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31. Dezember 2012

Alle gegen den Streber

Angst vor Mobbing: Jeder zweite Schüler stellt sich dümmer, als er ist. Das bringe gar nichts, sagt Schulpsychologin Tanja Grimaudo.

Mobbing
Intelligenz ist nicht der einzige Grund für Mobbing. Meist sind die Opfer auch physisch schwächer oder ängstlich. Ist Mobbing einmal angelaufen, ist Hilfe von aussen nötig. (Bild: photothek.net)

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Herausragende Schüler mussten schon immer mit Neid und Spott von weniger guten Klassenkameraden klar kommen. Dieser Druck führt sogar soweit, dass besonders Begabte ihr Licht unter den Scheffel stellen, wie eine neue Studie aus England zeigt. Von 1042 befragten Jugendlichen hat fast jeder zweite schon einmal sein Wissen versteckt, um nicht angepöbelt, schikaniert oder ausgegrenzt zu werden. Und obwohl Talentshows populär sind wie nie zuvor, gab über ein Viertel der Befragten an, sie hätten aufgehört zu singen, tanzen und schauspielern, weil sie Angst haben, wegen ihrer besonderen Talente gemobbt zu werden. «Das ist ein bedenklicher Befund», kommentiert Tanja Grimaudo Meyer (37), Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons Basel-Stadt.

Meist gibt es einen Haupttäter und mehrere Mitläufer

Auch in der Schweiz passiert es, dass intelligente Schulkinder als Streber verspottet und geplagt werden, die Schulpsychologin kennt solche Fälle aus ihrem Berufsalltag. «Allerdings sind hervorragende Fähigkeiten allein noch kein Grund, um zum Mobbingziel zu werden», stellt sie klar. Das ganze System spiele eine Rolle: die Zusammensetzung der Klasse, wie die Lehrperson sie führe, welcher Umgang im Schulhaus untereinander herrsche.

«Mobbingopfer sind oft körperlich schwächer als andere oder ängstlich», sagt Grimaudo. «Entscheidend ist aber, dass es neben dem Opfer meist einen Haupttäter, einige Mitläufer und zahlreiche Dulder gibt.» Weitere Ursachen seien unterschwellige Konflikte, aggressive Vorbilder oder die Tatsache, dass sich in der Gruppe Gefühle individueller Verantwortlichkeit abschwächen. Reagieren superschlaue Jugendliche, indem sie ihre Fähigkeiten verbergen und absichtlich schlechtere Leistungen zeigen, nütze das gar nichts. «Eine Mobbingdynamik hört nicht einfach auf, nur weil sich ein Schüler künstlich schlechter macht», sagt Psychologin Grimaudo. Laut nationalen Studien sei durchschnittlich mindestens ein Kind pro Klasse von Mobbing betroffen.

Sei die Dynamik mal angelaufen, brauche ein Opfer Hilfe. Dazu sei die Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Eltern und Schülern nötig, manchmal sei auch der Einbezug externer Fachstellen sinnvoll. «Wir unternehmen Interventionen in der Klasse oder mit einzelnen Schulkindern, oft führen wir auch Gespräche mit Eltern», sagt Tanja Grimaudo. Spätestens nach ein paar Wochen merke sie jeweils eine deutliche Verbesserung, nach weiteren Wochen bis Monaten sei meistens das Klassenklima nachhaltig positiver geworden. Und dann dürfen auch besonders begabte Schulkinder ihr Können wieder angstfrei zeigen.