil nur sie sie gelesen hat). Aber sie hat mich in all den Jahren nur drei Mal an einen YB-Match begleitet, und das ist gut so. Sie bekommt ob der meisten Musik, die ich im stillen Kämmerlein höre, Ausschläge. Dafür kann sie mich mit einem plötzlichen Faible für irgendwelche deutsche Rapper überraschen ... Und darum geht es ja: einander immer wieder neu kennenzulernen.

Nach dem Reinfall von Bellinzona war mir klar: Es würde mir nie mehr passieren. Und was tat ich kein Jahr später? Fuhr mit dem Mietwagen eine Küste rauf und runter, an der ich mal ganz allein bei Ebbe einen traumhaften Spaziergang im sonnenbeschienenen Watt gemacht, Muscheln gesammelt und mir geschworen hatte: Da will ich dann mal mit der Familie hin! Ich verfuhr mich, im Fonds ging das Gequengel los, und als ich die Stelle endlich fand, dunkelte es bereits ein, statt Ebbe herrschte Flut – nichts wurde aus dem Spaziergang durchs Watt.

Sollte ich übrigens je wieder in Bellinzona sein, ich werde nicht an die laue Sommernacht mit Buddy Guy denken. Ich werde meine Familie vermissen, mit der ich hier einst lausig gegessen und am Ende doch so herzhaft gelacht habe. Über mich, den sentimentalen Vater, der alles immer wiederholen will.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli